13/09/2026 0 Kommentare
Sorglos sorgsam. Eine Predigt über den Anfang der Zukunft von Pastorin Margrit Wegner
Sorglos sorgsam. Eine Predigt über den Anfang der Zukunft von Pastorin Margrit Wegner
# D | Predigten

Sorglos sorgsam. Eine Predigt über den Anfang der Zukunft von Pastorin Margrit Wegner
„Das sollten Sie der Gemeinde am Sonntag mal sagen, Frau Pastorin!“ Da steht er, liebe Gemeinde, dieser drahtige ältere Herr, mit der Gießkanne in seiner Hand. Er wässert energisch die sechs Quadratmeter zwischen Glascontainer, Spielplatz und Straße. Struppige Sonnenblumen und letzte Stockrosen an einem staubtrockenen Tag. Der Asphalt ist heiß, ich sehne mich nach Schatten. Er zupft trockene Blätter und Unkraut. Meine Einkaufstasche wird schwer. „Sagen Sie das den Menschen mal von der Kanzel. Dass die alle einen Eimer Wasser nehmen sollen für die Bäume. Und dann gießen. Schön dicht am Stamm. Damit das auch die Wurzeln erreicht. Ist ganz wichtig. Das müssen Sie mal predigen.“
Auftrag ausgeführt. Habe ich Ihnen und Euch hiermit gesagt. Das tue ich selten, dass ich solche Aufträge annehme. Aber die Sorge dieses Mannes hat mich gerührt. Wie viele volle Gießkannen hat er die Straße hinauf geschleppt? Er hat sich dieses kleinen Fleckchens Erde angenommen. Die Kastanie mit den braunen Blättern gießt er auch. Der Sommer war wieder zu trocken. Das bisschen Regen hilft kaum. „Jeder einen Eimer Wasser, Frau Pastorin. Denken Sie dran!“
Sorgt euch nicht, sagt Jesus. Aber genau das tut dieser Mann. Tun wir alle. Wir sorgen uns. Um unsere Zukunft und um die Zukunft der Bäume. Um das politische Klima jetzt nach der Wahl. Klimawandel betrifft ja nicht nur das Wetter. Der Ton ist rau geworden. Eine Konfirmandin schreibt: „Warum in unserer Gesellschaft so viel schiefläuft, frage ich mich.“ Die Sorgen sind groß, bei 13-Jährigen und genauso bei 73-Jährigen. Die Einsamkeit für manche noch größer. Die Traurigkeit, Fassungslosigkeit, Sprachlosigkeit. Wir spüren: Da läuft gewaltig was aus dem Ruder. Der Zusammenhalt. Die Zuversicht. Dabei steht unsere gemeinsame Zukunft echt auf dem Spiel.
Vom Anfang der Zukunft erzählt heute der Predigttext. Vom Anfang 2.0. Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde, 1. Kapitel der Bibel. Vielen vertraut. Gott sprach: Es werde Licht, und es ward Licht. Sieben Tage, großzügig gerechnet, eher göttliche als menschliche Zeitrechnung. Die Vögel unter dem Himmel, die Fische im Wasser, die Lilien auf dem Felde samt Stockrosen und Sonnenblumen. Sieh an: Sehr, sehr gut. Gleich im 2. Kapitel aber: Alles wieder auf Anfang. Folgt der zweite Schöpfungsbericht: Zu der Zeit, als Gott der Herr Erde und Himmel machte, wuchs noch nichts auf der Erde. Es gab keine Sträucher auf dem Feld und auch sonst keine Pflanzen. Denn Gott der Herr hatte noch keinen Regen auf die Erde fallen lassen. Es gab auch keinen Menschen, der den Erdboden bearbeitete. Wasser stieg aus der Erde auf und tränkte den ganzen Erdboden. Da formte Gott der Herr den Menschen aus Staub vom Erdboden. Er blies ihm den Lebensatem in die Nase, und so wurde der Mensch ein lebendiges Wesen.
