Wie anfangen? - eine Predigt über Grundlegendes am 12. Sonntag nach Trinitatis von Pastor Martin Klatt

Wie anfangen? - eine Predigt über Grundlegendes am 12. Sonntag nach Trinitatis von Pastor Martin Klatt

Wie anfangen? - eine Predigt über Grundlegendes am 12. Sonntag nach Trinitatis von Pastor Martin Klatt

# D | Predigten

Wie anfangen? - eine Predigt über Grundlegendes am 12. Sonntag nach Trinitatis von Pastor Martin Klatt

Gnade sei mit uns und Friede von Gott unserm Vater und von dem Herrn Jesus Christus. AMEN.

Es ist der erste Schultag. Nicht nur der erste nach den großen Ferien – spannend genug! Es ist der erste Schultag überhaupt. Ich sehe meine Enkelin inmitten der anderen Kinder, ihre Freude, das Lachen auf dem Gesicht, ihren Stolz: Endlich bin ich ein Schulkind. Sie hat so sehr auf diesen Tag gewartet. „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne…“

Ich versuche, mich an meinen ersten Schultag zu erinnern. So lange her. Irgendwie gar nicht zu vergleichen. Der erste Schultag meiner Tochter, wie sie nach Hause kam. „Na wie war’s?“ Und sie: „Mit Müh und Not hab ich mich gefreut.“ Zauber des Anfangs und eben auch: Aller Anfang ist schwer.

Die erste Konfi-Stunde in der neuen Gruppe. Jetzt geht es richtig los. Erwartungen, Hoffnungen, Befürchtungen vielleicht auch, gemischte Gefühle eben. Noch ist nichts vertraut. Wir kennen noch nicht einmal die Namen aller. Was soll am Anfang stehen? Womit beginnen? Wie gelingt der neue Anfang?

Beim Aufräumen alte Urlaubsbilder entdecken und anschauen. Die Klosterruine in Eldena. Abendsonne; richtig romantisch. Alte Steine, Bögen, durch die man hindurchgehen kann; umstanden von großen Bäumen. Den Greifswalder Maler Caspar David Friedrich hat dieser Ort immer wieder inspiriert. Manchmal hat er Teile der Ruine eingezeichnet in ganz andere Landschaften. Einmal, lang lang ist’s her, haben dort Menschen gelebt. Sie haben dort gearbeitet. Sie haben gesungen und gebetet, Gottesdienste gefeiert, ihren Alltag gestaltet. Drei Wände sind geblieben von dem Raum, in dem einst ein großer Tisch stand, an dem alle gemeinsam aßen. Und noch länger davor gab es Menschen, die diesen Ort einmal aufgebaut haben: angefangen haben, Pläne zu machen, Fundamente gelegt, gemauert, Stein auf Stein, Dächer gedeckt. Über vier Jahrhunderte wurde an dem Kloster gebaut. Nun ist es eine Ruine. Dächer sind eingefallen, Mauern umgestürzt. Den Schutt hat man weggeräumt. Die Klosteranlage diente zu Zeiten als Steinbruch für den Bau von Befestigungsanlagen und Universitätsgebäuden. Ob die, die diesen Ort einmal angefangen haben zu bauen, daran gedacht haben? Gehofft, gewünscht haben sie sicher etwas anderes. Die unterschiedlichen Zeiten, Kriege mit ihrem Feuer sind darüber hinweggegangen. Viel ist nicht geblieben. Aber schön ist es dort. Ein bisschen geheimnisvoll. Mir ist, als ob etwas von dem Geist derer, die dort einmal bauten und lebten, immer noch lebendig ist.

Aber plötzlich auch der Gedanke: Ist das jetzt ein Bild für Kirche? Sieht so ihre Zukunft aus? Abbruch? Ruinen? Was wird aus den Anfängen? Aus den eigenen – kleinen und großen? Was wird aus Plänen, Hoffnungen, Wünschen? Was wird aus der Kirche?

