13/05/2026 0 Kommentare
Unterwegs auf dem „Kleinen Jakob“
Unterwegs auf dem „Kleinen Jakob“
# KGV & J | Aktuelles für Innenstadtverband und Jakobi

Unterwegs auf dem „Kleinen Jakob“
Schritt für Schritt zieht eine Gruppe von rund zwölf Frauen und Männern durch die Lübecker Altstadt. Sie erkunden enge Gänge, bleiben auf unebenen Straßen stehen und lassen den Blick über historische Häuser schweifen. „Auf diesen Wegen – damals noch ungepflastert und von Gerüchen geprägt – pilgerten schon unsere Vorfahren“, erzählt Sabine Rietman. „Im Mittelalter lebten etwa 20.000 Menschen auf der Altstadtinsel, heute sind es rund 14.000. Die Stadt war voller Leben.“ Aus ihrem Rucksack holt sie Pilgerbrot – hart gebacken, damit es lange haltbar bleibt. „Dafür braucht man gute Zähne“, murmelt jemand schmunzelnd aus der Gruppe.
Ein besonderer Beginn
Der Weg beginnt in der Brauerkapelle von St. Jakobi – unter einer großen blauen Welle, umgeben von Engeln. Hier werden die Teilnehmenden eingestimmt: „Manchmal fühlen wir uns vom Leben überrollt. Dann kann die Erinnerung an biblische Geschichten helfen – wie an Mose, der das Meer teilte und einen Weg durch das Chaos öffnete.“ Mit einem Gebet beginnt der „Kleine Jakob“.

Beginn und Abschluss sind in der Brauerkapelle. Hier gibt es Stärkung mit Brot und Wasser. Regina Musa, Sabine Rietman und Monika Steinmann freuen sich auf einen Sommer mit vielen „Kleinen Jakobs“ rund um die Lübecker Altstadt.
Von der Idee zur festen Tradition
Ins Leben gerufen wurde der Pilgerweg von der damaligen Pilgerpastorin Kathrin Jedeck. Gemeinsam mit ihrem Mann vermittelte sie das selbstständige Pilgern – ein Angebot, das bis heute weitergeführt wird. Seit elf Jahren findet der „Kleine Jakob“ von Mai bis September an jedem ersten Sonnabend im Monat statt. Ergänzend gibt es in den kälteren Monaten Pilgertreffen am Abend.

Am Anfang führt die Tour durch die Innenstadt. Sabine Rietman erläutert die Geschichte Lübecks aus Pilgersicht.
Zwischen Stadtgeschichte und Stille
Zu Beginn erfahren die Teilnehmenden Wissenswertes über die lange Pilgertradition Lübecks. Drei historische Jakobswege kreuzen hier: die Via Baltica, die Via Scandinavica und die Via Jutlandica. Von Lübeck aus führen Wege bis nach Santiago de Compostela – oder auch nach Rom und Jerusalem. Die erste Hälfte des Weges führt durch die Altstadt und ist geprägt von Geschichten und Informationen. In den Wallanlagen verändert sich die At mosphäre: Es wird stiller. Impulse, Gebete und Zeiten des Schweigens laden dazu ein, nach innen zu schauen.

Weiter geht es in die Wallanlagen – hier beginnt eine Schweigeetappe.
Zur Ruhe kommen und sich selbst begegnen
Unter alten Buchen bleiben die Teilnehmenden stehen. Mit geschlossenen Augen, kleinen Bewegungsübungen und Momenten der Achtsamkeit kommen sie zur Ruhe. „Manchmal werden wir durch äußere Ereignisse aufgebrochen“, sagt Sabine Rietman. „Aber wir können uns auch selbst auf den Weg machen – von innen heraus.“ Der Rückweg bietet Raum für Austausch in Zweiergesprächen.
Viele Wege führen zum Pilgern
Die Gründe für die Teilnahme sind vielfältig. Manche kommen aus Interesse an der Stadtgeschichte, andere aus spirituellen Beweggründen. „Ich habe Lübeck neu für mich entdeckt“, erzählt ein Teilnehmer. Eine andere sagt: „Ich bin nicht mehr kirchlich gebunden, aber mein Glaube ist geblieben. Dieses Angebot spricht mich an." Pilgern – so wird deutlich – ist für viele „Beten mit den Füßen“.
Gemeinschaft und kleine Stärkungen
Unterwegs gibt es immer wieder kleine Pausen mit Brot, Nüssen und Wasser – Nahrung für den Körper ebenso wie für den Geist. Für Monika Steinmann, die den Weg mit vorbereitet, ist das Pilgern seit vielen Jahren ein wichtiger Teil ihres Lebens. „Ich bin schon vor Jahrzehnten den Camino gegangen. Beim Pilgern verbinden sich für mich Bewegung, Natur, Musik und Meditation.“
Ein stiller Abschluss
Nach etwa zweieinhalb Stunden kehrt die Gruppe in die Brauerkapelle zurück. Dort warten Wasser und frisch gebackene Pilgerbrötchen. Mit einem Zitat von Thomas Morus endet der Weg: „Ein Pilger kehrt nie nach Hause zurück ohne ein Vorurteil weniger und eine Idee mehr.“ Der nächste „Kleine Jakob“ startet am 7. Juni 2026 um 14 Uhr – bereit für alle, die sich auf den Weg machen möchten.
Text und Fotos: Steffi Niemann
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