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"Mensch, wo bist du?" - Predigt von Vikar Per Olsen zum Sonntag Invokavit

"Mensch, wo bist du?" - Predigt von Vikar Per Olsen zum Sonntag Invokavit

"Mensch, wo bist du?" - Predigt von Vikar Per Olsen zum Sonntag Invokavit

# D | Predigten

"Mensch, wo bist du?" - Predigt von Vikar Per Olsen zum Sonntag Invokavit

Gande sei mit euch, und Friede von Gott unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus.

Liebe Gemeinde,

Wir stehen am Anfang Passionszeit. Vierzig Tage dauert sie und auch der Evangeliumstext nach Matthäus führt uns direkt an den Anfang von Jesu Wirken. Und Jesu Wirken beginnt eben auch mit vierzig Tagen in der Wüste. Vierzig Tage Fasten. Vierzig Tage Auseinandersetzung mit dem Bösen in Person, dem Jesus widerstehen muss und nicht der Versuchung erliegen darf. Eine eindrückliche Szene und ich erinnere mich gut: Als Jugendlicher hatte diese Geschichte für mich fast etwas Abenteuerliches. Jesus in der Wüste – das klang wie die ultimative Challenge. Vierzig Tage auf etwas verzichten, das einem wichtig ist, sich der Versuchung stellen, standhalten – was lag da näher, als sich selbst eine Challenge zu setzen? Vierzig Tage auf etwas zu verzichten, das mir wirklich schwerfiel. Der ganz persönliche Wüstenerlebnis. Ähnlich laden ja in dieser Zeit auch viele Fastenaktionen der evangelischen Kirchen ein: bewusst verzichten, Gewohnheiten unterbrechen, sich selbst prüfen.

Aber wenn wir genauer auf diese Zeit schauen, dann merken wir: Diese Zeit ist mehr als eine Herausforderung. Mehr als nur ein sportlicher Verzicht auf etwas Liebgewonnenes. Das Fasten – „vierzig Tage ohne“ – ist dabei nur ein Teil. Die Passionszeit legt, wenn wir dem Evangelium folgen, eine tiefere Auseinandersetzung nahe: mit dem Bösen, mit menschlichen Versuchungen und am Ende eine Auseinandersetzung mit uns selbst. Wie verhalte ich mich zu den Menschen und Situationen, die mir im Leben begegnen? Wie gehe ich mit kleineren oder größeren Versuchungen um? Ist mein Leben nur von menschlichen Grundbedürfnissen, wie Nahrung, Sicherheit oder gar Macht bestimmt? Oder lasse ich mich auch noch von anderen Dingen leiten?

Der Verzicht kann dabei ein äußeres Zeichen sein. Eine Hilfe, Ablenkungen zu widerstehen und sich neu auf das Wesentliche im Leben und im Glauben auszurichten. Aber das Fasten bleibt ein Mittel. Der Kern dieser Passionszeit ist tiefer.

Das Evangelium zeigt uns den erfolgreichen Widerstand: Gottes Sohn widersteht den Versuchungen. Der heutige Predigttext dagegen stellt nicht den siegreichen Gottessohn, sondern den Menschen in den Mittelpunkt und die Geschichte nimmt einen ganz anderen Verlauf. Ich lese aus Genesis 3, die Verse 1–13:

1Und die Schlange war listiger als alle Tiere auf dem Felde, die Gott der Herr gemacht hatte, und sprach zu der Frau: Ja, sollte Gott gesagt haben: Ihr sollt nicht essen von allen Bäumen im Garten? 2Da sprach die Frau zu der Schlange: Wir essen von den Früchten der Bäume im Garten; 3aber von den Früchten des Baumes mitten im Garten hat Gott gesagt: Esset nicht davon, rühret sie auch nicht an, dass ihr nicht sterbet! 4Da sprach die Schlange zur Frau: Ihr werdet keineswegs des Todes sterben, 5sondern Gott weiß: an dem Tage, da ihr davon esst, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.

