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Verweilen bei einem Freund - Predigt über das Beten am Sonntag Rogate von Pastor Martin Klatt

Verweilen bei einem Freund - Predigt über das Beten am Sonntag Rogate von Pastor Martin Klatt

Verweilen bei einem Freund - Predigt über das Beten am Sonntag Rogate von Pastor Martin Klatt

# D | Predigten

Verweilen bei einem Freund - Predigt über das Beten am Sonntag Rogate von Pastor Martin Klatt

Matthäusevangelium 6, 5-13

„Ich habe so viel gehört über das, was beten ist. Hier sagt dir das keiner. Sie lassen es dich einfach tun.“ Freude liegt auf dem Gesicht der jungen Frau. Ihre Augen leuchten, als sie von den Erfahrungen erzählt, die sie in Taizé mit dem Beten gemacht hat.

Ist nicht in ihren Worten schon alles enthalten? Ist das nicht schon die ganze Predigt? Die vielen Worte über das Gebet haben die Freude nicht geweckt. Alle Erklärungen, wie man es richtig macht, haben ihr nicht richtig geholfen.

Ist es so? Was beten ist, erschließt sich nicht im Reden darüber. Es erschließt sich, indem wir es tun. So wie Liebe sich erschließt, wenn wir uns verlieben, wenn wir geliebt werden und wenn wir lieben. Dann verstehen wir, verstehen von innen heraus. Wenn ihr also wissen wollt, was es ist, erwartet es nicht von den Worten hier oben von der Kanzel. Tut es! Rogate! Betet!

Oder ist schon diese Aufforderung zu viel des Guten, gut gemeint, aber keine Hilfe?Beten tut Regelmäßigkeit gut und Übung. Aber Beten soll nicht Pflichtübung sein. Beten ist niemals Zwang. Niemand muss beten. Beten soll nichts zu tun haben mit schlechtem Gewissen – außer, dass wir vielleicht die Last eines schlechten Gewissens, das uns quält, los werden können, wenn wir beten. »Sie lassen es dich einfach tun.« Vielleicht liegt darin wirklich das ganze Geheimnis: im Lassen; im Zulassen, im Offenlassen. In dem Zutrauen, das dem Gebet selber etwas zutraut. Im Vertrauen, dass du dein Gebet findest – und das Beten dich findet.  

Aus dem Matthäusevangelium im 6. Kapitel: Jesus sagt zu den Seinen: Wenn ihr betet, sollt ihr nicht sein wie die Heuchler, die gern in den Synagogen und an den Straßenecken stehen und beten, um sich vor den Leuten zu zeigen. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon gehabt. Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir’s vergelten. Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden; denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen. Darum sollt ihr ihnen nicht gleichen. Denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet. Darum sollt ihr so beten: Unser Vater im Himmel! Dein Name werde geheiligt. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.  

Auch Jesus predigt nicht über das Gebet oben auf dem Berg – und schon gar nicht von oben herab. Keine Erklärungen über das, was Beten ist, aber Worte, mit denen er selber betet und mit denen wir beten können: »Vater unser im Himmel…«

Er spricht eher von dem, was Gebet nicht ist, was den Weg zum Beten verbaut, worin wir uns selber und anderen im Wege stehen. Und darin scheint auf, was Beten sein könnte: ein Frei-Raum und ein weiter Raum. Darin haben Platz Lachen und Tränen, Trost und Verzweiflung, Seufzen und Ach und Freude. Beten – eintreten in einen Raum, in dem ich sein kann – mit allem, was ich bin und was ich nicht bin. In dem ich immer wohnen kann, oder den ich betrete von Zeit zu Zeit, mich zu bergen, mich zu sortieren, mich wieder zu finden – und mehr zu finden als mich selbst.

Theresa von Avila sagt: „Meiner Meinung nach ist inneres Beten nichts anderes als Verweilen bei einem Freund, mit dem wir oft allein zusammenkommen, einfach um bei ihm zu sein, weil wir sicher wissen, dass er uns liebt.“

Beten – Frei-Raum. Gott wohnt schon längst darin. Ist immer schon da. Und wenn wir beten, sind wir auch da.  

»Darum«, sagt Jesus, »wenn ihr betet, sollt ihr nicht sein wie die Heuchler, die … beten, damit sie von den Leuten gesehen werden...«

Es wird zur Zeit viel öffentlich gebetet – nicht an Straßenecken, aber im Fernsehen. Inszeniertes Beten. Der us-amerikanische Kriegsminister etwa betet um den Sieg im Krieg: 'Lass jede Kugel ihr Ziel finden!'

Dass das Beten keine Sprechverbote kennt, ist und bleibt wichtig. Unbedingt. Die Psalmen selber beten es uns vor. Gott erhört ja nicht alle abgründigen Bitten, die Menschen so an ihn herantragen. Gott sei Dank! Oder erhört sie anders: Vielleicht trifft ja die Kugel, die den Menschen verfehlt, ihr Ziel...

Aber diese Art öffentliches Beten verfolgt andere Interessen. Wer so betet, will Gott einspannen, um den eigenen Zielen religiöse Weihen zu verleihen. Es ist Reden zu Gott ohne Hören auf Gott. Heuchelei nennt Jesus das: mit dem eigenen Beten noch andere Interessen mitverfolgen.

Abseits der Öffentlichkeit öffnet sich die Tür zu dem weiten Raum des Gebetes. Niemand schaut zu. Die Selbstdarstellungszwänge enden. Keine Inszenierung. Du musst dich nicht rechtfertigen für das, was du im Gebet sagst. Du musst dich nicht rechtfertigen für das, was du nicht sagst. Nicht für deine Worte, nicht für dein Schweigen. Nicht für die total unmöglichen Dinge, die du auf dem Herzen hast, nicht für die Leere deines Herzens. Du musst dir nicht einmal selber beim Beten zuschauen. „Verweilen bei einem Freund, einfach um bei ihm zu sein, weil wir sicher wissen, dass er uns liebt.“ Du bist da. Gott ist da. Das genügt.  

Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die, die Gott nicht kennen; denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen. … Euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet.

Beten – Frei-Raum für Bitten und Wünschen. Inständiges Bitten, Flehen manchmal. Und wissen: Gott weiß, was wir nötig haben. Gott, den Jesus Vater nennt, ist in seiner Liebe bei uns Menschen, bevor wir ihn darum bitten. Wer meint, es gehe beim Beten nur darum, etwas von Gott zu bekommen, denkt noch klein von dem großen Frei-Raum Beten. In ihm, vielleicht, verändert sich sogar unser Wünschen, wenn wir verweilen bei einem Freund, von dem wir sicher wissen, dass er uns liebt.  

„Herr, lehre uns beten!“ bitten die Jünger Jesus einmal (Lk 11, 1). Natürlich wissen sie, wie das geht. Natürlich kennen sie Worte zum Beten. Sie sehen an Jesus etwas, das sie ahnen lässt: Es gibt da einen noch weiteren Raum, den haben wir noch nicht betreten. „Nimm uns mit in diesen weiten Raum!“

Und Jesus: keine Lehre; keine Belehrung, wie man es richtig macht. Er lässt es sie einfach tun. Und er gibt ihnen die Worte: Vater unser in den Himmeln

Gebet, das die Welt umspannt. In allen Kirchen und Konfessionen wird es gesprochen. In jedem Gottesdienst. Wenn ein Mensch getauft wird und bei der Konfirmation; wenn ein Mensch zu Grabe getragen wird. Am Anfang oder am Ende von Kirchengemeinderatssitzungen. Es ist erstes Wort und letztes Wort.

Jetzt in diesem Moment irgendwo auf der Welt betet es ein Mensch in seiner Muttersprache. „Die vielstimmige Sprachmelodie dieser Worte an Gott hört niemals auf.“  (R. Meister)

Es schließt uns zusammen, auch wenn wir sonst über viele Dinge unterschiedlich denken und unterschiedlich glauben. Wir lesen das Gebet Jesus von den Lippen ab. Es sind seine Worte. Wir sprechen sie mit ihm. Und seine Worte und unsere Worte haben den gleichen Adressaten: Gott – wie ein Vater; wie ein Freund. Es bringt etwas zur Sprache, was immer wichtig ist: das Elementare, das elementar Menschliche – und Göttliche. Aus aller Enge führt es uns heraus in einen weiten Raum, wenn wir es beten. Das Wort „Ich“ – so wichtig, so schwierig – kommt nicht vor. Nur das 'Wir'.  

»Vater unser im Himmel.« Die Anrede öffnet einen Vertrauensraum. Nicht für alle; nicht für die, denen eigene schlimme Vatererfahrungen im Wege stehen. »Vater« ist nicht die eine, allein richtige Anrede für Gott. »Vater unser im Himmel« heißt auch: gerade nicht so wie immer auch auf Erden: entstellt; missbraucht. Wenn wir die Worte beten, verbinden wir uns mit dem tiefen Vertrauen Jesu zu seinem himmlischen Vater. Wir sprechen die Worte zusammen mit ihm; und er spricht sie mit uns. Wir beten uns hinein in sein Vertrauen. Wir betreten den Frei-Raum und werden uns selbst voraus, wenn wir beten.  

»Geheiligt werde dein Name. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden.«  Bitten darum, dass Gott groß wird unter uns. Seine Herrschaft, die Menschen aufatmen lässt, und sein Wille – sein Lebens-Wille – sollen Raum gewinnen unter uns, in unserem Miteinander und auch durch uns und unser Tun.

Das Vaterunser ist nicht Zusammenfassung unserer Wünsche – aber dessen, was von Gott her wünschenswert ist. Wir beten es immer auch ein bisschen gegen uns selbst: gegen den Egoismus, gegen die Selbstvergötzung des Menschen; gegen alle Gewalt, mit der Menschen über Menschen herrschen, gegen die Absolutheitsansprüche unseres Wollens. Wenn wir diese Worte beten, lassen wir das – jedenfalls für den Moment – hinter uns. Wir beten uns hinein in den weiten Raum der Freiheit von uns selbst und den eigenen, oft so begrenzten Absichten.  

»Unser tägliches Brot gib uns heute. Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.« Das ganz Irdische, das zum Leben Notwendige bekommt seinen Platz: das tägliche Durchkommen, Einkommen; das Auskommen mit uns selbst und mit anderen Menschen. Bitten um den weiten Raum, in dem Leben sich entfalten kann – und der immer wieder eng wird durch das, was wir verfehlen und versäumen und das, was uns nicht frei leben lässt in Frieden und Gerechtigkeit. Im Beten des Vaterunser öffnet sich der weite Raum versöhnter Mitmenschlichkeit.  

»Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.« So weit ist der Raum, in den das Vaterunser uns mitnimmt. Wir halten, wenn wir beten, die Lücke offen „zwischen dieser Welt, wie sie ist, und der Welt, wie sie in Gottes Augen sein sollte und wie kein Mensch sie schaffen kann.“ (R. Meister)  

Beten: Jesus lässt es uns einfach tun. Schenkt uns Worte. Und wir sind da, wenn wir sie mit ihm sprechen. Verweilen bei einem Freund, von dem wir sicher wissen, dass er uns liebt. Und Gott ist da. Und das ist genug.   

AMEN.

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