0451/30 80 10

Von der Zeit, die war, und der Zeit, die kommt - Predigt zum Sonntag Exaudi

Von der Zeit, die war, und der Zeit, die kommt - Predigt zum Sonntag Exaudi

Von der Zeit, die war, und der Zeit, die kommt - Predigt zum Sonntag Exaudi

# D | Predigten

Von der Zeit, die war, und der Zeit, die kommt - Predigt zum Sonntag Exaudi

Predigt: Jeremia 31, 31-34  

Siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen, nicht wie der Bund gewesen ist, den ich mit ihren Vätern schloss, als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus Ägyptenland zu führen, mein Bund, den sie gebrochen haben, ob ich gleich ihr Herr war, spricht der Herr; sondern das soll der Bund sein, den ich mit dem Hause Israel schließen will nach dieser Zeit, spricht der Herr: Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein. Und es wird keiner den andern noch ein Bruder den andern lehren und sagen: »Erkenne den Herrn«, denn sie sollen mich alle erkennen, beide, Klein und Groß, spricht der Herr; denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.  

Siehe, es kommt die Zeit. Es kommt eine andere Zeit. Es kommt eine neue Zeit. Noch ist sie nicht da, aber sie kommt. Nicht irgendwann, sondern bald. So dass man’s fast schon sehen kann: Siehe! Sie kommt ganz gewiss. Kein Zweifel. Denn: Siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr – Gott, Herr der Zeit und aller Zeiten.  

Die Zeiten werden sich ändern. Sie bleiben nicht, wie sie waren. Kann man sich darauf freuen? Oder muss man sich davor fürchten? Es ist eine offene Frage. Wir hören, dass die alten Zeiten nicht die guten alten Zeiten waren. Wir wissen auch, dass neue Zeiten nicht automatisch bessere Zeiten sind. Viele schauen in die Zukunft mit Sorgen, sei es um ihre persönliche Situation oder um das Klima – also das gesellschaftliche ebenso wie das meteorologische. Das Gotteswort, das Jeremia ausrichtet, ist hineingesagt in dunkle Zeiten: das Volk Israel von den Babyloniern besiegt, der Tempel in Trümmern, ein Großteil der Menschen ins Exil weggeführt. So viel zerbrochen – äußerlich und innerlich. Wo ist da Raum für Verheißungsvolles?  

Siehe, es kommt die Zeit. Zeitansage, die die Jetzt-Zeit zur Zwischenzeit werden lässt – zwischen nicht mehr und noch nicht. Solche Zeiten sind manchmal schwer auszuhalten. Es wird nicht einfach so weitergehen wie bisher. Aber wie wird es sein? Zwischenzeit. Irgendwo dazwischen, zwischen den Stühlen. Gemischte Gefühle. Wie dieser Sonntag zwischen Himmelfahrt und Pfingsten. Etwas ist zu Ende: kein Jesus mehr vor unseren Augen. Etwas Neues wird kommen mit dem Kommen des Geistes. Aber wann? Und ein Gefühl für das Neue ist noch nicht da.  

Siehe, es kommt die Zeit. Und siehe, da war auch eine Zeit. Das war eine andere Zeit: als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus Ägyptenland zu führen. Eltern nehmen ihre Kinder bei der Hand. Liebende gehen Hand in Hand. So nahm Gott sein Volk bei der Hand und führte es aus der Gefangenschaft in die Freiheit. Urdatum der Geschichte Gottes mit seinem Volk. Gott ist ein Gott, der in die Freiheit führt. Sein Volk ist zur Freiheit befreit. Mit starker Hand reißt er sie aus den Händen der Sklaventreiber. Gott geht mit den Menschen Hand in Hand in das gelobte Land, in eine andere Zeit.

Siehe, da war eine Zeit voll inniger Gemeinschaft, so wie Eltern mit ihren Kindern sie manchmal erleben, wenn das Neugeborene in den Armen schläft, oder Liebende, wenn sie innig vertraut beieinander sind – ein Fleisch.

Israel und Gott haben einen Bund geschlossen. Als Israel seine Hand in die Hand Gottes legte, wurde es frei. Als Gott Israel bei der Hand nahm, wurde Gott, wer er sein wollte. Und Gott war glücklich, wie Vater und Mutter glücklich sind, wenn sie die Kinderhand voller Vertrauen in der eigenen spüren – und wie das Kind glücklich ist im selben Moment; wie Liebende, die in der Berührung der Hände Geliebtsein erfahren: Wo du hin gehst, da will auch ich hin gehen. (Rut 1,16) Du und ich – Hand in Hand. Kein Riss, der die Liebenden trennt. Kein Blatt, das zwischen sie passt. Siehe, da war eine Zeit voller Nähe und Geborgenheit und eine Gewissheit, die keine Fragen kannte. So soll es sein für immer.  

Doch die Zeiten ändern sich. Bald schon murrt das Volk Israel auf dem Weg durch die Wüste. Diesen Weg will es nicht gehen. Es wünscht sich zurück nach Ägypten. Gott wird den Menschen fraglich in der Wüste. Wie gut meint er es wirklich mit uns? Kann man ihm vertrauen? Oder soll man sich einem anderen Gott anvertrauen? Man kann doch wählen.

