Vom Vertrauen und von der Bereitschaft, neue Wege zu gehen

Vom Vertrauen und von der Bereitschaft, neue Wege zu gehen

Vom Vertrauen und von der Bereitschaft, neue Wege zu gehen

# D | Predigten

Vom Vertrauen und von der Bereitschaft, neue Wege zu gehen

Landesbischöfin Kristina Kühnbaum-Schmidt    Predigt am 5. Sonntag nach Trinitatis,     5.7.2026 zu Lk 5, 1-11 im Lübecker Dom

 

Manche hören auf, wenn es am schönsten ist – auf dem Höhepunkt ihres Erfolgs, nachdem sie ihre Ziele erreicht haben. Andere gehen, wenn es schwierig wird: wenn Konflikte eskalieren, Probleme übermächtig erscheinen und die Belastung zu groß wird. Wieder andere bleiben gerade dann. Für sie beginnt die eigentliche Arbeit erst dort, wo der Aufbruch vorbei ist und sich Ausdauer, Mut und Verantwortung in den Tiefen des Weges bewähren müssen.

 

Simon Petrus, von dem das heutige Evangelium erzählt, gehört zu denen, für die die eigentliche Arbeit erst dann beginnt. Nach einer langen Nacht harter Arbeit ziehen er und seine Gefährten die Netze ein – leer. Wieder einmal waren alle Mühen vergeblich. Enttäuschung macht sich breit. Doch Aufgeben ist für Simon keine Option. Er lebt von seiner Arbeit. Für diesen Tag ist Schluss – nicht aus Resignation, sondern weil auch Beharrlichkeit ihre Pausen braucht.

 

Und dann erscheint tritt Jesus – der junge Wanderprediger, dem die Menschen in Scharen folgen. Ausgerechnet den erfolglosen Fischer Simon übersieht er nicht. Er steigt in dessen Boot und fordert ihn auf: „Fahre hinaus, wo es tief ist, und wirf die Netze noch einmal aus.“ Simon hat allen Grund zum Zweifel: Die ganze Nacht haben sie gearbeitet und nichts gefangen. Trotzdem antwortet er: „Auf dein Wort will ich die Netze auswerfen.“

Simon vertraut Jesus – vielleicht, weil er erlebt, wie Jesus Menschen mit Achtung und Mitgefühl begegnet und Hoffnung statt Resignation weckt. Jesus ermutigt ihn, das Scheitern nicht zum letzten Wort werden zu lassen. Simon wagt einen neuen Versuch.  „Auf dein Wort…“ Die Netze füllen sich überreich.

 

Das Wunder beginnt mit Vertrauen und der Bereitschaft, neue Wege zu gehen. Vielleicht ist das auch unsere Aufgabe heute: Vertraute Routinen hinter uns zu lassen und den Mut zu finden, Neues zu wagen – in der Kirche und in unserer Gesellschaft. Mit wirklich neuen Wege, nicht alten im neuen Gewand. Weil sich neue Herausforderungen und Fragen stellen. Damit die müden und enttäuschten Fischer noch einmal hinausfahren, braucht es jemanden, der ihnen zutraut, dass ihre Mühe nicht vergeblich ist. Genau dafür steht Jesus Christus: Er schenkt Hoffnung, wo Menschen keine Hoffnung mehr sehen, und eröffnet neue Möglichkeiten, wo wir nur noch Grenzen erkennen.

 

Das ist die Mitte der Auferstehungsbotschaft: Gott schenkt verlässliche Hoffnung. Gott schenkt neues Leben und neue Möglichkeiten, selbst da, wo wir meinen, dass wir am Ende unserer Möglichkeiten sind, dass alles vorbei ist. All das: aus Liebe. Aus Liebe zu Dir, zu Dir, zu uns, zu allen seinen Geschöpfen, zu dieser Welt. Aus Liebe bleibt Gott am Werk und schafft neue Perspektiven, auch da, wo wir nichts mehr bewirken können - im Leben und über die Begrenztheit unseres Lebens hinaus. In diesem Licht der Möglichkeiten Gottes, im Licht der Auferstehung, geschieht auch etwas mit uns. In diesem Licht werden wir zu solchen, die aus den Möglichkeiten seiner Liebe leben. Und die deshalb wirklich menschlich, nämlich mitmenschlich leben - in Solidarität und Verbundenheit, als Menschengeschwister und Gotteskinder über die Grenzen von Nationen, Religionen und Konfessionen, und auch von Ost und West in unserem Land hinweg. Wer aus dieser Hoffnung lebt, kann auch anderen Hoffnung schenken. So wachsen Solidarität, Mitmenschlichkeit und Verbundenheit – über alle Grenzen hinweg.

