15/03/2026 0 Kommentare
Vom himmlischen Vater und der liebenden Mutter. Predigt zum Sonntag Laetare
Vom himmlischen Vater und der liebenden Mutter. Predigt zum Sonntag Laetare
# D | Predigten

Vom himmlischen Vater und der liebenden Mutter. Predigt zum Sonntag Laetare
„Meine Mutter hat alles für uns getan“, sagt der ältere Herr. „Wir hatten Kleidung, und wenn wir aus der Schule kamen, stand das Essen auf dem Tisch. Die Wohnung war blitzblank. Sie hat dafür gesorgt, dass wir Hausaufgaben machen und pünktlich in der Schule sind. Aber wissen Sie was? Sie hat uns nie in den Arm genommen.“ Dann erzählten er und sein jüngerer Bruder von der Kinderzeit ihrer Mutter. Das wenige, das sie wissen. „Das war keine glückliche Kindheit“, sagt der eine. Der andere ergänzt: Das Geld war knapp, der Vater zeitweise arbeitslos, manchmal trank er zu viel. Die Nazizeit, darüber redete sie wenig. Krieg und Fliegeralarm, der Vater vermisst, die Flucht irgendwie mit einem Treck und ein Stück mit der Bahn. Was sie erlebt hat? Keine Ahnung. Nach Lübeck kam sie mit 14 Jahren, ein Flüchtlingskind wie so viele, und überall Hunger. Mit Mutter und Tante in einem Zimmer, irgendwann eine Lehrstelle, nicht selbstverständlich damals. Viel gearbeitet für wenig Geld, und viel Hunger nach Leben. Drei, vier Jahre darauf beim Tanzen verliebt, ziemlich schnell schwanger. Also wurde geheiratet. Zwei Wochen darauf wurde sie 20. Mit Glück eine kleine Wohnung bekommen, in der hat sie gelebt bis zum Schluss. Der Trauspruch hing an ihrer Seite vom Bett, obwohl ihr Mann fast 50 Jahre schon tot ist. Für ihre Jungs hat sie alles getan. Die sollten es besser haben. Aber in den Arm genommen hat sie die nie. Jetzt ist sie gestorben, ihre Söhne müssen sie begraben, und sie sehnen sich so sehr nach Trost.
Beim Propheten Jesaja heißt es für diesen Sonntag: Wie ein Kind werdet ihr auf der Hüfte getragen und auf den Knien geschaukelt. Ich will euch trösten, wie eine Mutter ihr Kind tröstet. In Jerusalem werdet ihr Trost finden. Wenn ihr das erlebt, werdet ihr euch von Herzen freuen. Ist das ein Trost?
Es gibt dieses Foto von ihr und Mama, da ist sie ungefähr drei. Mama war noch gesund. Ein strahlendes Lachen hat sie, und auf dem Foto trägt sie die Sonnenbrille und hat Wind in den Haaren. Sie hat Anna durchgekitzelt, damit sie auch lacht, das weiß Anna noch. Papa hat das Foto gemacht, eins der wenigen von Anna und Mama vor dem Krebs. 14 Jahre ist das jetzt her. Krass lange. Eine Ewigkeit. Jeden einzelnen Tag hat sie Mama vermisst, mal mehr, mal weniger. Sie weiß noch genau, wie das Foto entstand, wie das Kitzeln sich angefühlt hat. Aber sie weiß nicht mehr, wie Mama da roch. Nach Sonnenmilch? Nach dem Erdbeereis, das Anna ihr auf das T-Shirt gekleckert hatte? Dieser ganz spezielle Mama-Duft, der fehlt ihr. Das Lachen. Die Stimme. Manchmal hat sie ein schlechtes Gewissen, das sie die nicht mehr abrufen kann in ihrem Kopf. Dass sie feiern geht mit den Freunden. Dass sie sich mit Papas Freundin versteht. Ist doch normal mit Patchwork, sagen die anderen. Nur dass in ihrem Patchwork das wichtigste Teil eben fehlt, jeden Tag und für immer. Neulich, als sie von der Klassenreise kam, hat ihre beste Freundin die Augen verdreht über ihre Mutter, die sie vor allen anderen so doll gedrückt hat: Mäuschen, endlich hab‘ ich dich wieder! Da war der Schmerz wieder da. Das Vermissen. Die Trostlosigkeit, die sie längst perfekt überspielt. Wie viele Kerzen soll sie denn noch anzünden in all den Kirchen, bis das endlich mal aufhört?
Gott sagt bei Jesaja: Der Himmel ist mein Thron und die Erde ein Schemel für meine Füße. Was für ein Haus wollt ihr mir da bauen? An was für einem Ort sollte ich mich ausruhen? Alles habe ich mit eigener Hand geschaffen, durch mich ist es entstanden. – Ausspruch des Herrn – Aber ich schaue freundlich auf die Armen und Niedergeschlagenen, die voll Ehrfurcht auf mein Wort hören. Trostlose, sehnsüchtige und niedergedrückte Menschen hat Gott im Blick. Jeden Tag und für immer. Mit all ihren Ecken und Kanten und eigenen Zielen, auch mit den falschen: Sie haben sich dazu entschieden, ihre eigenen Wege zu gehen. Sie haben Freude an dem, was ich verabscheue. Zur Zeit von Jesaja ist das nicht anders als heute, leider. Die Menschen, für die Jesaja die Gottesworte festhält, sind Kriegskinder und -enkel, sie haben Migrationshinter- oder Vordergrund, sie vermissen Mütter, Kinder, Brüder, weinen um verlorene Jobs und verflossene Liebste. Sie träumen davon, dass alles wieder so wird, wie es früher nie war. Besser sollen sie es einmal haben. Zumindest die Kinder. In Jerusalem, der Mutter aller Städte, soll endlich Frieden sein. Und in Gaza-Stadt, in Teheran, in Charkiv, in Darfur. Warum sterben Menschen zu früh? Wo sind unsere Toten? Kann Gott nicht eine Legion Engel senden, um das Töten zu beenden? Gib Frieden, Herr, gib Frieden… Vater unser im Himmel!
