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Von den Sprachen, dem Geist und der Vielfalt. Predigt zu Pfingsten.

Von den Sprachen, dem Geist und der Vielfalt. Predigt zu Pfingsten.

Von den Sprachen, dem Geist und der Vielfalt. Predigt zu Pfingsten.

# D | Predigten

Von den Sprachen, dem Geist und der Vielfalt. Predigt zu Pfingsten.

„Die Sprache ist die Schatzkammer eines Volkes“, sagt der Urgroßvater „Darin bewahrt man alle Erinnerungen und alle Erfahrungen von vielen tausend Jahren auf.“ Der Junge wundert sich, liebe Gemeinde, woher die Wörter kommen. Wer hat sie sich ausgedacht? Boy, zehn Jahre alt, und sein Urgroßvater sitzen hinter verschlossenen Türen in ihrer Hummerbude und erzählen. Haben sich in Sicherheit gebracht vor der gestrengen Großmutter und den kranken Schwestern. Sie staunen, welche Kraft in der Sprache steckt: „Wer Glück, Witz, Verstand und ein heiteres Herz hat, der kann mit zwei Wörtern viel ausrichten in der Welt“, erfährt der Junge. Bevor die Großmutter sie sucht, vermittelt der Urgroßvater dem Jungen flugs das Geheimnis jeder guten Geschichte: „Man muss die Dinge erlebt haben, über die man spricht. Sonst sind die Wörter so leer und so komisch, wie deine Hose und dein Hemd da auf dem Stuhl.“ – „Dann sind die Wörter ja wie Kleider, mit denen man die ganze Welt anzieht, Urgroßvater!“ – „Jawohl, Boy, so ungefähr ist es.“ Sprachen sind ein Schatz. Sprache erklärt die Welt, und Sprache verbindet. Schon ein, zwei Wörter erschließen neue Welten.

In Jerusalem lebten auch fromme Juden aus aller Welt, die sich hier niedergelassen hatten. Als das Rauschen einsetzte, strömten sie zusammen. Pfingsten beginnt mit verschlossenen Türen. Da bricht Sprache sich Bahn, feurig-rauschend und ungezügelt brausend unter den Vertrauten von Jesus. Sie haben sich in Sicherheit gebracht nach dem Kreuzestod. Die Menschen um sie her sind darüber komplett verstört, denn jeder hörte sie in seiner eigenen Sprache reden. Erstaunt und verwundert sagten sie: »Sind das nicht alles Leute aus Galiläa, die hier reden? Wie kommt es, dass jeder von uns sie in seiner Muttersprache reden hört? Wir kommen aus Persien, Medien und Elam. Wir stammen aus Mesopotamien, Judäa und Kappadozien, aus Pontus und der Provinz Asia, aus Phrygien und Pamphylien. Aus Ägypten und der Gegend von Kyrene in Libyen, ja sogar aus Rom sind Besucher hier. Wir sind Juden von Geburt an, aber auch Fremde, die zum jüdischen Glauben übergetreten sind. Auch Kreter und Araber sind dabei. Wir alle hören diese Leute in unseren eigenen Sprachen erzählen, was Gott Großes getan hat.« Sie haben etwas erlebt und können das nicht für sich behalten. Eine große Geschichte. Eine ganz neue Weltanschauung. Das sprengt alle Grenzen, auch die der Sprachen. Sie sind inspiriert, geistbeseelt, erfüllt von überbordender Lebensfreude. Ein einziger Rausch! Unfassbar für die, die das erleben. Erstaunt und ratlos sagte einer zum anderen: »Was hat das wohl zu bedeuten?«

Was hat das zu bedeuten mit Pfingsten, liebe Gemeinde? Was will das werden? Wozu dieses rauschhafte Fest voller Leichtigkeit, Phantasie, Neugier, Freude und Lachen? Wozu die alte Geschichte von den Jesusleuten, die ihre Komfortzone verlassen? Pfingsten beginnt mit einer geschlossenen Gesellschaft verängstigten Menschen. Man bleibt unter sich, in der eigenen Bubble. Aber plötzlich gerät alles in Bewegung. Türen gehen auf. Menschen gehen auf andere zu. Sprache trennt nicht mehr, sondern verbindet. Beklommenheit wird zu leichtherziger, lebensfreundlicher Begeisterung. Zu schön um wahr zu sein? Schon damals wurde gespottet: »Die haben zu viel süßen Wein getrunken!« Da trat Petrus vor die Menge, zusammen mit den anderen elf Aposteln. Mit lauter Stimme wandte er sich an die Leute: »Ihr Leute von Judäa, Bewohner von Jerusalem! Lasst euch erklären, was hier vorgeht, und hört mir gut zu! Diese Leute hier sind nicht betrunken, wie ihr meint. Es ist ja erst die dritte Stunde des Tages. Nein, was hier geschieht, hat der Prophet Joel vorhergesagt: ›Gott spricht: Das wird in den letzten Tagen geschehen: Ich werde meinen Geist über alle Menschen ausgießen. Eure Söhne und Töchter werden als Propheten reden. Eure jungen Männer werden Visionen schauen, und eure Alten von Gott gesandte Träume haben. Über alle, die mir dienen, Männer und Frauen, werde ich in diesen Tagen meinen Geist ausgießen. Und sie werden als Propheten reden. Ich werde Wunder tun droben am Himmel und Zeichen erscheinen lassen unten auf der Erde: Blut und Feuer und dichte Rauchwolken. Die Sonne wird sich verfinstern, und der Mond wird blutrot werden. Dies alles geschieht, bevor der große und prächtige Tag des Herrn anbricht. Jeder, der dann den Namen des Herrn anruft, wird gerettet werden!‹