Sorgt euch nicht, sagt Jesus. Ihr seid kostbar in Gottes Augen. Ihr lebt. Werdet geliebt. Seid Teil dieser Welt. Dieser Text sucht nach Bildern, für das, was nicht bebilderbar ist. Nach dem Hauch einer Ahnung von dem, wie alles begann und wie es sich durchzieht in unendliche Ewigkeit. Wie erzählt man von etwas Unbegreiflichem, das die Grundlage ist von allem, was wir zu begreifen versuchen? Es sind die alten Fragen, immer wieder neu gestellt. Wo kommen wir her? Wo gehen wir hin? Was geschieht dazwischen? Wir sind Teil der Erde, hören wir hier. Sind entstanden aus dem, was wir selbst nicht gern sehen: aus Staub. Werden zu lebendigen Wesen, zu einer lebendigen Seele durch den Lebenshauch Gottes. Wer ein neugeborenes Kind atmen sieht oder erlebt, wie ein sterbender Mensch sein Leben aushaucht mit dem allerletzten Atemzug, ahnt wohl, was dieser Anhauch Gottes, der Lebensatem, diese zärtlichste Nähe bedeutet. Gott kommt dem Menschen ganz nahe. Gott haucht die Schöpfung ins Leben. Das ist die Grundlage aller Wirklichkeit. Der Beginn allen Lebens. So ist das Leben. Das macht den Unterschied im Glauben: Wir sind kein Zufalls-, kein Abfallprodukt, keine Laune der Natur. Wir sind von Gott gewollt, geliebt, beatmet.
Dann legte Gott der Herr einen Garten an – im Osten, in der Landschaft Eden. Dorthin brachte er den Menschen, den er geformt hatte. Gott der Herr ließ aus dem Erdboden alle Arten von Bäumen emporwachsen. Sie sahen verlockend aus, und ihre Früchte schmeckten gut. Gott der Herr nahm den Menschen und brachte ihn in den Garten Eden. Er sollte ihn bearbeiten und bewahren. Es ist seltsam mit den beiden alten Berichten vom Anfang. Manche sagen: Da widerspricht sich die Bibel gleich in den ersten beiden Kapiteln. Erst ruft Gott durch sein Wort alles ins Leben in einer Woche, und dann fängt Gott wieder bei Null an oder eben bei Himmel und Erde. Es gibt aber eine wunderbare Auslegung, die beide Schöpfungsgeschichten poetisch verbindet: Es ist alles da, ja. Aber es ist noch nicht zueinander geschaffen. Es hat noch nicht zueinander gefunden. Jetzt erst verbindet sich Leben. Zuvor hat Gott gesprochen, und was Gott sagte, geschah. Nun aber formt Gott. Gestaltet. Und der Mensch soll das ausdrücklich auch tun im Rahmen seiner Fähigkeiten. Dafür setzt Gott den Menschen nicht einfach irgendwo aus in Staub und leerer Ödnis. Nicht auf einen Acker, einen Berg, einen Marktplatz, in eine Produktionsstätte. Gott gibt ihn zärtlich und zugewandt in diesen wunderbaren Garten. Einen Ort, der zu nichts anderem angelegt ist als zum Blühen und zur Freude. Ein „Üppigland“, wörtlich gelesen. Ein paradiesisches Fleckchen Erde. Wie muss das für die Menschen geklungen haben damals im heutigen Israel und Palästina, wo Wasser immer schon kostbar war. Und nicht nur das: Gott schafft sich den Menschen nicht als possierliches Geschöpf zum Anschauen, sondern lässt den Menschen gestalten. Gibt ihm Verantwortung. Vertraut ihm das blühende Leben an. Mit einem Auftrag: Er soll ausdrücklich nicht ausbeuten, sondern diesem Garten dienen und das Leben hüten. Sorgfältig und sorglos zugleich.