Im Alltag ihres Lebens, der so normal und einförmig sein kann wie eine Wüste, wird den Liebenden ihre Liebe fraglich. Drum prüfe, wer sich ewig bindet, – gestern noch war’s keine Frage, ob sich das Herz zum Herzen findet. Heute spricht es: ob sich was Bess‘res nicht noch findet. Die Kinder wollen nicht mehr an der Hand laufen, sondern eigene Schritte tun und eigene Wege gehen. „Wir protestieren, dass ihr immer die Bestimmer seid.“ Wie gut meint ihr es wirklich? Was wird aus dem „für immer“?  

Die Beziehungen bekommen Ordnungen, die sie schützen sollen. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir. Sagt Gott. Erstes der Gebote, der zehn, die Lebensweisung sind, das Miteinander zu schützen und die Freiheit zu bewahren. „Du sollst treu sein, keiner anderen Frau, keinem anderen Mann deine Liebe schenken.“  Sagen die Liebenden und versprechen es sich. „Kind, du bist uns anvertraut. Geh doch auf den Wegen, die wir dir zeigen!“ Sagen die Eltern. Wir wollen festhalten, was verbindet.  

Dann kommt eine andere Zeit. Die Lebensweisungen sind zum Gesetz geworden, zur auferlegten Last. „Warum hast du kein Vertrauen?“, fragen sich die Liebenden – und fragen die Kinder ihre Eltern. Wir wollen selber entscheiden, sonst sind wir nicht frei.

Es ist so menschlich – und vielleicht menschliches Verhängnis, dass wir uns Freiheit nur vorstellen können als die Freiheit zu wählen. Und weil wir nur glauben können, dass wir frei sind, wenn wir wenigstens einmal das Verbotene wählen, ist der Bund gebrochen.

Den Bund, den ich mit ihren Vätern schloss, als ich sie bei der Hand nahm, .., haben sie nicht gehalten. Das Volk Israel ist fremden Göttern nachgelaufen. Die Liebenden – fremdverliebt; fremdgegangen. Die Kinder und die Eltern sind sich fremd geworden.

Der Riss ist da. Leben mit gebrochenen Bünden. Leiden an den Schmerzen, die immer beide treffen: Gott und sein Volk; die Liebenden beide; die Eltern und die Kinder. Und am Ende: wir alle. Wir sind verletzt. Wir sind einander etwas schuldig geblieben. Was aber kommt, wenn gebrochen ist, was verband? Kann mit den Rissen weiterleben? Was wird, wenn wir Menschen nicht anders glauben können, nicht anders lieben können, nicht anders erwachsen werden können?  

Ich will mit dem Hause Israel und dem Hause Juda einen neuen Bund schließen. ... Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein. … Ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken. Es kommt wieder eine andere, eine neue Zeit. Nicht so, dass wir noch einmal wieder bei Null anfangen könnten. Und doch über alle Maße verheißungsvoll.

An ihrem Anfang steht das Wort von der Vergebung der Sünde, von der Heilung des Risses. Ohne das gibt es keinen neuen Anfang. Nicht zwischen Gott und seinem Volk, nicht zwischen Menschen, die sich lieben, nicht zwischen Eltern und Kindern. Das Tor zu der Zeit, die kommt, ist Vergebung.  

Vergebung ist schmerzhaft. Vergebung geht nicht ohne, dass Schuld angesehen wird, benannt und anerkannt. Vergebung ist ein Weg, dass das, was schmerzt, heilen kann. Vergebung ist: die Schuld vergangener Zeiten nicht aufhäufen; mit Schuldgefühlen nicht herrschen wollen; den eigenen Verletzungen erlauben zu heilen; den anderen nicht festnageln auf das, was nicht mehr zu ändern ist; mit Narben leben – und trotzdem lieben. Wer vergibt, schenkt Freiheit. Wer vergibt, wird frei: frei für einen neuen Anfang, für ein neues Miteinander.

Gott macht einen neuen Anfang. Gott schließt einen neuen Bund. So wie Gott seinem Volk einmal die Freiheit geschenkt hat, als er es herausführte aus Ägypten, so schenkt er sie aufs Neue in der Vergebung von Schuld. Gott bleibt sich treu darin, dass er ein Gott der Befreiung ist.  

Was für ein schreckliches Missverständnis, wenn Christen glaubten, Gott habe mit seinem Volk gebrochen und suche sich für seinen neuen Bund neue Menschen. Die Verheißung des neuen Bundes kommt aus dem Herzen Gottes, der sich und seinem Volk treu bleibt in seiner Liebe.  

Siehe, es kommt die Zeit. Gott programmiert die Menschen nicht um, Gott beginnt zu schreiben. Ins Herz schreibt Gott – dort, wo das Wollen und das Wünschen und das Entscheiden seinen Ort hat. Gott schreibt seine Liebe ein in unser Menschenherz, seine Weisungen, damit sie nichts Äußerliches mehr bleiben, sondern uns ganz zu eigen werden. Siehe, es kommt die Zeit, da wird Christus in uns selbst sein Zuhause haben. Da werden wir Menschen ganz frei sein in Gottes Willen. Da wird die Liebe die Liebenden frei machen, auch die Grenzen und Risse mitzulieben. Da werden die Eltern die Kinder freigeben und die Kinder die Eltern verstehen, und sie werden einander vergeben, was sie einander schuldig geblieben sind. Und so werden sie sich neu begegnen von Angesicht zu Angesicht und sich die Hände reichen.

Siehe, es kommt die Zeit. Da werden auf ganz neue Weise verbunden sein, die zusammengehören: Gott und Mensch; die zwei, die sich lieben; Eltern und Kinder; die Gemeinschaft der Glaubenden; Klein und Groß.  

AMEN.

Dies könnte Sie auch interessieren