Was für eine wunderbar beschwingte Vorstellung für diese Welt, in der alles, was abweicht und fremd scheint, zunehmend als Bedrohung gilt. Ein Traum. Eine Vision. Menschen können sich verstehen. Auf überraschend neue Weise kommen sie sich nahe. Anderssein ist kein Hindernis für Verständigung. Alle behalten ihre Sprache und verstehen sich trotzdem, ohne Google translator. Pfingsten hebt Hierarchien und Zuschreibungen auf: Junge reden, Alte träumen, Frauen ergreifen in einer Männergesellschaft das Wort, alle hören und erleben Gottes Geist. Dieser Geist spricht offenbar durch Menschen, die sich das Staunen bewahren. Pfingsten scheint etwas auf von der Welt, wie sie sein könnte – und von uns, wie wir sein können und wie Gott uns sieht. Diese verrückte alte Geschichte von den Menschen, die sich jenseits aller Sprachbarrieren und Milieugrenzen verstehen, sie hält die Sehnsucht wach. Die Menschen werden nicht alle gleich in der Pfingsterzählung. Römer bleiben Römer, Ägypterinnen Ägypterinnen. Menschen sprechen nach wie vor Arabisch oder Persisch. Aber vor dem Heiligen Geist sind alle gleich. Er ergreift Männer wie Frauen, Fröhliche und Traurige, Gutsituierte und Geflüchtete. Erkennbar wird mit einem Mal das Gemeinsame jenseits aller Unterschiede und Grenzen, jenseits von Nation, Religion oder Einkommen. Pfingsten ist die Erfahrung von Differenz ohne Feindschaft und Gewalt. Das kam den Zeitgenossen weltfremd vor. Die Frage, ob Wein und andere Rauschmittel im Spiel sind, mag stellen, wer den Kern dieser großen Hoffnung nicht fassen kann. Aber diese Leichtigkeit, dieses Glück der Verschiedenheit, die Phantasie, die daraus erwächst, genau die brauchen wir heute wie damals: Raus aus der Bubble, rein ins bunte Leben! Denn eine Gesellschaft, die ihre Vielfalt aufgibt, verliert sich selbst.

„Ist diese Geschichte wirklich passiert?“, fragt der zehnjährige Boy bei James Krüss seinen Urgroßvater. Der antwortet: „Wenn eine Geschichte einen Sinn hat, dann ist sie wahr, selbst wenn sie nicht passiert ist. Verstanden?“ Der Junge versteht es nicht, aber man muss auch nicht alles verstehen, wenn man zehn ist, sagt der Kinderbuchautor. Er wäre in diesen Tagen 100 Jahre alt geworden. Seine Geschichten vom Leuchtturm auf den Hummerklippen oder vom Urgroßvater und ich atmen pfingstlichen Geist, finde ich. Sie handeln von Menschen, die Träume haben, die an Wunder glauben und sich auf Visionen einlassen, wie Petrus das nennt. „Damit Kinder denkende Zeitgenossen werden, muss man sie das Mitdenken lehren“, hat James Krüss gesagt, der selber als Kind und Jugendlicher auf die braunen Verführer hereinfiel. Ihm fiel es leicht, sich Sprachen anzueignen. Sieben sprach und übersetzte er. Sein Verhältnis zum Glauben war spielerisch, sein Gottesbild heiter und voller Leichtigkeit. „Liebt die Welt und liebt das Leben“, legt James Krüss Gott in den Mund. Das Lachen war ihm heilig, zeigt sein Buch Timm Thaler oder das verkaufte Lachen. Es liest sich erstaunlich aktuell. Wer nicht miteinander lacht, kann sich nicht verstehen. Sprache ist der Ort der Menschlichkeit und der Schlüssel zum Verständnis der Welt – und der Liebe. Liebe zur Welt und zum Leben. Liebe zu den Menschen und Liebe zu Gott.

Was will das werden mit dieser Welt? Nicht nur Kinder brauchen Geschichten wie die Pfingstgeschichte, um von einem anderen Miteinander zu träumen als von dem, das wir gerade erleben. James Krüss schreibt: „Gefragt, wie ich denn / Verse schreiben könne, / Da doch in Teheran und Bagdad Krieg / In Chile Mord, / In Pandschab Aufruhr herrsche, / Antworte ich: / Da keine Not mich zwingt, / Am Waffenschmieden / Brauchbar für den Krieg / Und für Tyrannenfreunde / Teilzunehmen, / Nehm ich des Dichters / Schönes Vorrecht wahr / Und schmiede Verse, / Brauchbar für den Frieden.“

Wir brauchen Träume und Geschichten für den Frieden. Lasst euch das Lachen nicht abkaufen und den Mut zur Verständigung. Liebt die Welt, liebt das Leben, lasst euch die Freude nicht nehmen. Pfingsten schenkt Gott uns jede Menge Mut zum Leben. Über alle Grenzen hinweg. Amen

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