Vater? Gott tröstet mütterlich: Kann eine Frau ein Kind gebären, bevor sie Wehen bekommen hat?, lesen wir bei Jesaja. Kann sie einen Sohn zur Welt bringen, bevor sie Geburtsschmerzen hatte? Wer hat jemals von so etwas gehört, oder wer hat es je gesehen? Wird ein Land an einem Tag geboren? Kommt ein Volk mit einem Schlag zur Welt? Genau so ist es Zion ergangen: Kaum lag die Stadt in Wehen, brachte sie auch schon ihre Kinder zur Welt. Der Herr sagt: Sollte ich kurz vor der Geburt das Kind nicht zur Welt kommen lassen? Dein Gott spricht: Sollte ich, der die Frauen gebären lässt, ihren Schoß wieder verschließen? Wie gut, dass Gott uns an diese unfassbare, unbeschreibliche und urweibliche Kraft der Geburt erinnert. Gott gebiert sein (ihr!) Volk, sagt die Bibel. Wie eine Frau, die ein Kind zur Welt bringt. Und immer wieder erinnert Gott an dieses große Wunder der Geburt, an den Beginn neuen Lebens. So alltäglich, wie es jeden Tag geschieht überall in der Welt. So außergewöhnlich und einmalig für die, mit der Geburt eines Kindes von einem Tag auf den anderen zu Eltern werden. Und die Bibel erinnert daran: Gebären ist nicht still und sanft und geräuschlos, sondern kraftvoll, schmerzhaft, überwältigend. Eine Geburt ist konkret, krass, körperlich. Und von ursprünglicher Heiligkeit, so sieht das die kluge katholische Theologin Annette Jantzen (Leben, das wächst, Echter Verlag): „Das ist nämlich weit mehr als entrücktes Lächeln und Schwebezustände, sondern Heiligkeit begegnet eben da, wo das Leben Menschen ganz in Anspruch nimmt, wo sie alle bewussten Verkörperungen ablegen, sich ganz überlassen und dabei zugleich ganz sie selbst sind. Und das sagt auch etwas Wichtiges über das Menschsein aus: Wir brauchen als Menschen alle eine Umgebung, die uns bewahrt.“ Wer trostlos ist, braucht die ganz besonders. Wer untröstliche Sehnsucht hat, will die stillen, irgendwie. Aber wo?
Freut euch mit Jerusalem und jubelt über die Stadt, alle, die ihr sie liebt! Seid fröhlich über sie, alle, die ihr über sie getrauert habt! Trinkt euch satt an ihrer Brust und lasst euch trösten! Saugt an ihrer Mutterbrust und genießt ihren Reichtum! Denn so spricht der Herr: Ich werde Jerusalem Frieden geben, der sich ausbreitet wie ein Fluss. Der Reichtum der Völker fließt der Stadt zu wie ein rauschender Bach. Auch ihr werdet ihn genießen. Wie ein Kind werdet ihr auf der Hüfte getragen und auf den Knien geschaukelt. Ich will euch trösten, wie eine Mutter ihr Kind tröstet. In Jerusalem werdet ihr Trost finden. Wenn ihr das erlebt, werdet ihr euch von Herzen freuen.
Ich mag es, dass Gottes Trost nicht abgehoben-abstrakt ist, sondern zärtlich zugewandt. Nicht nur geistig, nicht gedankliche Vertröstung, sondern ganz und gar körperlich. Das alte hebräische Wort für Gottes Gnade und barmherzige Zuwendung hat seinen Ursprung in dem Wort rächäm, dem Wort für Mutterschoß, Gebärmutter. Gottes Zuwendung ist ursprünglich immer schon mütterlich, lange bevor sie väterlich oder patriarchal gedacht wurde. Wie dieser Trost wirkt, erleben junge Väter, Großeltern oder Patentanten, wenn nichts hilft gegen das verzweifelte Weinen des Säuglings. Müde, hungrig, Bauchweh? Kaum ist die Mutter da, ist alles gut. Stillen ist das Gegenteil von Brüllen. So tröstet Gottes, sagt Jesaja. Innig wie der Blickzwischen Mutter und Kind beim Stillen. Größte Nähe ohne Worte.
Nur: Wie erlebe ich das, wenn ich so eine Mutter nie hatte? Wenn ich mich an meiner Mutter seit Jahren abarbeite? Wenn ich daran verzweifle, selber nie Mama zu sein? Wenn mein Gottesbild ganz anders ist? Wie gut, dass die Bibel Gott nie nur auf ein Bild festlegt. Gott ist immer mehr, als wir in Worte fassen können. Gott ist mütterlich und väterlich. Gott ist nie nur männlich oder nur weiblich. Gott ist divers. Gott ist in allem aber vor allem: Zugewandt und liebend. Und in Jesus Christus bekommt diese Liebe ein Gesicht. Eine Liebe, die in den Tod geht. Mitgeht im Tod. Die über den Tod hinausgeht und aus dem Tod Neues entstehen lässt. Liebe, die wächst und die sich verschenkt. Ostern werden wir sehen, was wir davon haben. Bei Gott ist es für eine glückliche Kindheit zum Glück nie zu spät. Amen
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