 

Genau das brauchen wir alle: ein mitmenschliches Zusammenleben - nicht Hassreden und populistisches Gegeneinander. Sondern mitmenschlich leben, füreinander einstehen und füreinander da sein. Konkret und praktisch helfen, wenn Menschen in Not sind - unabhängig davon, welche Hautfarbe oder welches Geschlecht sie haben, woher sie kommen und wen oder wie sie lieben. Barmherzig sein. Einstehen für die Würde aller Menschen, jedes einzelnen Menschen. Für ein würdevolles Leben im Alter, mit zugewandter Hilfe und Pflege und mit Respekt vor dem, was alles selbstständig möglich ist. Für eine gute Zukunftsperspektiv auf diese verletzlichen Erde für unsere Kinder und Kindeskinder.

 

Das Vertrauen des Simon Petrus wird reich belohnt. Ein grandioser Fang gelingt, ein richtiger Coup. Mit so einem Fang könnte Simon ausgesorgt haben für lange Zeit. Davon könnte er lange zehren. Es sich gut gehen lassen. Er könnte stolz ans Ufer zurückkehren, als Held des Tages. Aber Simon Petrus hat anderes in Kopf und Herz. „Als das Simon Petrus sah, fiel er Jesus zu Füßen und sprach: Herr, geh weg von mir! ich bin ein sündiger Mensch. Denn ein Schrecken hatte ihn erfasst, und alle, die bei ihm waren, über diesen Fang, den sie miteinander getan hatten.“ Ich finde: Das ist eine sehr bemerkenswerte Reaktion. Auf dem Gipfel des Erfolgs berauscht Simon Petrus sich nicht an sich selbst und den eigenen Fähigkeiten, sondern er behält im Blick, wer er selber ist: „Ich bin ein sündiger Mensch!“

 

Simon Petrus kann unterscheiden zwischen seinem eigenen, dem menschlichen Anteil am großen Erfolg und dem, was ihm dabei nicht zukommt. Simon Petrus sind seine menschlichen Grenzen bewusst - das hier, der große Fischzug, ist nicht sein Werk, sondern liegt ganz in den Händen eines anderen. Und das, was der vermag, kann zunächst erschrecken. Wenn einer, wo nichts ist, kein einziger Fisch, die Netze zum Bersten zu füllen vermag, wenn einer aus dem Nichts die Fülle schaffen kann, so kann der womöglich auch sonst aus dem Nichts die Fülle des Lebens werden lassen. Aus Hass Liebe werden lassen. Aus Benachteiligung Gerechtigkeit. Aus dem Tod neues Leben.

 

„Und Jesus sprach zu Simon: Fürchte dich nicht! Von nun an wirst du Menschen fischen. Und sie brachten die Boote an Land und verließen alles und folgten ihm nach.“ Manche hören auf, wenn es am schönsten ist. Auf dem Gipfel des Erfolgs. Für andere fängt die Arbeit dann erst an. Simon Petrus soll ein Menschenfischer werden - das wird zweifellos ein mindestens so mühevolles Unterfangen sein wie ein Fischfang im See. Simon Petrus verlässt alles, was er hat, alle Sicherheiten, alle Routinen, alle Gewissheiten und folgt Jesus nach. Dabei wird er Erfolge und Misserfolge erleben, eigenes Bestehen und eigenes Scheitern. Er wird miterleben, wie der, dem er vertraut, ohnmächtig am Kreuz stirbt. Aber er wird auch miterleben, wie der, der am Kreuz stirbt, lebendig anwesend sein wird mitten unter seinen Freunden. Vielleicht hat Simon Petrus dann an den großen Fischzug gedacht und daran, wie durch Jesus schon damals aus dem Nichts die Fülle des Lebens entstand. Eines aber hat Simon Petrus nie vergessen: zu unterscheiden zwischen seinem, dem menschlichen Anteil am Erfolg, und dem Anteil Jesu, dem göttlichen Anteil.

 

Von Simon Petrus wird erzählt: Als er in der Nachfolge Jesu am Kreuz sterben sollte, habe er darum gebeten, mit dem Kopf nach unten ans Kreuz genagelt zu werden. Aus Respekt vor Christus. „Ich bin ein sündiger Mensch“, sagt Simon Petrus. Er weiß, wie wir Menschen sind, wie schrecklich wir sein können, und auch wie wunderbar. Er weiß, was wir vermögen, und er weiß, was Gott vermag. Er kennt seine und unsere menschlichen Grenzen. Er vertraut darauf, dass Gott aus dem Nichts die Fülle schafft, aus dem Tod neues Leben. „Ich bin ein sündiger Mensch“, sagt Simon Petrus. Und Jesus antwortet ihm wie uns: „Fürchte dich nicht.“ Amen.

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