6Und die Frau sah, dass von dem Baum gut zu essen wäre und dass er eine Lust für die Augen wäre und verlockend, weil er klug machte. Und sie nahm von seiner Frucht und aß und gab ihrem Mann, der bei ihr war, auch davon und er aß. 7Da wurden ihnen beiden die Augen aufgetan und sie wurden gewahr, dass sie nackt waren, und flochten Feigenblätter zusammen und machten sich Schurze.

8Und sie hörten Gott den Herrn, wie er im Garten ging, als der Tag kühl geworden war. Und Adam versteckte sich mit seiner Frau vor dem Angesicht Gottes des Herrn zwischen den Bäumen im Garten. 9Und Gott der Herr rief Adam und sprach zu ihm: Wo bist du? 10Und er sprach: Ich hörte dich im Garten und fürchtete mich; denn ich bin nackt, darum versteckte ich mich. 11Und er sprach: Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist? Hast du gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot, du solltest nicht davon essen? 12Da sprach Adam: Die Frau, die du mir zugesellt hast, gab mir von dem Baum und ich aß. 13Da sprach Gott der Herr zur Frau: Warum hast du das getan? Die Frau sprach: Die Schlange betrog mich, sodass ich aß.

Ein eindrucksvoller Text. Der Mensch mitten in Gottes Schöpfung, erliegt einer Versuchung, durch das Essen der Frucht „wie Gott zu sein“. Am Ende verschließt sich dem Menschen den Zugang zum Paradies. Wir könnten an diesem Texte lange über Menschenbilder sprechen und gewiss streiten, über Verantwortung und Schuld. Auch viele Fastenaktionen erliegen manchmal dem Risiko, vor allem den Menschen und sein tun ausschließlich in den Blick zu nehmen: Was kannst du anders machen? Worauf kannst du verzichten? Wie kannst du dich verbessern?

Doch die Passionszeit ist immer auch eine besondere Gottesbegegnung und daher lohnt es sich auch den Blick auf das richten, was Gott in dieser Geschichte tut. Zunächst scheint Gott unbeteiligt und der Mensch ist Herr seines eigenen Handelns. Erst nachdem der Mensch der Versuchung erlegen ist und sich bereits der Konsequenz gewahr wird, tritt Gott in den Garten. Gott wandelt im Garten und ruft nach dem Menschen mit der ersten Frage, die Gott überhaupt an den Menschen richtet:

„Mensch, wo bist du?“

Was hat es mit diesem Vers auf sich? Ist das wirklich nur eine Ortsfrage? Glauben wir ernsthaft, dass Gott, der Schöpfer der Welt, nicht wüsste, wo der Mensch sich versteckt?

Der Kommunikationswissenschaftler Paul Watzlawick hat eine ebenso einfache wie für unseren Text hilfreiche Beobachtung formuliert: Jede Äußerung hat immer zwei Seiten. Eine Inhaltsseite – also das, was gesagt wird (das wäre in unserem Text die tatsächliche Ortsangabe). Und eine Beziehungsseite – also das, was mitschwingt: Wie ich zu dir stehe. Wie ich dich sehe. Wie ich mich zu dir verhalte. Und oft ist die Beziehungsseite stärker als der bloße Inhalt, sie bestimmt den Inhalt. Ein und derselbe Satz kann trösten oder verletzen, Einladung sein oder Anklage. Nicht nur die Worte zählen, sondern der Ton, der Kontext, die Beziehung.

Wenn Gott also fragt: „Mensch, wo bist du?“, dann ist das mehr als eine Frage nach den Koordinaten. Dann ist es Ausdruck von Beziehung. Eine persönliche Anrede. Mensch – wo bist du? Und diese Beziehung ist vielschichtig. Sie hängt vom Kontext ab. Vom Geschehenen im Garten. Von der gebrochenen Vertrauensbeziehung. Denn Beziehungen sind nie neutral, sie sind immer persönlich.

Wir können folglich diese Frage auf der Beziehungsebene unterschiedlich hören. Man könnte sie spielerisch verstehen. Fast wie bei einem Versteckspiel. „Wo bist du?“ – ein freudiges Suchen. Aber die Passionszeit ist kein harmloses Spiel. Sie bietet Raum für eine tiefere Auseinandersetzung des Menschen mit sich selbst, mit seinem Nächsten und mit Gott.

