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Vom Singen und Klingen. Predigt zum Kirchenmusiksonntag "Kantate"

Vom Singen und Klingen. Predigt zum Kirchenmusiksonntag "Kantate"

Vom Singen und Klingen. Predigt zum Kirchenmusiksonntag "Kantate"

# D | Predigten

Vom Singen und Klingen. Predigt zum Kirchenmusiksonntag "Kantate"

Es ist ein lauer Sommerabend, liebe Gemeinde. Eine von diesen Juninächten, die nach frisch gemähtem Rasen duften, nach Fassbrause und Himbeereis. Vor der Freilichtbühne haken Menschen sich unter, schunkeln, klatschen. Country Roads, take me home, singen sie. Like Ice in the Sunshine, völlig schwerelos, Sonnenschein von Juni bis September. Nicht nur über den Wolken ist die Freiheit grenzenlos. 1600 Menschen schmettern aus vollem Herzen mit, wenn die Grölgruppe zum gemeinsamen Singen lädt. Viele Fans kommen seit über zehn Jahren, die Tickets sind sofort weg. Über die Videowand laufen die Texte, die Stimmung ist schon beim ersten Lied gigantisch, und spätestens beim dritten hält es keinen mehr auf dem Sitz. Einzig die Mücken nerven, aber was macht das, wenn mit Sommerhits und alten Schlagern Erinnerungen wach werden an Engtanzfeten und Jugendzeit!

Die Deutschen singen nicht mehr? Ach was! In den letzten Jahren lädt fast jeder größere Fußballverein zum Stadionsingen. Im Advent kommen tausende, um open air mit Kerzen O du fröhliche zu trällern. Diese Woche war das Theater in Lübeck voller Kinder. „Schöne Beats“ zum Mitsingen gab es, Die Gedanken sind frei und das Pippi-Langstrumpf-Lied. Bei Astronaut waren alle Hände in der Luft. Alle begeistert. Wo Menschen gemeinsam singen, hören sie auf einander, gleichen sich an, atmen gemeinsam, tragen bei und werden getragen. Gehen auf in der Menge, und bei so vielen Stimmen fällt gar nicht auf, wenn einer keine Vorzeichen beachtet und eine einen Halbton zu tief ist. Alle erleben sich als Teil einer großen Gemeinschaft, völlig losgelöst von der Erde. Das Leben ein Fest. Der Alltag bekommt neuen Glanz. Himmlisch, sogar mit Mückenstichen!   

Hat Salomo das einkalkuliert? Zumindest hat er Tausende eingeladen zum Fest mit Glanz und Tanz und viel Gesang. Endlich soll ein langer Weg zum Abschluss kommen. Salomo plante eine Versammlung in Jerusalem. Die Ältesten Israels sollten kommen, dazu alle Stammesführer und Familienoberhäupter. Er wollte nämlich die Bundeslade des Herrn heraufholen. Sie war noch in der Stadt Davids – das ist Zion. Und alle Israeliten versammelten sich zu einem Fest beim König in Jerusalem. Das war im siebten Monat. Alle Ältesten Israels kamen. Die Leviten trugen die Lade des Herrn. Sie trugen die Lade, das Zelt der Begegnung und alle heiligen Geräte aus dem Zelt. Es waren die Priester aus dem Stamm Levi, die alles wegtrugen.

Die heilige Transportkiste wird in den neu erbauten Tempel gebracht. Der Kult erhält seinen Ort. Gottes Gegenwart wird für die Menschen sesshaft-erfahrbar. Das ewige Herumziehen hat nun ein Ende. Die Tafeln mit den zehn Geboten, sichtbare Zeichen für Gottes Bund und besondere Verbindung zu seinem Volk, kommen an ihren Platz. Spannend ist, wie sehr dieses Ankommen musikalisch gefeiert wird. Priester, Sänger:innen und Instrumentalist:innen treten nicht nur begleitend auf. Ihr gemeinsamer Klang wird selbst zum Träger der Theologie: Alle Sänger von den Leviten waren in feines Leinen gekleidet: Asaf, Heman, Jedutun, ihre Söhne und ihre Brüder. Mit Zimbeln, Harfen und Leiern standen sie östlich vom Altar. Bei ihnen waren 120 Priester, die Trompeten bliesen. Die Trompeter und Sänger musizierten mit einer Stimme. Sie lobten und dankten dem Herrn. Sie vereinten Trompeten, Zimbeln und alle Instrumente zu einem Lobgesang für den Herrn: »Ja, er ist gut! Für immer bleibt seine Güte bestehen.«

288 Sänger und 120 Bläserinnen, das klingt nach der Sinfonie der Tausend von Mahler. Vielleicht hat das gedröhnt wie das Dies Irae im Verdi-Requiem oder das „Denn alles Fleisch, es ist wie Gras“ bei Brahms. In jedem Fall muss es ein gewaltiger Ton gewesen sein, eine Soundcloud, eine echte Klangwolke. Wer mal auf dem Kirchentag inmitten des Bläserblockes saß, weiß, wie erhebend das sein kann. Viele Stimmen, viele Instrumente, und doch ein einziger Klang. Einheit nicht durch Gleichförmigkeit, Gleichklang, Mono-Tonie, sondern durch Ausrichtung auf dasselbe Bekenntnis: „Gott ist gut. Gottes Gnade ist ewig.“ Musik wird zur Form gelebten Glaubens, in der sich Individualität und Gemeinschaft nicht widersprechen, sondern gegenseitig tragen. Jeder bringt seinen Ton ein, aber es entsteht ein gemeinsamer Klangraum, der größer ist als die Summe der einzelnen Stimmen.

