Heilig, erwählt, geliebt: Von großen Bischofsthronen und kleinen Taufkindern

Heilig, erwählt, geliebt: Von großen Bischofsthronen und kleinen Taufkindern

Heilig, erwählt, geliebt: Von großen Bischofsthronen und kleinen Taufkindern

# D | Predigten

Heilig, erwählt, geliebt: Von großen Bischofsthronen und kleinen Taufkindern

Der hohe Herr muss draußen bleiben, liebe Gemeinde. Während drinnen die Festgemeinde erwartungsvoll murmelnd ihre Plätze einnimmt, steht die Hauptperson im leichten Nieselregen vor verschlossener Tür. In der Kathedrale sind alle Bänke besetzt. Die Chorsänger:innen in ihren Roben sehen erwartungsvoll auf den Dirigenten. „Solch einen großen Einzug habe ich lange nicht erlebt“, flüstert der Dekan, der alles organisiert hat, ein wenig stolz uns Gästen aus Deutschland zu. Die höchsten Repräsentanten der Kirche, der Stadt, des Landkreises, der jüdischen und der muslimischen Gemeinde stehen zum Einzug bereit. Stolen in allen Farben des Regenbogens, Goldbrokat, kostbare Gewänder, der Kirchengemeinderat in bodenlangen Umhängen, ein Jurist mit Lockenperücke fast wie im Film. Unsere schwarzen Talare sind richtig langweilig dazwischen, nur die Halskrausen ziehen Blicke auf sich. Der Chor singt einen alten Hymnus. Gänsehautfeeling. So klingt das hier schon seit fast 1000 Jahren unter den alten Gewölben. Jahrhunderte fließen ineinander, Raum und Zeit spielen keine Rolle. Jeder einzelne hier ist mit einem Mal Teil von etwas ganz Großem. Die letzten Töne des Chores verklingen. Es wird still in Durham Cathedral. Dann pocht der neue Bischof mit seinem Stab an das große Portal. Die beiden riesigen Türflügel werden von Innen geöffnet, und da steht er in seinem prachtvollen Gewand, mit Krummstab und Bischofsmütze draußen vor seiner Kathedrale. Gleich soll er im Gottesdienst feierlich installiert werden oder besser: inthronisiert. Soll den alten Bischofssitz, der wirklich ein Thron ist, einnehmen. Doch bevor er die Kirche betreten kann, stellt sich ihm ein Kind in den Weg. Mathew, zehn Jahre alt. „We greet you in the name of Christ. Who are you and why do you request entry?“ Sei gegrüßt im Namen Chrisi. Wer bist du und warum kommst du? Die schlichte Antwort: „I am Rick, a follower and a friend of Jesus Christ. I come by God’s grace to walk with you in his service. I am sent as Bishop to serve you and all people in this Diocese, to proclaim the love of Christ, and with you to worship and love him with heart and soul, mind and strength.“

In all dem Pomp dieses großen Gottesdienstes neulich in unserer Partnerkathedrale hat mich dieser Moment besonders berührt. Mit Propst Oliver Erckens zusammen durfte ich daran teilnehmen. Wir staunten über Glanz und Gloria, pomp and circumstances. Inszenierung können sie in den englischen Kathedralen und in Durham besonders. Die Musik ist überirdisch schön. Gerade eine Bischofseinführung ist ein farbenprächtiger Gottesdienst, ausgefeilt bis ins letzte Detail. Wir sind da um einiges schlichter und bodenständiger. Aber gerade darum hat mich die Frage von Mathew und die Antwort von Bishop Rick so berührt: Der Bischof ist nichts anderes als ein Mensch, der Jesus zum Freund haben und ihm nachfolgen möchte. Erwählt, um zu dienen. Nicht besser, nicht anders als andere. Schlicht und einfach einer von all vielen Getauften. Die sind alle gemeinsam berufen, Gott lieb zu haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit aller Kraft, wie es im alten Schema Israel heißt, das uns mit den jüdischen Geschwistern verbindet.   

An deren bleibendes Vorrecht und an deren Berufung und Erwählung erinnern wir heute. So heißt es wenige Sätze nach dem alten Bekenntnis: Du bist ein heiliges Volk dem HERRN, deinem Gott. Dich hat der HERR, dein Gott, erwählt zum Volk des Eigentums aus allen Völkern, die auf Erden sind. Nicht hat euch der HERR angenommen und euch erwählt, weil ihr größer wäret als alle Völker - denn du bist das kleinste unter allen Völkern -, sondern weil er euch geliebt hat und damit er seinen Eid hielte, den er euren Vätern geschworen hat.