Und nun, in all die unfertigen, noch ungeordneten Gedanken und gemischten Gefühle hinein die Worte des Apostels Paulus, geschrieben an die Gemeinde in Korinth, die gerade erst am Anfang ist, ganz am Anfang noch. Aus dem 1. Korintherbrief im 3. Kapitel – Paulus schreibt: Wir sind Gottes Mitarbeiter; ihr seid Gottes Ackerfeld und Gottes Bau. Nach Gottes Gnade, die mir gegeben ist, habe ich den Grund gelegt als ein weiser Baumeister; ein anderer baut darauf. Ein jeder aber sehe zu, wie er darauf baut. Einen andern Grund kann niemand legen außer dem, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus. Wenn aber jemand auf den Grund baut Gold, Silber, Edelsteine, Holz, Heu, Stroh, so wird das Werk eines jeden offenbar werden. Der Tag des Gerichts wird es ans Licht bringen; denn mit Feuer wird er sich offenbaren. Und von welcher Art eines jeden Werk ist, wird das Feuer erweisen. Wird jemandes Werk bleiben, das er darauf gebaut hat, so wird er Lohn empfangen. Wird aber jemandes Werk verbrennen, so wird er Schaden leiden; er selbst aber wird gerettet werden, doch so wie durchs Feuer hindurch.

Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt? Wenn jemand den Tempel Gottes zerstört, den wird Gott zerstören, denn der Tempel Gottes ist heilig – der seid ihr.

Gedanken im Fluss. Angefangen, neu angesetzt, noch nicht fertig.

Wir sind Gottes Mitarbeiter. Was für ein würdigender Anfang! Das bin ich, auch ich. Und die Frage: Bin ich das?

Ihr seid Gottes Ackerfeld. Und noch ein anderes Bild: Ihr seid Gottes Bau. Das also bin ich auch? Das eine – Gottes Mitarbeiter – und zugleich auch Gottes Bau? Bin ich vielleicht beides zugleich? Bauarbeiter und eine Baustelle, vielleicht sogar eine Großbaustelle? An mir wird gearbeitet und gebaut. Klingt beides nach Müh.

Der kommende Tag des Gerichts und des Feuers – das klingt nun bedrohlich und nach Not. Müh und Not.

Einen andern Grund kann niemand legen… Um Grundlegendes also geht es auch.

Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt? Hab ich das gewusst? Hat mir das einmal jemand gesagt? Hab ich es einmal gewusst und wieder vergessen? Was soll ich damit anfangen, mit all dem? Und: Was will das mit mir anfangen? Wo anfangen?

Einen andern Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus. Das steht nicht am Anfang, aber mitten in den Gedankengängen ist es Erinnerung an den Anfang. Den hab nicht ich gemacht; den hat Gott gemacht – für mich, für alle. Der trägt den Namen Jesus Christus. Der Anfang ist Liebe, bedingungslose Liebe. Liebe, die sich vollkommen eingelassen hat auf das, was menschliches Leben ist, auf Müh und Not auch. Liebe, die bis zum Äußersten gegangen ist – bis zum Kreuz, bis in den Tod. Und nach drei Tagen kam heraus, dass die Liebe auch am Tod nicht stirbt. Das ist der feste Grund, auf dem ich lebe, fest stehen kann und Schritte gehen, arbeiten und mich verändern.

Und ich schreibe an mein Enkelkind zum ersten Schultag – und denke an alle die anderen Schulkinder ebenso:„Was ich Dir wünsche: Ganz viel Freude am Lernen! Es gibt so viele Wunder. Und dass Du etwas nicht vergisst: Du selber bist auch ein Wunder. Du bist richtig. Gott wollte dich so, wie du bist.“

Mit den Konfirmandinnen und Konfirmanden beginnen wir mit einem Moment Stille. Da stehen – jeder, jede für sich und miteinander. Den Grund spüren, auf dem wir stehen. Wir sind Getragene – immer schon, auch wenn uns das vielleicht noch nie bewusst geworden ist. Wir schauen auf ein Kreuz: Jesus Christus – gekreuzigt und schon im Licht der Auferstehung. Und wir richten uns auf. Getragen und aufgerichtet – wir alle. Damit fangen wir an.

