13/02/2026 0 Kommentare
Wenn in alten Kirchen wie St. Marien der Boden aufgemacht wird...
Wenn in alten Kirchen wie St. Marien der Boden aufgemacht wird...
# M | St. Marien 2030

Wenn in alten Kirchen wie St. Marien der Boden aufgemacht wird...
„Was ist das denn?“
„Keine Ahnung. Vielleicht eine Wasserrinne?“ „Aber warum so groß? Das ist ja massiv.“
Wenn in alten Kirchen wie St. Marien der Boden aufgemacht wird, dann ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch auf Dinge zu stoßen, die niemand auf dem Plan hat. Dafür gibt es dann Baubesprechungen in denen Fachkräfte verschiedener Parteien zusammenkommen, um über Fortschritt und Schwierigkeiten der Baustelle zu reden. Im Falle des obigen Dialogs stand die Expert*innenrunde um eine massive ca. 1, 4 m breite Betonrinne, die sich wohl auf der gesamten Länge des südlichen Kirchenschiffs 40 cm unter dem heutigen Fußboden gemütlich gemacht hatte.
„Da frage ich mal unseren Kirchenhistoriker.“
Befragter Kirchenhistoriker zauberte alsbald ein Dokument von 1950 hervor, in dem stand, dass der veraltete Heizungskanal […] provisorisch mit Bauschutt eingeebnet wurde. Es wurden nochmals alte Fotos um die Jahrhundertwende angesehen und erstaunlicherweise springt jetzt der Kanal förmlich ins Auge.
Es ist also eine Heizung und muss wohl grob zwischen die Jahre 1870-1920 fallen.
Damit fangen die Fragen jedoch erst an: Die Betonrinne wurde direkt auf alte Gruftkammermauern gesetzt, die dafür teilweise abgestemmt wurden. Der Innenraum der Grüfte musste zu diesem Zeitpunkt schon verfüllt worden sein, denn eine derartig dicke Betonrinnen wird nicht nur von dünnen Mauern allein getragen. Folglich mussten die Grüfte vor dem Bau der Rinne geöffnet worden sein und ihr Inhalt – die irdischen Überreste der Lübecker Oberschicht vergangener Jahrhunderte – bewegt worden sein. Aber wohin, wann und warum genau?
Gut möglich, dass die Archive der Hansestadt Lübeck Antworten für diese Fragen bereithalten. Fest steht, dass die großen Grabplatten, mit denen St. Mariens Boden gepflastert war durch den Wiederaufbau nach dem 2. Weltkrieg aus dem Kirchenbild verschwanden. Die Wiederentdeckung des alten Heizungskanals macht allerdings deutlich, dass schon Jahrzehnte vorher die letzte Ruhestätte der Lübecker Oberschicht gestört worden war.

Abb. 1 Der Heizungskanal damals und heute im nördlichen Seitenschiff St. Mariens zu Lübeck.
Bildquelle:
Linkes Bild: https://boudewijnhuijgens.geta...
Rechtes Bild:
@Hansestadt Lübeck, Abteilung Archäologie.
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