02/09/2026 0 Kommentare
Ernten – was bleibt, wenn etwas gewachsen ist?
Ernten – was bleibt, wenn etwas gewachsen ist?
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Ernten – was bleibt, wenn etwas gewachsen ist?
Der Sommer neigt sich dem Ende zu und überall wird die Ernte eingefahren. Die Getreidefelder sind bereits abgeerntet, während Kartoffeln, Möhren, Rote Bete, Äpfel, Pflaumen und Nüsse jetzt Hochsaison haben. Wir legen Vorräte an, kochen und frieren ein und rüsten uns für den Winter.
Doch nicht nur die Zutaten für unser tägliches Brot müssen reifen und schließlich geerntet werden. Auch in unserem eigenen Leben kommen wir immer wieder an einen Punkt, an dem wir „Ernte“ einfahren: nach dem Abschluss eines Projekts, am Beginn eines neuen Lebensabschnitts oder wenn wir den Lohn für eine Idee erhalten, die lange gewachsen ist. Manchmal zeigt sich die Ernte auch ganz unmittelbar – etwa in der Liebe und Wertschätzung, die uns begegnen, weil wir selbst zuvor Liebe und Zeit verschenkt haben.
Eine, die sich mit dem Thema Ernten besonders gut auskennt, ist Anette Röttger. Die CDU-Landtagsabgeordnete ist Diplom-Ökotrophologin und betreibt gemeinsam mit ihrem Mann und ihrer Familie einen landwirtschaftlichen Betrieb in Lübeck-Beidendorf. Als Abgeordnete macht sie sich im Kieler Landtag für Kultur, Politische Bildung, Religion, Verbraucherschutz sowie Ernährung stark – und natürlich für ihre Heimat Lübeck.
Wir haben mit Anette Röttger über das Ernten gesprochen – über Landwirtschaft, Geduld, den richtigen Zeitpunkt und darüber, was sich von der Ernte auf unser eigenes Leben übertragen lässt.
Wir wünschen viel Freude beim Lesen!
Liebe Frau Röttger, Sie leben auf einem Bauernhof und erleben das Thema Ernte jedes Jahr ganz unmittelbar. Was bedeutet „Ernten“ für Sie persönlich?
Anette Röttger: Jedes Jahr, wenn die Ernte für uns auf den Höfen ansteht, hoffe und bete ich, dass das Wetter passt, dass die Maschinen halten und dass kein Mensch zu Schaden kommt. Das Kirchenlied von Matthias Claudius bringt das Erntegefühl auf den Punkt: „Wir pflügen und wir streuen den Samen auf das Land, doch Wachstum und Gedeihen liegt in des Himmels Hand“ .
In der Landwirtschaft müssen wir von der Ernte leben. Das erfordert unternehmerisches Geschick. Mit zunehmenden Wetterextremen hat sich das Ernterisiko deutlich erhöht. Passen Aufwand und Ertrag auf unseren Feldern nicht mehr zusammen, können schlechte Ernteergebnisse schnell zur existentiellen Frage werden.
In der Landwirtschaft braucht es viel Geduld: Man kann nicht ernten, bevor die Zeit dafür gekommen ist. Was können wir Menschen davon für unser eigenes Leben lernen?
AR: Geduld ist eine der größten Herausforderungen dieser Zeit, das kennen wir alle. Jeder kann sich inzwischen per Klick auch das Essen und Trinken ins Haus bestellen. Gleichzeitig hat sich ein wesentlicher Teil der Gesellschaft vom langen geduldigen Prozess von der Aussaat bis zur Ernte weit entfernt.
Der eigene Anbau von Obst und Gemüse lehrt uns ein geduldiges Abwarten und belohnt uns durch den besonderen Wert und den guten Geschmack regionaler und saisonaler Produkte. Das schätze ich sehr und kann es nur empfehlen.
Geduld, Durchhaltevermögen und Kompromissbereitschaft sind auch dann wertvoll, wenn es um den Zusammenhalt in unseren Familien, in der Gesellschaft und um unsere Demokratie geht. Es reicht nicht aus, wenn jeder nur noch an sich denkt.
Gibt es für Sie einen Unterschied zwischen einer guten Ernte und einer reichen Ernte?
AR: Unser Hof besteht seit 1855. Wir leben und arbeiten hier in 5. und 6. Generation. Inzwischen ist sogar der erste Vertreter der 7. Generation geboren. Der Hof besteht immer noch. Das trägt uns und ist keineswegs selbstverständlich. In all den Jahren waren die landwirtschaftlichen Ernteergebnisse nicht durchgängig gut. Zudem hat der Hof so manche schwere Herausforderung getragen und wir haben zusammengehalten. Bislang hat sich in unserer Familie in jeder Generation ein qualifizierter und engagierter Hofnachfolger gefunden, der dieses Fleckchen Erde schätzt und bereit ist, zusammen mit seiner Familie mit großer Leidenschaft den Landwirtschaftlichen Betrieb hier am südlichen Stadtrand von Lübeck weiterzuentwickeln. Das empfinde es als eine reiche Ernte.