Man könnte diese Frage mahnend hören. Eindringlich. Unüberhörbar. „Mensch, wo bist du?“ Was ist geschehen, dass noch immer Menschen hungern, während andere im Überfluss leben? Dass Menschen vor Krieg und Elend fliehen müssen? Dass Ungerechtigkeit zum Himmel schreit – und so viele schweigen? Wo bist du in all dem? Wo ist dein Einsatz, dein Widerspruch, deine Verantwortung? Da klingt nicht nur eine Frage. Da klingt auch Zorn. Der Zorn dessen, der diese Welt gut geschaffen hat – und der sieht, wie wir uns einrichten, statt aufzustehen: „MENSCH, WO BIST DU?“

Man könnte die Frage aber auch resigniert hören. Traurig. „Mensch, wo bist du?“ Was ist passiert, dass Kriege wieder selbstverständlich erscheinen? Dass die Schöpfung leidet unter Ausbeutung und Klimaschäden? Dass Spaltungen tiefer werden, Hass lauter, Versöhnung seltener? Hier klingt Enttäuschung. Schmerz über eine Welt, die aus dem Takt geraten ist. Die Traurigkeit eines Schöpfers über seine Schöpfung: „Mensch, wo bist du …?“

Und schließlich kann man die Frage seelsorglich hören. Nah. Persönlich. „Mensch, wo bist DU?“ Wo stehst du gerade? Wie geht es dir mit deiner Krankheit, deiner Trauer, deinem Scheitern? Was bewegt dich, was belastet dich? Hier ist keine Anklage, sondern Zuwendung. Kein Vorwurf, sondern Interesse. Ein Gott, der dich dort sucht, wo du wirklich bist: „Mensch, wo bist du?“

Ein einziger Satz. Und doch so viele Ebenen. „Mensch, wo bist du?“, das ist ein Satz, der gut an den Anfang dieser Passionszeit passt. Er gibt Anlass zu einer ganz persönlichen, aber auch zu einer gesellschaftlichen Standortbestimmung. Und bei allen möglichen Lesarten bleibt eine Botschaft: Gott ist nicht fern. Er sucht unsere Nähe. Er lässt uns im größten Schlamassel nicht allein – nicht im Scheitern, nicht in der Überforderung, nicht in der Scham, nicht in der Trauer. Gott ist mitten in dieser Welt. Er sucht uns. Er begegnet uns als Gegenüber.

Ich bin überzeugt, dass diese Frage Gottes an den Menschen die Grundbewegung der ganzen Bibel widerspiegelt. Jeder Vers, jede Botschaft trägt im Kern diese eine Frage: „Mensch, wo bist du?“ – von Gott an dich und mich ganz persönlich. Das ist nicht immer angenehm. Manchmal fühlen wir uns nackt. Ertappt. Wir schämen uns für Dinge, die wir getan oder unterlassen haben. Aber es ist immer auch ein Wahrheitsmoment. Ein offener Raum. Eine Chance, neu zu antworten und sich Gott anzuvertrauen.

Auch das darf in der Passionszeit seinen Platz haben – neben oder mithilfe des Fastens. Und so beginnt diese Zeit auch damit, dass Jesus Christus selbst sich in diese Welt begibt. Während die Beziehung zwischen Gott und Mensch in der Schöpfungserzählung noch asymmetrisch erscheint, wird sie im Menschen Jesus Christus konkret, auf Augenhöhe.

Denn im Matthäusevangelium heißt es ganz zu Anfang, noch vor der Versuchung in der Wüste: „Siehe, eine Jungfrau wird schwanger sein und einen Sohn gebären, und sie werden ihm den Namen Immanuel geben, das heißt übersetzt: Gott mit uns.“

Gott mit uns. Jesus Christus, der am Anfang seiner Verkündigung selbst dem Bösen begegnet und sich vierzig Tage mit menschlichen Versuchungen auseinandersetzt.

Gott fragt: „Mensch, wo bist du?“ Und in Jesus Christus kommt Gott genau dorthin, wo wir sind – wo du und ich gerade stehen – und sagt: Egal, wo du gerade bist, ich bin mit dir.

Amen.

 

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