14/05/2026 0 Kommentare
Völlig losgelöst? Von der Mondmission, der Himmelfahrt und der Hoffnung
Völlig losgelöst? Von der Mondmission, der Himmelfahrt und der Hoffnung
# D | Predigten

Völlig losgelöst? Von der Mondmission, der Himmelfahrt und der Hoffnung
Völlig losgelöst von der Erde, liebe Gemeinde, und völlig schwerelos, so ist Himmelfahrt, finde ich. Himmelfahrt ist ein wunderbarer Feiertag. Arbeitnehmer:innen- und schulkinderfreundlich: Ein Donnerstag plus Brückentag im schönsten Frühjahr. Irgendwas mit Fahrrädern und Grillen, open air, unter freiem Himmel, möglichst wolkenlos zwischen Ostern, 1. Mai und Pfingsten.
Völlig losgelöst ist Himmelfahrt nun aber gerade nicht. Ohne Ostern wäre Himmelfahrt nicht nötig, ohne Pfingsten unvollständig. Ohne Auferstehung wäre Christus den Frauen, Jüngern und Vertrauten nicht 40 Tage lang erschienen. Die spürten da: Er ist es, und er ist es doch nicht. Jedenfalls nicht wie vorher, so zwischen unten und oben. Irdisch noch schon himmlisch. Gelöst von Erdenschwere und Todesfesseln, aber nicht mehr ganz von dieser Welt. 40 Tage greifbar da, dann aufgefahren. Den Augen entzogen. Abgefahren: Entschwunden! In den Himmel erhoben. Wolkig, nebulös, kaum fassbar. Und seit Pfingsten trotzdem da und präsent und spürbar: In der Verständigung, in der Begeisterung, in ansteckender Freude, in dem Wissen: Wir sind nicht von allen guten Geistern verlassen, sondern von guten Mächten wunderbar geborgen.
Um Himmelfahrt zu fassen zu bekommen, müssen wir noch einmal zurück. Nicht nur zum Ostermorgen, sondern zum Gründonnerstag sogar. „Gründlich durchgescheckt steht sie da / Und wartet auf den Start – alles klar! / Experten streiten sich um ein paar Daten / Die Crew hat da noch ein paar Fragen / Doch der Countdown läuft.“ Gründonnerstag ist die Crew der Artemis-2-Mondmission mit ihrer Orion-Kapsel gestartet. Losgelöst von der Erde und völlig schwerelos flogen vier Austronaut:innen rund 407.000 Kilometer von der Erde durch das All. Ein historischer Rekord. Ein Himmelfahrtskommando? Nein, sie kehrten unversehrt zurückkurz nach Ostern. Alles ist gut gegangen. „Effektivität / Bestimmt das Handeln / Man verlässt sich blind / Auf den andern / Jeder weiß genau / Was von ihm abhängt.“ Die Welt schmunzelte, als die Astronauten im All Ostereier versteckten, allerdings nur Astronautennahrung, dehydriertes Rührei, in der Schwebe ihrer Raumkapsel. Die wissenschaftlichen Experimente verstanden nur Expert:innen. Dennoch berührte die Mission Menschen weltweit. Der Spiegel schrieb: „Staunen. Dieses eine Wort fasst wahrscheinlich ganz gut zusammen, was die Astronauten dort oben tun. Natürlich arbeiten sie in ihrer »Orion«-Kapsel, führen wissenschaftliche Experimente durch, aber den Blick für die Schönheit des Mondes bewahren sie sich – und teilen ihn mit der Erde.“[1]
Zurück zum Gründonnerstag also. Auch mit dem Predigttext zu Himmelfahrt. Das sind die allerletzten Worte von Jesus, bevor er verhaftet wird. Sätze zum Staunen aus dem Johannesevangelium, die man nicht losgelöst betrachten kann. Sie sind der Abschluss des Abschiedsgebets von Jesus innerhalb seinen Abschiedsreden an die Vertrauten. Der Höhepunkt von fünf Kapiteln Vermächtnis. Sein letzter Wille für die Seinen schon auf der Schwelle, in der Schwebe zwischen Lebenswillen und Todesahnung. Jesus hob seine Augen auf zum Himmel und sprach: Ich bitte aber nicht allein für sie, sondern auch für die, die durch ihr Wort an mich glauben werden, dass sie alle eins seien. Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir, so sollen auch sie in uns sein, auf dass die Welt glaube, dass du mich gesandt hast. Und ich habe ihnen die Herrlichkeit gegeben, die du mir gegeben hast, auf dass sie eins seien, wie wir eins sind, ich in ihnen und du in mir, auf dass sie vollkommen eins seien und die Welt erkenne, dass du mich gesandt hast und sie liebst, wie du mich liebst. Vater, ich will, dass, wo ich bin, auch die bei mir seien, die du mir gegeben hast, damit sie meine Herrlichkeit sehen, die du mir gegeben hast; denn du hast mich geliebt, ehe die Welt gegründet war. Gerechter Vater, die Welt kennt dich nicht; ich aber kenne dich, und diese haben erkannt, dass du mich gesandt hast. Und ich habe ihnen deinen Namen kundgetan und werde ihn kundtun, damit die Liebe, mit der du mich liebst, in ihnen sei und ich in ihnen.