Nicht jede Ernte fällt so aus, wie man es sich gewünscht oder erhofft hat. Wie gehen Sie damit um, wenn die Arbeit eines Jahres nicht die erwarteten Früchte trägt?
AR: Das ist ein zentrales Thema. Die Kosten auf einem landwirtschaftlichen Betrieb, ob Düngemittel, Diesel, Landtechnik, Löhne, Versicherungen usw. sind in den letzten Jahren stark gestiegen, die Erlöse aus den Ernteerzeugnissen hingegen nicht. Auf Dauer passt das nicht zusammen. Es erfordert viel unternehmerisches Geschick und eine Aufgeschlossenheit für neue standortgerechte Wege, um die Existenz dauerhaft zu sichern.
Landwirtschaft ist herausfordernd aber ebenso innovativ und verbunden mit einem einzigartigen Lebensgefühl. Die hier rund um Lübeck wirtschaftenden Landwirtschaftlichen Betriebe sind Familienbetriebe. Sie benötigen längerfristige Planungssicherheit für mutige Entwicklungsschritte hin zu neuen Standbeinen. Jeder einzelne Landwirt muss dazu seine individuellen Talente, seine Ausbildungs- und kreativen Entwicklungspotentiale nutzen und in die Tat umsetzen.
Landwirtschaft steht heute vor großen Herausforderungen – etwa durch den Klimawandel, veränderte Wetterbedingungen und politische Vorgaben. Was muss aus Ihrer Sicht heute gesät und verändert werden, damit Landwirtschaft auch in Zukunft gute Ernten hervorbringen kann?
Die Landwirtschaft prägt die Kulturlandschaft Schleswig-Holsteins und hat eine hohe Wertschätzung verdient. Wir leben in einer Gunstregion, in der trotz veränderter Wetterbedingungen viele verschiedene Früchte heranreifen und Frucht tragen.
Landwirtschaft leistet einen wesentlichen Beitrag zur Ernährungssicherung. Das dürfen wir auch in Zeiten voller Regale nicht vergessen. Landwirtschaft braucht weniger Bürokratie, mehr längerfristige politische Planungssicherheit und einen deutlich reduzierten Flächenfraß durch Ausgleichsmaßnahmen bei Bauprojekten.
Je nach Standort wissen die gut ausgebildeten Landwirte vor Ort am besten, was wächst und gedeiht und was am Markt nachgefragt wird.
Gibt es in Ihrem eigenen Leben etwas, bei dem Sie heute sagen: „Dafür habe ich lange gearbeitet – und jetzt kann ich die Früchte davon ernten“?
AR: Als Ökotrophologin ist mir eine gesunde Ernährung besonders wichtig. Vor vielen Jahren habe ich begonnen, im Schulunterricht mit Aktionen rund um den Apfel für den gesunden Pausenapfel zu werben. Ich freue mich immer wieder, wenn ich Menschen treffe, die inzwischen erwachsen sind und dadurch so inspiriert wurden, dass Ihnen eine gesunde Pausenverpflegung und eine gesunde Ernährung zur täglichen guten Gewohnheit geworden ist.
Außerdem ist mir der Zusammenhalt in der Familie ausgesprochen wichtig und unsere Familie ist besonders groß. Ich freue mich immer, wenn alle dabei sein mögen, niemand sich ausgegrenzt fühlt, wir offen über alles sprechen können und uns etwas zu sagen haben. Dafür bin ich sehr dankbar.
Eine gegenseitige Wertschätzung bei allen bestehenden Unterschieden ist ein hohes Gut und die Basis unserer Demokratie. Das gilt auch für den Zusammenhalt in unseren Dörfern und schließlich auch in unserem Land. Wir alle sind insbesondere in diesen aufgeregten Zeiten aufgefordert, „die Dinge zum Besten zu kehren“. Dafür trete ich ein.
Auch gesellschaftlich stellt sich die Frage, was wir heute säen, damit kommende Generationen ernten können. Wo sehen Sie als Politikerin derzeit den größten Handlungsbedarf – und was bereitet Ihnen dabei Sorgen?
AR: Unser Schleswig-Holstein hat gerade den 80. Geburtstag gefeiert. Wir sind ein kleines feines Bundesland mit tollen Menschen, mit frischem Wind und klarer Sicht. Man kennt sich. Alt und Jung sind miteinander im Gespräch, engagieren sich vielfältig, sie schauen genau hin, hören einander zu, sprechen ihre eigene Sprache und sind hier glücklich. Das soll so bleiben!
