09/08/2026 0 Kommentare
Onkel Paul, der Apostel Paulus und die alten Bäume. Predigt zum Israelsonntag
Onkel Paul, der Apostel Paulus und die alten Bäume. Predigt zum Israelsonntag
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Onkel Paul, der Apostel Paulus und die alten Bäume. Predigt zum Israelsonntag
Predigt über Römerbrief Kapitel 11, Verse 25-32 am Israelsonntag, 10. Sonntag nach Trinitatis, 9. August 2026 - Pastorin Margrit Wegner
Onkel Paul war nicht mein richtiger Onkel, liebe Gemeinde. Onkel Paul war der Mann von Tante Magda, der Cousine meiner Großmutter. Zusammen hatten sie einen Hof mit Kuhstall, Scheune, Misthaufen und vielen Katzen. Zu Onkel Paul ging ich als Kind mit der Milchkanne. Manchmal ließ er mich auf dem Trecker mitfahren. Er machte nicht viele Worte und sprach plattdütsch. Wir Kinder liebten Onkel Paul und Tante Magda, die selber keine Kinder hatten. Sie gehörten zur Familie. Waren die Alten, die immer schon da waren. Die von Früher erzählen konnten, deren Geschichte wir teilten. Onkel Paul konnte etwas, das ihm keiner nachmachte: Er konnte Bäume aufpfropfen. Er wusste, wie man einen Ast von einem Baum abschneidet und wie man die Rinde eines anderen Baumes anritzen muss. Er konnte den fremden Zweig in den Baum einfügen und so festbinden, dass der tatsächlich anwuchs. Ast und Stamm gemeinsam brachten den Baum dazu, bessere Früchte zu tragen.
Ist das nicht total faszinierend? Die alte Kunst des Pfropfens bringt zwei lebendige Organismen zusammen. Die Stärke der einen Pflanze wird mit den Qualitäten der anderen kombiniert zum gemeinsamen Nutzen. Gelingt die Verbindung, profitieren beide und wachsen gemeinsam. Ich bin sehr froh, dass Paulus genau dieses Bild wählt für seine Überlegungen über jüdische und heidnisch-griechische Menschen und ihr Verhältnis zu Gott. Wer weiß, vielleicht hatte der Apostel Paulus ja auch einen Onkel Paul oder Onkel Paulus, Saulus oder Scha’ul in der Familie, der sich mit dem Pfropfen von Bäumen auskannte? In diesem Fall sicher Olivenbäume, schließlich ist er im Mittelmeerraum aufgewachsen, nicht in Schleswig-Holstein.
Über drei lange Kapitel ringt Paulus in seinem wichtigsten Brief um die existentielle Frage: Wie stehen wir zueinander? Und wer steht Gott näher? Er ist selbst jüdisch geprägt durch und durch. Hat versucht, alles richtig zu machen in seinem Glauben und in seinem Leben. So wie die Alten. So, wie es immer schon war in der Familie, der Gemeinschaft, von Generation zu Generation. Bis er sein Damaskus-Erlebnis hatte, ihm die sprichwörtlichen Schuppen von den Augen fielen – und er die Seiten wechselte. Bis er vom Saulus, vom jüdischen Scha’ul, zum Pavlos, zum griechisch schreibenden Paulus wurde (ob der Namenswechsel dazugehörte, sei dahingestellt). Vom jüdischen Gelehrten zur christlichen Lehrautorität: Paulus kennt beide Seiten. Könnte nun Unterschiede aufzählen – oder eben das Gemeinsame betonen. Und das tut er, gerade denen gegenüber, die sich als Christ:innen in Griechenland und Rom für etwas Besseres halten. Weil es doch seine Geschwister sind, sein Fleisch und Blut (Röm. 9, 3). Weil Gottes Zusage nicht hinfällig ist (9,6), weil Gott frei entscheidet, wem er sein Erbarmen schenkt (9,16). Und Gott hat die Macht, Unterschiedliches zu verbinden und zum Wachsen und Blühen zu bringen. Sein heiliges Volk ebenso wie die Menschen, die wie Paulus später und auf anderem Weg zum Glauben finden. So schreibt Paulus über das seit Alters her heilige erwählte Israel: Und wenn die Wurzel heilig ist, dann sind es auch die Zweige. Einige Zweige sind aus diesem edlen Olivenbaum herausgebrochen worden. Dann hat man dich als Zweig vom wilden Olivenbaum in den edlen eingepfropft. Jetzt wirst du vom Saft aus seiner Wurzel miternährt. Aber meine nicht, dass du den anderen Zweigen überlegen bist! Wenn du es trotzdem tust, dann denke daran: Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich!