Zu Himmelfahrt kommt mit der Gründonnerstagsrede das große Ganze in den Blick. Auf dass die Welt glaube. Kleiner geht’s nicht. Die ganze Welt, die ganze Menschheit, dass sie alle eins seien. Acht Bitten, sogar eine mehr als im Vaterunser! Vater, sagt Jesus, mein Vater, und macht Gott zu unser aller Vater. Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir, so sollen auch sie in uns sein. Ich in dir und du in mir. Vollkommen. Nicht völlig losgelöst, sondern vollständig, allumfassend verbunden in Herrlichkeit und Liebe und Erkenntnis. Ist das der Himmel auf Erden?
Für die Menschen, die sich um Jesus sammelten, ist die Herrlichkeit 24 Stunden nach diesem Gebet zu Ende. Karfreitag zeigt alle Schattenseiten irdischer Macht. Jesus am Kreuz. Die Liebe in den Dreck gezerrt, gedemütigt, besudelt, ausgelacht. Gekreuzigt, gestorben und begraben. Der Tag darauf: Ganz und gar unterirdisch. Hinabgestiegen in das Reich des Todes. Erst allmählich die Erkenntnis des Ostertages: Auferstanden von den Toten. Und 40 Tage später: Aufgefahren in den Himmel. Auferstanden, aufgefahren, fern und nah zugleich mit der Botschaft, dass die Liebe stärker ist. Immer schon stärker war, vor aller Zeit schon, und weit über alles Denken hinaus bis in Ewigkeit. Dass diese Erde erfüllt sein kann von einem göttlichen Glanz, einer Klarheit, einem herrlichen Leuchten und Glänzen in all ihrem Elend. Über alle Grenzen hinweg. Gegen alle Todesmächte, Kriegsherren, Gewaltherrscher damals wie heute. Vater, ich will, dass, wo ich bin, auch die bei mir seien, die du mir gegeben hast, damit sie meine Herrlichkeit sehen, die du mir gegeben hast; denn du hast mich geliebt, ehe die Welt gegründet war.
„Die Erdanziehungskraft / Ist überwunden / Alles läuft perfekt / Schon seit Stunden / Wissenschaftliche Experimente…“ Losgelöst von den Nachrichten über die Rühreiersuche im All gingen die Worte der Astronaut:innen fast unter, die sie als Osterbotschaft zur Erde funkten. Sie hatten nicht nur den Mond vor Augen, sondern sahen dahinter unseren einzigartigen blauen Planeten in seiner fragilen Schönheit. Aus der Distanz sind Grenzen nicht zu erkennen. Werden völlig sinnfrei. Alle Länder, Menschen, Kontinente und Meere sind vom Weltraum aus Teil eines großen Ganzen. Der Astronaut Victor Glover sieht die Erde als “Oase” inmitten der Leere des Kosmos. Aus dieser Perspektive ist die Bedeutung des menschlichen Lebens plötzlich unfassbar groß und damit die gemeinsame Verantwortung aller Menschen für unsere Welt. Die Astronauten funkten, dass das Osterfest eine Gelegenheit sei, über die gemeinsame Menschlichkeit nachzudenken und kulturelle Unterschiede zu überwinden: „Dieser blaue Planet ist wunderschön. Legt die Waffen nieder, um alles dafür zu tun, Gottes Schöpfung gemeinsam als Weltenfamilie zu erhalten. Der Geist des Herrn erfüllt das All; dieser Geist überwindet die Engstirnigkeit und jeden Machtmissbrauch; seid eines Herzens und Sinnes.“
Jesus hat uns Menschen die Herrlichkeit gegeben, den Glanz, die Klarheit, die Gott ihm gegeben hat, auf dass sie eins seien, sagt er. Verbunden in Liebe und Verantwortung. Das können wir lernen. Das ist ja kein Zustand, sondern ein Prozess. Kein Sein, sondern ein Werden. Wie wir eins sind, ich in ihnen und du in mir, auf dass sie vollkommen eins seien und die Welt erkenne, dass du mich gesandt hast und sie liebst, wie du mich liebst. Worte im luftleeren Raum? Worte, die ungehört untergehen im millionenfachen Texten, Kommentieren, Posten, Liken und Reposten? Vielleicht staunen überall Menschen über die Astronaut:innen. „Wenn die wüssten / Mich führt hier ein Licht durch das All / Das kennt ihr noch nicht / Ich komme bald…“ Wir staunen und lassen uns erinnern: Es gibt in aller Finsternis der Welt ein Licht für die Welt. Es gibt Hoffnung. Wir spüren, ahnen, hoffen, beten, dass Gott für diese Welt viel mehr will als Krieg und Streit und Zerrissenheit: Dass alle eins sind. Eben nicht vereinzelt und unverbunden. Himmelfahrt spüren wir: Ostern war erst der Anfang. Wir gehören zusammen. Alle.
Amen
[1] https://www.spiegel.de/wissens...
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