Marienfund #2: Streng geheim!

Marienfund #2: Streng geheim!

Marienfund #2: Streng geheim!

# M | Aktuelles

Marienfund #2: Streng geheim!

Streng geheim?

Natürlich dürfen Sie an dieser Stelle weiterlesen – aber nur, wenn Sie anschließend niemandem davon erzählen und das Gelesene sofort wieder vergessen.

Keine Sorge: Das ist selbstverständlich nicht ernst gemeint. Schließlich sollen Sie erfahren, was den früheren Uhrmacher unserer Marienkirche, Paul Behrens (1893–1984), mit Erich Hüttenhain (1905–1990) verbindet – einem der bedeutendsten deutschen Kryptoanalytiker des 20. Jahrhunderts und späteren Leiter der Zentralstelle für das Chiffrierwesen beim Bundesnachrichtendienst, einer Vorläuferinstitution des heutigen Bundesamtes für Sicherheit in der Informationstechnik.

Der Schlüssel zu diesem kleinen Geheimnis liegt im Nachlass des Uhrmachers. Dort haben sich mehrere Briefe Erich Hüttenhains erhalten. Hüttenhain widmete sich nicht nur der Dechiffrierung verschlüsselter Nachrichten, sondern war als Mathematiker und promovierter Astronom zudem ein leidenschaftlicher Kenner astronomischer Uhren. Genau hier liegt die überraschende Verbindung zu Paul Behrens.

Wie der Kontakt zwischen beiden entstand, lässt sich heute nicht mehr nachvollziehen. Aus einer Durchschrift vom 29. Juni 1965 geht jedoch hervor, dass Behrens Hüttenhain „etwas Berechnung (…) der Astronomischen Uhr in St. Marien“ übersandte. In seinem Antwortschreiben vom 5. Juli desselben Jahres kündigte Hüttenhain an, die Unterlagen „mit Interesse“ durcharbeiten zu wollen. Die mathematischen Grundlagen astronomischer Uhrwerke interessierten Hüttenhain nämlich ganz besonders. Für deren Berechnung spielen sogenannte Kettenbrüche eine wichtige Rolle: Mit ihrer Hilfe lassen sich „krumme“ Zahlen wie astronomische Umlaufzeiten durch einfache ganzzahlige Zahlenverhältnisse annähern, die anschließend in Zahnradübersetzungen umgesetzt werden können. Dieses Verfahren geht auf den niederländischen Mathematiker, Physiker und Astronomen Christiaan Huygens (1629–1695) zurück, der es im 17. Jahrhundert zur Berechnung eines Zahnradmodells des Sonnensystems entwickelte. Hüttenhain fasste seine Überlegungen zu Kettenbrüchen in einem Buch über die Astronomische Uhr im St.-Paulus-Dom zu Münster zusammen, das auf den Forschungen des ehemaligen Konservators des Bistums Münster, Dr. Theodor Wieschebrink, beruhte. Nach dessen Tod hatten Hüttenhain und seine Ehefrau Trude die Fertigstellung des hinterlassenen Manuskripts übernommen und gemeinsam für die Veröffentlichung vorbereitet.

In seinem Schreiben kündigte Hüttenhain ferner einen für September 1965 geplanten Besuch in Lübeck an. Aus den erhaltenen Unterlagen geht hervor, dass dieser Besuch auf den 7. Februar 1966 verschoben werden musste. Ob er tatsächlich stattfand, bleibt jedoch unklar.

In einem auf den 25. Juni 1967 datierten Brief gratulierte Hüttenhain Behrens zur wenige Tage zuvor in Betrieb genommenen neuen Lübecker Astronomischen Uhr, von deren Fertigstellung er aus der Zeitung erfahren hatte. Er würdigte ausdrücklich Behrens' persönlichen Einsatz und sprach ihm seine Anerkennung aus. Gleichzeitig kündigte er an, die Uhr bei seinem nächsten Aufenthalt in Lübeck aus nächster Nähe betrachten und Behrens persönlich besuchen zu wollen. Zum Abschluss erwähnte er, dass das unter seiner Mitwirkung entstandene Buch über die Astronomische Uhr in Münster voraussichtlich zum Jahreswechsel erscheinen werde.

Und dann bleibt noch ein kleines Rätsel.

Im Nachlass befindet sich die Durchschrift eines Briefes von Behrens an Hüttenhain vom 13. März 1979. Darin bedankt sich Behrens dafür, dass Hüttenhain die Genauigkeit seiner Berechnungen bestätigt habe. Sollte die Datierung korrekt sein, hätte Hüttenhain sich mit der versprochenen Durcharbeitung der von Behrens zugesandten Unterlagen erstaunlich viel Zeit gelassen.

Oder verbirgt sich hinter der Jahreszahl lediglich ein Tippfehler und müsste es eigentlich 1969 heißen? Die Quellen liefern darauf bislang keine Antwort. Es ist vielleicht ganz passend, dass eine Geschichte über einen Kryptoanalytiker mit einem kleinen Zahlenrätsel endet. Denn es sind nicht nur die mit „Streng geheim“ gekennzeichneten Akten, die unsere Neugier wecken und neue Fragen aufwerfen. Mitunter genügen bereits wenige Briefe, um ein Fenster in eine Welt zu öffnen, die den meisten von uns verborgen bleibt – eine Welt, in der sich Kryptologie, Astronomie, Mathematik und Uhrmacherkunst auf überraschende Weise begegnen.

Dr. Thomas Müller

Dies könnte Sie auch interessieren

Schnell // navigiert

Steuerrad-Navigation

Bankverbindung

Sparkasse zu Lübeck

Ev. Luth. Kirchengemeinde St. Jakobi

DE49 2305 0101 0001 0053 21