Auch als Kirche – immer wieder neu. Kirche fängt nie mit uns selber an. Paulus erinnert daran: Andere waren vor uns da. Wir alle haben Mütter und Väter im Glauben. Und vor ihnen waren wieder andere da. Sie fanden etwas vor – und sie bauten weiter, bauten um, pflegten den Garten. So war es von Anfang an.

Und heute also wir! Namensrunde in der Konfi-Gruppe: Sagen, wer wir sind. Wahrnehmen, wer die anderen sind. Wir sind Gottes Mitarbeiter. … Wir sollen zusammen arbeiten und zusammenarbeiten. Gemeinsam – und jeder und jede einzelne ist wichtig dabei. Eine Konfi-Gruppe – das ist Kirche im Kleinen.

Ein jeder sehe zu, wie er darauf baut. Entspricht, was wir bauen, dem Fundament, das mit Christus gelegt ist und das Liebe heißt? Immer wieder so fragen – und erste Antworten, die wir finden: Respektvoll miteinander umgehen, einander zuhören, niemanden auslachen. So wollen wir ans Werk gehen. So kann was draus werden.

Kirche wie ein Garten, lebendiges Biotop. Oder wie ein Haus, das erst im Entstehen ist. Kirche ist nie fertig. Viele gärtnern da und bauen daran mit. Mit Gold, Silber, Edelsteinen, Holz, Heu, Stroh. Wirklich sehr unterschiedliche Baumaterialien. Nicht alles von gleicher Qualität. Einmal wird sich herausstellen, was Bestand hat und was nicht. Gott wird es ans Licht bringen. Was dann bleiben wird, ist ein Grund zur Freude. Manches wird vergehen, das wird schmerzen. Doch an Gottes Liebe muss niemand zweifeln – und aus Angst etwa das Mitbauen einstellen. Es steht ja noch dahin, was Bestand haben wird und was nicht, was blüht und Früchte trägt und was verwelkt. Es ist doch alles, was wir tun, ein Versuch bloß. Und was wir zustande bringen, bleibt ein Fragment. So gut wir es vermögen, nach bestem Wissen und Gewissen. Nicht alles wird so, wie wir es uns denken.

Das gilt schon für die Worte des Paulus: gerettet werden, doch so wie durchs Feuer hindurch. Die Worte sollten einmal Angst nehmen – und wurden zu Worten, die Angst machten: die Vorstellung vom Fegefeuer: reinigendes Feuer vor dem Paradies. Vor seinen Qualen zitterten die Menschen des Mittelalters – und manche tun’s noch heute. Und es führt ein Weg von diesen Worten zu den Scheiterhaufen der Hexenverbrennungen. Welch ein Widersinn! Was für eine schreckliche Schuld der Kirche!

Wir lernen, wir arbeiten, mühen uns, gestalten mit, empfangen und geben weiter – in der Hoffnung, dass Gott nicht aufhört an uns zu arbeiten. Hat ja seine liebe Müh und Not mit uns Menschenkindern. Aber was für ein Geschenk, dass wir noch nicht fertig sind.

Einen andern Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus. Vielleicht ist noch wichtiger als das, was wir bauen, worauf wir bauen. Ist es getragen von der Liebe, die in Jesus Christus Mensch geworden ist – die heilt und verzeiht, die aufrichtet und sich erbarmt, die Gemeinschaft stiftet und keinen Menschen aufgeben will, die das Herz zuversichtlich und fröhlich macht und frei? Das wäre schön, wenn man uns und unserem Tun das Vertrauen auf diese Liebe abspüren könnte. Den Ernst dabei und die Sorglosigkeit, die getrost Gott überlässt, was aus dem wird, was wir bauen. Mit Dietrich Bonhoeffer gesagt: „Es kommt wohl nur darauf an, ob man dem Fragment unseres Lebens noch ansieht, wie das Ganze eigentlich angelegt und gedacht war und aus welchem Material es besteht.“

AMEN.

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