04/07/2026 0 Kommentare
Marienfund #1: Ein Briefwechsel mit Hans Rosenthal
Marienfund #1: Ein Briefwechsel mit Hans Rosenthal
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Marienfund #1: Ein Briefwechsel mit Hans Rosenthal
Ein unerwarteter Fund: Ein Brief von Hans Rosenthal
Manchmal sind es die kleinen Überraschungen, die einen Archivbesuch unvergesslich machen. Zwischen Notizen, Skizzen und Briefen aus dem Nachlass des Lübecker Uhrmachers Paul Behrens (1899–1984) fand sich plötzlich ein auf den 17. Dezember 1964 datierter Brief, dessen Absender sofort aufhorchen ließ: Hans Rosenthal.
Was mochte den beliebten Hörfunk- und späteren Fernsehmoderator mit dem Erbauer der heutigen Astronomischen Uhr der Lübecker Marienkirche verbunden haben?
Die Geschichte dahinter ist ebenso schlicht wie sympathisch.
Paul Behrens hatte die Hörfunk-Quizsendung Allein gegen Alle verfolgt. Dort wurde nach einer Monumentaluhr gefragt, die den 29. Februar nur alle vier Jahre anzeigt. Als richtige Antwort wurde die Astronomische Uhr der Lübecker Marienkirche genannt. Behrens wusste jedoch sofort, dass diese Antwort so nicht stimmen konnte: Die historische Astronomische Uhr in St. Marien besaß überhaupt keine Anzeige für den 29. Februar.
Erst die neue Astronomische Uhr, die Behrens damals für St. Marien konstruierte, berücksichtigt Schaltjahre grundsätzlich und kann nur den Ausfall der Schalttage bei Jahrhunderten nicht darstellen (Jahrhunderte sind keine Schaltjahre, es sei denn, die Jahreszahl ist wie im Jahr 2000 glatt durch 400 teilbar).
Der Uhrmacher schrieb deshalb an Hans Rosenthal (1925–1987), um auf diesen fachlichen Fehler aufmerksam zu machen. Zugleich verband er seinen Brief mit einer herzlichen Einladung: Sollte Rosenthal einmal nach Lübeck kommen, würde er ihm die neue Astronomische Uhr gern persönlich erläutern.
Was darauf folgte, ist bemerkenswert.
Anstatt sich mit einer kurzen Standardantwort zu begnügen, schrieb Hans Rosenthal persönlich zurück. Ausführlich, höflich und mit großer Sorgfalt ging er auf die Anmerkungen ein. Sein Antwortschreiben zeigt, wie wichtig ihm die Rückmeldungen seines Publikums waren. Der Brief vermittelt genau das Bild, das viele Menschen bis heute mit seinem Namen verbinden: einen respektvollen, gewissenhaften Menschen mit echtem Interesse an seinem Gegenüber.
Ob Hans Rosenthal die Einladung von Paul Behrens jemals annahm, lässt sich heute nicht mehr feststellen. Eine Gelegenheit dazu hätte sich möglicherweise vier Jahre später ergeben. Wie die Lübeckischen Blätter in ihrer Ausgabe vom 22. November 2025 berichten, wurde am 9. November 1968 eine Folge der Hörfunk-Quizsendung aus Hamburg und Lübeck ausgestrahlt. Zur Vorbereitung dieser Sendung hatte Rosenthal am 31. Oktober 1968 den Lübecker Bürgermeister Max Wartemann besucht, der während der NS-Zeit Mitglied der SA und der NSDAP gewesen war.
Wie Hans Rosenthal diesen Besuch innerlich erlebt hat, entzieht sich unserer Kenntnis. Dass er als Berliner Jude, der die NS-Zeit in einem Versteck überlebt hatte und dessen Bruder von den Nationalsozialisten in Riga ermordet worden war, ausgerechnet einem ehemaligen SA- und NSDAP-Mitglied gegenübersaß, verleiht dieser Begegnung im Rückblick eine bedrückende Dimension.
Zehn Jahre später geriet Hans Rosenthal erneut in einen schwierigen Konflikt mit dem Datum des 9. November. Als er am 9. November 1978 die Jubiläumsausgabe der Fernsehsendung Dalli Dalli moderierte, war es ihm trotz eigener Bemühungen nicht gelungen, die Sendung auf einen anderen Termin verlegen zu lassen. Stattdessen setzte er ein stilles Zeichen des Gedenkens, indem er in einem schwarzen Anzug auftrat und die ansonsten heitere Musik durch ernstere klassische Musik ersetzte. Diese bewegende Episode wurde später zum Gegenstand einer sehenswerten ZDF-Biografie über Hans Rosenthal.
Dass derselbe Mann einem ihm völlig unbekannten Uhrmacher mit so viel Aufmerksamkeit, Respekt und Sorgfalt antwortete, macht den Brief aus dem Behrens-Nachlass zu weit mehr als einer gewöhnlichen Korrespondenz. Er erzählt von einem Menschen, der Höflichkeit, Genauigkeit und Wertschätzung nicht nur vor Mikrofon und Kamera lebte, sondern ebenso im persönlichen Umgang.
Dieses Vermächtnis wirkt bis heute nach. Die Hans-Rosenthal-Stiftung unterstützt Menschen, die unverschuldet in Not geraten sind, und führt damit den sozialen Gedanken fort, der Hans Rosenthal zeitlebens geprägt hat.
So wurde aus einem unscheinbaren Blatt Papier im Nachlass eines Uhrmachers eine kleine Zeitreise. Der Brief dokumentiert weit mehr als eine fachliche Diskussion über eine Astronomische Uhr. Er verbindet auf überraschende Weise die Geschichte unserer Uhr mit der Biografie eines außergewöhnlichen Menschen, dessen persönliches Schicksal und dessen bewusster Umgang mit dem 9. November bis heute nachhallen. Gerade solche unerwarteten Funde zeigen, dass Geschichte oft dort besonders lebendig wird, wo man sie am wenigsten erwartet.
Dr. Thomas Müller

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