Ich liebe diesen alten Dreiklang: Heilig – erwählt – geliebt. Ohne Vorleistung. Aus freien Stücken. Wie es Gott gefällt. Bevorzugt nicht aufgrund guter Noten in Betragen, nicht wegen besonderer Begabung, schon gar nicht aufgrund irgendeiner Macht, Größe, Potenz. Im Gegenteil: Gott wählt die Unterdrückten, die Schwächsten, die Unterlegenen. Die, die bestenfalls belächelt werden und herumgeschubst. Die, über die alle hinwegsehen. Die keiner ernst nimmt. Da ergreift Gott Partei aus freien Stücken. Für immer und ewig. Einfach weil Gott liebt. Darum hat er euch herausgeführt mit mächtiger Hand und hat dich erlöst von der Knechtschaft, aus der Hand des Pharao, des Königs von Ägypten. So sollst du nun wissen, dass der HERR, dein Gott, allein Gott ist, der treue Gott, der den Bund und die Barmherzigkeit bis ins tausendste Glied hält denen, die ihn lieben und seine Gebote halten, und vergilt ins Angesicht denen, die ihn hassen, und bringt sie um und säumt nicht, zu vergelten ins Angesicht denen, die ihn hassen. So halte nun die Gebote und Gesetze und Rechte, die ich dir heute gebiete, dass du danach tust. Und wenn ihr diese Rechte hört und sie haltet und danach tut, so wird der HERR, dein Gott, auch halten den Bund und die Barmherzigkeit, wie er deinen Vätern geschworen hat.

Diese Bundeszusage ist mit nichts zu vergleichen. Gott verschenkt seine Liebe nicht wahllos, sondern wählt zielgenau. Israel ist sein Volk. Israel bleibt seine Leidenschaft. Israel hat einen ewigen Vorzug. Ist so. Bleibt so. Punkt.

Der neue Bund, den Gott in Christus später mit anderen schließt und zu dem wir uns zählen, entwertet diesen Bundesschluss nicht und er ersetzt ihn erst recht nicht. Beides bleibt grundverschiedenen, und das darf auch so sein. Gottes Liebe geht so viel weiter. Weiter als unser menschliches Aufrechnen, wer mehr von der Liebe bekommen könnte. (Vielleicht ist das ja typisch für Geschwister, dass sie nie begreifen, dass Elternliebe viel weiter reicht als das eigene kleinliche Aufrechnen und eifersüchtige Erleben!) Was uns verbindet mit den älteren jüdischen Geschwistern: Die Zuwendung Gottes aus freien Stücken. Die Liebe ohne Gegenleistung. Diese Liebe, die immer schon da ist. So sichtbar, spürbar, fühlbar in der Taufe, gerade wenn ein Taufkind ganz klein ist. „Eh wir entscheiden Ja und Nein / gilt schon für uns: gerettet sein“, heißt es in dem schönen Tauflied, „Dank sei dir, dass das Heil der Welt / nicht mit uns selber steht und fällt.“ Noch bevor ein Taufkind sich einen Namen gemacht hat, wird sein Name, sein Leben, sogar sein Tod für immer verbunden mit dem Namen des dreieinigen Gottes. Noch bevor ein Mensch etwas leistet, gilt ihm der Zuspruch der Liebe. Noch bevor ein Bischof seine Antrittspredigt hält, macht ihm ein Kind klar: Es ist nicht das Amt, das dir Bedeutung verleiht, nicht deine Kleidung, nicht deine Wahl durch die Synode, nicht deine besondere Begabung. Du bist getauft. Du willst Jesus nachfolgen. Du bist heilig, erwählt, geliebt aus freien Stücken. Das allein zählt.

Diese Liebe ist bedingungslos, aber nicht folgenlos. Das wurde neulich in Durham wunderbar sichtbar. Nachfolgen heißt Dienen. Sich einsetzen für Einheit und Recht und Freiheit aller Getauften und aller Menschen – nicht populistisch und schon gar nicht nationalistisch. Bishop Rick hat das mit Humor in seiner Predigt aufgenommen. Nun sei er also installiert, schmunzelte er. Dabei sei er doch keine Waschmaschine, sondern ein Mensch. Einer, der gemeinsam mit all den Menschen nach Hoffnung fragt und nach Trost in dieser verrückten, schrecklich schönen Welt. Zu der Kathedra in der Kathedrale, zu seinem Bischofssitz hinauf haben ihn übrigens nicht hohe Würdenträger, sondern Kinder geleitet. Und noch an einer anderen Stelle im Gottesdienst wurde deutlich gezeigt, dass unter Christenmenschen alle Geschwister und vor Gott alle ebenbürtig und auf Augenhöhe sind. Nach der offiziellen Einführung reihten sich die kirchlichen, universitären und politischen Würdenträger:innen vor dem Altar auf, um dem Bischof noch während des Gottesdienstes zu gratulieren. Der Lord-Leutnant, der Bürgermeister, die Synodenvorsitzenden – und als Vertretung für die 100 Angestellten der Kathedrale eine Reinigungskraft und ein Ehrenamtler. Da wurde diese Zusage ohne Worte sichtbar für jeden in dieser großen Kirche: Dich hat der HERR, dein Gott, erwählt. […] Nicht hat euch der HERR angenommen und euch erwählt, weil ihr größer wäret als andere, sondern weil er euch geliebt hat.

Bei Gott muss niemand draußen bleiben. Bei Gott steht niemand vor verschlossenen Türen. Kein Bischof, kein Taufkind, keine Putzkraft. Wer nachfolgen will, ist willkommen, wie groß die Aufgabe auch sein mag. Jedem und jeder gilt: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein. Für dich ist bei mir jeden Tag Tag der offenen Tür, sagt Gott.

Amen 

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