Ich bin überzeugte Schleswig-Holsteinerin, schätze unsere freiheitlich demokratischen Strukturen, einen funktionierenden Rechtsstaat und die Prinzipien der sozialen Marktwirtschaft. Als Politikerin sehe ich den größten Handlungsbedarf darin, diesen guten gesellschaftlichen Zusammenhalt in Zeiten multipler Krisen zu erhalten. Das erfordert ein Mitmachen aller!
Mit Blick auf die anstehenden Wahlen in diesen Wochen, bin ich um den Fortbestand unserer Demokratie besorgt.
In der Landwirtschaft gehört zur Ernte auch das Bewusstsein, dass nach dem Einfahren der Ernte schon wieder die nächste Aussaat beginnt. Gilt das Ihrer Meinung nach auch für unser Leben?
AR: Es gibt einjährige und mehrjährige Pflanzen und so mancher Obstbaum trägt immer wieder Früchte, obwohl derjenige, der diesen Baum gepflanzt hat, längst nicht mehr lebt.
Wer Kinder hat, der weiß, dass es ein ganzes Dorf braucht, um ein Kind zu erziehen. Wie sehr darf man sich freuen, wenn Kinder ihren Weg gehen und ihren Platz im Leben gefunden haben.
Mit dem ersten Enkelkind beginnt „die Aussaat“ sozusagen von vorn. Die eigene Rolle als Großmutter ist neu. Die Saat geht unter anderen Rahmenbedingungen auf. Kindheit und Familienstrukturen haben sich verändert. Darauf müssen wir uns einlassen.
Aber auf eine gute Erziehung kommt es nach wie vor an. Zeigen wir mit unseren Kindern und Enkeln das, was uns wichtig und wertvoll ist und reden wir mit ihnen darüber, was wir erlebt und erfahren haben. Dann wird die Saat gut aufgehen. Davon bin ich überzeugt.
Was möchten Sie den Menschen mitgeben, die gerade vielleicht mitten in einer Phase des Säens und Wartens stecken und noch keine „Ernte“ sehen?
AR: Es gibt trotz krisenbehafteter Zeiten viel Grund für Zukunftsoptimismus. Das dürfen wir uns nicht nehmen lassen. Auch in meinem Leben gab und gibt es Rückschläge, Scheitern, Abschiede und Trauer und krasse Veränderungen.
Als Christen trägt uns eine feste Glaubenshoffnung. Wir dürfen uns immer wieder beschenken lassen von einer tiefen Zuversicht. Mit Ruhe und Gelassenheit, einem dankbaren Herzen und einer guten Portion Humor können wir gut bestehen.
Beginnen Sie jeden Tag mit einem Lächeln auf den Lippen und mit einem freundlichen Wort. Das hilft.
Wenn Sie auf Ihr persönliches Leben blicken: Was möchten Sie selbst gerne säen – und was würden Sie gerne ernten? Ich wünsche mir sehr, dass Einigkeit und Recht und Freiheit in unserem Land erhalten bleiben und wir einander aufmunternd und respektvoll begegnen.
Liebe Frau Röttger, haben Sie vielen Dank für das Interview!
Vita:
Anette Röttger wurde am 13. März 1964 in Kellinghusen geboren. Nach ihrem Abitur an der AVS in Itzehoe im Jahr 1983 studierte sie von 1983 bis 1988 Oecotrophologie an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) und schloss ihr Studium als Diplom-Oecotrophologin ab.
Anschließend war sie als Lehrerin und Beraterin in hauswirtschaftlichen Abteilungen verschiedener Landwirtschaftsschulen in Schleswig-Holstein tätig. Es folgte ein Referendariat für den höheren Schul- und Verwaltungsdienst beim Landwirtschaftsministerium.
Seit 1991 ist Anette Röttger verheiratet und lebt auf dem landwirtschaftlichen Betrieb der Familie Röttger in Beidendorf. In den folgenden Jahren standen neben der Arbeit auch familiäre Aufgaben im Mittelpunkt: Ihre Söhne wurden geboren, Elternteile wurden gepflegt und der Haushalt versorgt. Darüber hinaus war sie als Lehrerin im Projekt „Gesunde Ernährung“ an Grund- und Hauptschulen tätig.
Über viele Jahre engagierte sich Anette Röttger ehrenamtlich im Vorstand der Landfrauen für Lübeck und Umgebung. Ihr politisches Engagement in der CDU begann 2007. Von 2008 bis 2017 war sie Mitglied der Lübecker Bürgerschaft, von 2012 bis 2018 CDU-Kreisvorsitzende. Seit 2017 ist sie Abgeordnete des Schleswig-Holsteinischen Landtags.
Darüber hinaus übernahm sie Vorstandsaufgaben im Evangelischen Arbeitskreis, bei der Volkshochschule, bei Bibliotheken in Schleswig-Holstein sowie in der Verbraucherzentrale.
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