„Einen Eimer Wasser für die Bäume“, sagt der Mann aus der Nachbarschaft. „Denken Sie dran, Frau Pastorin.“ Er hat dem Straßenrand die paar Quadratmeter Brachland abgetrotzt in mühsamer Arbeit. Hat dort auf den Knien gebuddelt und Unkraut gezupft. Hat die staubige Erde hinter den Wertstoffcontainern in eine blühende Landschaft verwandelt. Andere tun das mit ihren Geranien auf dem Balkon oder ihrem Schrebergarten. Gott und der Welt zur Freude. Wer erntet und aussäht, wer sich an Blüten erfreut und reife Früchte auf der Zunge zergehen lässt, wer Laub harkt bis alle Muskeln schmerzen, spürt, wie das im wahrsten Sinne des Wortes erdet. Wie das mit dem Leben, mit der Natur, mit der Umwelt verbindet. Wie anders wir Schreibtischmenschen vor dem Computer sitzen, wenn unter den Fingernägeln noch etwas Erde ist und der Geruch des Gartens im Haar hängt.
Sorgt euch nicht. Es ist alles da, was ihr braucht. Das sagt Jesus zu Menschen, deren Ängste womöglich existentieller waren als manche unserer Sorgen. Bei denen der Hunger ständiger Begleiter und Sattessen die Ausnahme war. In Zeiten, in denen es eine Besatzungsmacht gab und brutale Ausbeutung, hohe Kindersterblichkeit und Krankheiten sowieso. Aber dieser gute Anfang erinnert daran: Auf Zukunft hin ist alles angelegt. Geschaffen von dem, der es gut mit uns meint und mit der Welt. Alles hängt mit allem zusammen. Alles ergibt einen Sinn. Gott will mit uns und durch uns die Erde verwandeln und gestalten.
Leider ist das Paradies seit Adam und Eva geschlossen. Wir wissen, wie das weiterging jenseits von Eden. Ab Kapitel 3 in der Bibel und ununterbrochen bis in unsere Zeit. Ziemlich viel passiert seither, eher abgründig als paradiesisch. Gerade in den letzten fünf, sechs, sieben Jahren. Anspannung, Erschöpfung und Frust allerorten. Manche sagen, mit den Wahlen vom Sonntag beginnt ein neues Kapitel, ist ein neuer Tiefpunkt erreicht. Sorgt euch nicht? Was kann ich alleine denn tun?
Gott der HERR nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaute und bewahrte. Gott sorgt für die Verbundenheit. Dafür, dass die Welt zueinander findet von Anfang an. Wir sind Teil eines großen Ganzen. Können die Welt so gestalten, dass Menschen einander sehen, begegnen, zuhören. Das ist unser Auftrag. Da wo wir sind. Wenn wir uns die Welt unterwerfen und verfügbar machen, wenn wir nur den eigenen Vorteil suchen oder uns abkoppeln von den Menschen nebenan oder ein paar Orte, ein Bundesland weiter, geht verloren, was von Anfang an da ist. Dieser Hauch von göttlicher Gegenwart, der in jedem von uns angelegt ist.
Sorgt euch nicht um den morgigen Tag: Mich hat der ältere Herr mit seiner Gießkanne beeindruckt. Der weiß, dass er nicht jeden Baum retten kann und den Klimawandel nicht umkehrt. Aber er pflanzt Blumen am staubigen Straßenrand, freut sich an jeder Blüte. Und er hat eine Idee, wie er Menschen zum Mitmachen bringen könnte. Sorglos im Herzen und zugleich sorgsam mit den Gütern und Gaben. Ohne Panikmache und ohne Beschönigung baut er mit an der Zukunft. Das ist für mich Leben aus der Erfahrung heraus, dass Gott es gut mit uns meint. „Ein Eimer Wasser reicht schon, Frau Pastorin. Wir brauchen nur genug Menschen, die mitmachen.“
Amen
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