Diese jüdischen Wurzeln dürfen wir nie vergessen, schon gar nicht in diesem Land und mit unserer Geschichte. Diese gemeinsame Wurzel muss uns bewusst sein, wenn wir die Worte von Paulus hören, die Predigtgrundlage sind: Brüder und Schwestern, ich will euch über folgendes Geheimnis nicht in Unkenntnis lassen. Denn ihr sollt euch nicht selbst einen Reim auf die Sache machen: Tatsächlich hat Gott dafür gesorgt, dass sich ein Teil von Israel vor ihm verschließt. Das soll aber nur so lange dauern, bis die Völker sich ihm vollzählig zugewandt haben. Und auf diese Weise wird schließlich ganz Israel gerettet werden. In der Heiligen Schrift heißt es ja auch: »Vom Zion her wird der Retter kommen und alle Gottlosigkeit von Jakob nehmen. Das ist der Bund, den ich, der Herr, mit ihnen geschlossen habe. Er wird erfüllt, wenn ich ihre Sünden von ihnen nehme.« Betrachtet man es von der Guten Nachricht her, dann sind sie Feinde geworden. Und das kommt euch zugute. Betrachtet man es aber von daher, dass Gott sie erwählt hat, dann bleiben sie von Gott geliebt. Es waren ja ihre Vorfahren, die er einst erwählt hat. Denn was Gott aus Gnade geschenkt hat, das nimmt er nicht zurück. Und wen er einmal berufen hat, der bleibt es. Früher habt ihr Völker Gott nicht gehorcht. Aber weil die Juden ungehorsam waren, hat Gott jetzt euch sein Erbarmen geschenkt. Genauso gehorchen sie jetzt Gott nicht, weil er euch sein Erbarmen geschenkt hat. So werden künftig auch sie sein Erbarmen finden. Denn Gott hat alle im Ungehorsam festgehalten, weil er allen sein Erbarmen schenken will.
Sätze, mit denen sich Vorurteile begründen lassen. Abwertung. Ausgrenzung. Ausmerzung. Bis heute. Subtile oder plumpe Stereotypen, teils aus Unwissen, teils aus offenem krudem „völkischem“ Denken. Paulus erzählt davon, was schon damals beäugt wurde. „Ihr“ und „Die“ in seiner Gemeinde, hier die Guten und da die dummen, die unfähigen Ungehorsamen. Wir auf der richtigen Seite und die anderen, die einfach nichts verstehen. Oder gerade nicht? Nein, eben nicht bloß „Ihr“ und „Die“. Da steht das entscheidende Wörtchen: Wir alle. Das nimmt niemanden aus. Keiner ist perfekt. Keine steht Gott näher. Denn Gott hat alle im Ungehorsam festgehalten, weil er allen sein Erbarmen schenken will. Damals wie heute hat niemand, egal welcher Religion, egal welchen Glaubens, alles durchdrungen. Niemand hat alles begriffen. Niemand ist fehlerfrei. Kein Mensch steht über den anderen. Alle sind angewiesen auf Gottes Erbarmen. Alle können voneinander und miteinander lernen. Die Jugendlichen vom Jungen Dom sind uns da schon eine Nasenlänge voraus. „Unseren eigenen Glauben kennen wir“, haben sie gesagt. „Jetzt würden wir gerne wissen, was andere glauben und denken.“ Sie haben bei der Synagoge angefragt, da gab es leider gerade keine Menschen in ihrem Alter. Sie haben aber auch die Moschee-Gemeinde angeschrieben und die katholische Gemeinde nebenan. Und sie haben einen Abend organisiert für Jugendliche jeglicher Religion. Mit der einfachen und zugleich so schweren Frage: Was glaubst denn du? Ich glaube, das ist genau der richtige Weg. Nicht zu fragen: Was trennt uns? Sondern zu schauen: Wo sind wir verbunden? Was können wir gemeinsam hoffen für diese Welt? Und wie machen wir sie zu einem lebenswerten Ort für alle Menschen?
Ich habe diesen Predigttext übrigens im Pastoratsgarten bedacht. Unter freiem Himmel bei Mittelmeertemperaturen habe ich mit den alten Worten von Paulus gerungen. In diesem Garten steht ein Baum, den andere vor mir gepflanzt haben. Die Damen aus der Bibelstunde haben den Baum vor Jahrzehnten Liane und Matthias Riemer geschenkt. Ein Blutapfelbaum, dem einmal jemand einen Zweig eines Zierapfels eingepfropft hat. Jemand wie Onkel Paul, der das so gut gemacht hat, dass der Zweig mitgewachsen ist. Vor etwa zehn Jahren hat ein Gärtner den Baum in Form geschnitten. Irgendwann im Winter, als keine Blätter zu sehen waren. Der Gärtner sah keinen Unterschied zwischen den verschiedenen Ästen. Damit kappte er den aufgepfropften Trieb. Erschreckend einfach unbedacht ausgemerzt. So leicht lässt sich eine über Jahrzehnte gewachsene Verbindung beenden! Mich hat das richtig traurig gemacht. Einige Jahre trug der Baum nur die roten Blätter und die dunkelroten Früchte der Blutapfelwurzel. Mittlerweile sind aus dem Pfropfzweig im Stamm viele neue Triebe gewachsen. Ziemlich ungeordnet, einfach frei und wild, weil die Wurzel genug Saft und Kraft hatte für sie. Zum Glück! Jetzt im Sommer freue ich mich jeden Tag über diesen Anblick: Der Baum trägt dunkelrote und dunkelgrüne Blätter gleichzeitig. Sichtlich verschieden und sichtbar verbunden zugleich. Nicht du trägst die Wurzel. Die Wurzel trägt dich. Gut, dass der Apostel Paulus, Onkel Paul und Jugendliche vom Jungen Dom wie Emma und Gretje uns daran erinnern. Wir leben gemeinsam in dieser Welt und in dieser Stadt. Menschen unterschiedlichen Glaubens. Getragen und verbunden durch gemeinsame Wurzeln. Die dürfen wir niemals kappen. Die müssen wir pflegen. Weil Gott allen sein Erbarmen schenken will.
Amen
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