Das klinget so herrlich, das klinget so schön: Damals im Tempel ist plötzlich in den Tönen oder durch diesen Klang oder hinter ihm fast mit Händen zu greifen, was nicht begreifbar ist: Im gleichen Moment erfüllte eine Wolke das Haus, das Haus des Herrn. Solange diese Wolke da war, konnten die Priester nicht hineingehen und Dienst tun. Denn die Herrlichkeit des Herrn erfüllte den Tempel. In dem Moment, in dem der Klang eins wird, füllt die Gegenwart Gottes den Raum. Gott ist da im geteilten Klang, im gemeinsamen Atem, im vielstimmigen Lobgesang, in dem auch leises Brummen und tränenerstickte Stimmen aufgehen. Glauben ist mit einem Mal eine gemeinsame Resonanz. Wo Menschen einstimmen – unsicher oder kraftvoll –, entsteht etwas, das keiner allein hervorbringen kann: ein Raum, in dem sich Gemeinschaft und Gottesnähe berühren. Gemeinde ist hörbar. Sie existiert nicht nur als Idee oder Struktur, sondern wird konkret im gemeinsamen Singen und Klingen. Das ist ja das Wunderbare: Der „eine Klang“ ist kein Perfektionsideal, sondern ein Bild für eine Gemeinschaft, die sich auf Gott hin ausrichtet – und gerade darin Einheit findet.

Was ich als Pastorin höchst eindrücklich finde: In dem Moment dieses wunderbaren großen Klanges, der einen Abglanz bildet von Gottes nebulös-strahlendem Glanz, Gottes Herrlichkeit – in diesem Moment kann das Kultpersonal gar nichts tun. Die Priester müssen leider draußen bleiben. Müssen oder können ihren Dienst nicht verrichten. Brauchen das vielleicht auch gar nicht, weil Gott selber da ist. Spürbar für alle, die einstimmen in diesen Jubel. Die haben den Zugang unmittelbar. Brauchen keine Vermittlung.

Fröhlich und mit Lust singen als unmittelbarer Zugang zum Glaubensgeschehen, da kommt doch der Luther vom Anfang wieder ins Spiel. Das ist wunderbar reformatorisch, und zumal hier in Lübeck bei uns im Dom: Vor fast genau 500 Jahren gab es einen regelrechten Singekrieg in dieser Stadt. Damals setzte sich die neue Lehre aus Wittenberg langsam durch. Studenten erzählten davon. Anfangs traf man sich eher in kleinen Grüppchen und in privaten Häusern. Im Dom dauerte alles ein bisschen länger, aber schließlich wuchs auch hier das Bedürfnis, mit der Zeit zu gehen. In St. Jakobi und im Dom protestierten Menschen also Anno 1529 gegen die katholischen Predigten durch Absingen neuer evangelischer Lieder. Und hörten einfach nicht auf! Diese neue Bewegung sorgte für Unruhe und Aufruhr überall in der Stadt, und Luthers Lieder wurden zu evangelischen Volksliedern, zu Schlagern und Gassenhauern – und damit zu einem Mittel öffentlicher Verkündigung. Predigt und Priester blieben außen vor. Ähnlich wie damals im Tempel, stelle ich mir vor: Die vielen unterschiedlichen Menschen musizierten mit einer Stimme. Sie lobten und dankten dem Herrn. Sie vereinten alle Instrumente zu einem Lobgesang für den Herrn: »Ja, er ist gut! Für immer bleibt seine Güte bestehen.«

Und heute? Überlassen wir das gemeinschaftliche Klangerlebnis den Fußballvereinen? Finden Menschen noch die Fülle göttlicher Harmonie in den kleiner werdenden Gemeinden, in denen Kirchenmusikstellen wegfallen müssen? Liebe Gemeinde, ich finde: Dieser Text doch die absolute Ermutigung und Bestärkung, der Musik noch viel mehr zuzutrauen! Es müssen ja nicht jedes Mal gleich die Pastorinnen überflüssig werden. Aber wenn Sie so singen, dass alle himmlische Herrlichkeit die Luft erfüllt, dann lege ich gerne die Hände in den Schoß.

Gelegenheit dazu gibt es reichlich. Jeden Sonntag in der Gemeinde und in zahlreichen Chören. Besonders im Juni. An einem dieser langen, hellen Abende, wo alles nach Sommer duftet und nach Verheißung. Da haben wir das Nordkirchenchorfest zu Gast und ein Sing-a-long mit dem Mozart-Requiem im Dom. Nicht mit 120 Posaunen, da reicht drei, die ihren Klang verbreiten, Tuba mirum spargens sonum. 600 Mitwirkende haben sich jetzt schon angemeldet. Mitsingen ausdrücklich erwünscht. Mitschunkeln auch. Mückenstiche brauchen sie hier drinnen nicht zu fürchten. Ich ahne, dass da eine Menge Begeisterung in der Luft liegen wird. Menschliche und göttliche. Alle Herrlichkeit der Welt – und die des Himmels dazu.

Amen    

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