11/10/2026 0 Kommentare
Mehr als Selbstoptimierung: Leben aus Gottes Liebe. Predigt von Landesbischöfin Kristina Kühnbaum-Schmidt
Mehr als Selbstoptimierung: Leben aus Gottes Liebe. Predigt von Landesbischöfin Kristina Kühnbaum-Schmidt
# D | Predigten

Mehr als Selbstoptimierung: Leben aus Gottes Liebe. Predigt von Landesbischöfin Kristina Kühnbaum-Schmidt
Landesbischöfin Kristina Kühnbaum-Schmidt
Predigt am 19. Sonntag nach Trinitatis, 11.10.2026, im Dom zu Lübeck zu Epheser 4, 22-32
Ja, zuweilen mag man sich das wünschen und sich geradezu danach sehnen: ein neuer Mensch werden, eine ganz andere, ein ganz anderer. Sich wie neu geboren fühlen. Den alten Menschen, das bisherige Leben abstreifen und zurücklassen. So wie eine Schlange ihre alte Haut abstreift und zurücklässt. Und dann noch einmal ganz neu und von vorn beginnen. Vielleicht mit all den Erfahrungen und Erlebnissen in Kopf und Herz, die man bisher gemacht hat. Aber es nun besser machen. Aus den alten Erfahrungen schöpfen, doch die alten Fehler vermeiden. Das alte Wissen nicht vergessen, und es nun in anderen Situationen und Umständen achtsamer und besser anwenden. Ein anderer, ein neuer Mensch werden. Erneuert in Geist und Sinn.
Vielleicht ist die Vorstellung eines solchen neuen Menschen verbunden mit all den Idealvorstellungen, die der heutige Predigttext beschreibt. Ein gerechtes Leben, ohne Lug und Betrug, statt dessen immer wahrhaftig, immer aufrichtig. Ohne falsche Ansprüche und ohne falsche Bescheidenheit, freigiebig und großzügig, ohne Bitterkeit, Zorn und Lästereien. Freundlich und herzlich sein. Nur noch gute Worte sagen. Irgendwie ein heiliges Leben - "ein neuer Mensch nach Gott geschaffen in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit."
Wenn man dem Predigttext zuhört, dann erscheint dieses Projekt "neuer Mensch" als ein wahres Mammutprojekt. Wer auch nur etwas, eine Kleinigkeit im Leben ändern will, der weiß ganz gut, wie anstrengend das sein kann. Einfach nur, weil es anders ist als bisher. Oder weil es bedeutet, eine neue Gewohnheit zu etablieren, etwas neu als alltägliche Routine zu etablieren. Ein wenig mehr Sport treiben. Aufs Rauchen verzichten. Nicht mehr zu spät kommen. Öfter mal Fahrrad, Bus und Bahn statt das Auto nutzen. Immer am Abend die Schultasche packen, damit es morgens nicht so hektisch wird. Mehr Gemüse und Obst als Süßigkeiten essen... na, Sie wissen schon.
II
Jeder von uns weiß, wie schwer es ist, auch nur eine winzige Einzelheit im Tageslauf oder im Alltag zu ändern. Und dann gleich ein gänzlich neuer Mensch werden, noch dazu ein idealer Mensch …. was für eine geradezu übermenschliche Aufgabe!
Dennoch ist die Sehnsucht danach wohl groß, anders und neu zu werden. Ratgeber und Magazine haben stets die aktuellsten Tipps bereit, wie das gelingen kann. Zum Beispiel durch in den sozialen Medien propagierte, feste Morgenroutinen ab fünf Uhr am Morgen, um besser und effektiver in den Tag zu starten. Oder von Abnehmchallenges über eine gesündere Lebensweise bis hin zu einem Verhalten, dass eine möglichst klimaneutrale Lebensführung mit sich bringt. Und Krankenkassen bieten Rabatte oder andere Vergünstigungen, wenn man an Vorsorgeprogrammen teilnimmt, um die eigene Beweglichkeit zu erhöhen und möglichst bis ins hohe und höchste Alter selbstständig und unabhängig leben zu können.
Denn das ist ohnehin der wichtigste Trend, der mittlerweile vom Trend zur Lebensaufgabe wird, die uns allen mehr oder weniger deutlich und offensiv gestellt wird: Du musst dafür sorgen, dass du selbst möglichst lange belastbar bist, dass dein Körper, deine Seele, möglichst lange problemlos funktionieren, damit du möglichst lange in der Lage bist, allein für dich zu sorgen, sowohl körperlich als finanziell, du musst alle Vorsorgeprogramme mitmachen und mitnehmen, erzähl später keinem, du hast es nicht gewusst.
"Mehr Eigenverantwortung der Bürger auch im Gesundheitswesen" heißt das dann. Im sozialen und wirtschaftlichen Bereich ja sowie schon. Wenn die eigenverantwortlichen Bürger dann aber nicht nur für sich selbst und ihren Körper, ihre Familien und ihr Auskommen mit dem Einkommen sorgen, sondern auch noch Eigenverantwortung übernehmen für das, was in ihrer unmittelbaren Umgebung passiert, dann geht es nicht unbedingt konfliktfrei zu. Denn wer sich ordentlich um sich selbst kümmert, der oder die wird auch eine eigene Meinung zum Beispiel zur Verwendung der städtischen Finanzen, zu Großbauprojekten, zur Lagerung von Atommüll oder zur Energieversorgung der Zukunft entwickeln und diese auch öffentlich kundtun. Denn Eigenverantwortung gilt ja nicht nur für das private, sondern auch für das öffentliche Leben, für unser Zusammenleben als Gesellschaft, für unser Miteinander im Stadtviertel oder in einer Dorfgemeinschaft. Und es ist gut, dass diese eigene und gemeinsame Verantwortung für unser Zusammenleben, für unsere Demokratie vielen Menschen in den letzten Jahren neu bewusst geworden ist.
III
"Legt von euch ab den alten Menschen mit seinem früheren Wandel, der sich durch trügerische Begierden zugrunde richtet." So leicht ist es gar nicht, den alten Menschen abzulegen und den alten Lebenswandel noch dazu. Nicht einmal dann, wenn man erkennt oder spürt, wie schädlich die bisherige Lebenspraxis für einen selbst sein kann.
Und zugleich scheint es ganz einfach zu sein: "Zieht den neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit." Wie ein neues Kleid oder ein neues Hemd kann man diesen neuen Menschen offenbar regelrecht anziehen. Zu Zeiten der Schriften des Neuen Testamentes wurde damit auf das weiße Gewand angespielt, das man den gerade Getauften direkt nach der Taufe überzog. Es war Zeichen für das neue Leben, das die Taufe bedeutete und mit sich brachte - ein neues Leben durch und in Christus. Ein neues Leben, weil nun neue Prioritäten gesetzt waren, weil neue Ziele gesteckt wurden. Denn als Teil des Leibes Christi geht es nicht darum, den eigenen Leib und das eigene Leben zu perfektionieren. Es geht nicht darum, vor sich selbst und anderen zu bestehen. Sondern es geht darum, sich zu sehen und zu verstehen als Teil einer neuen und anderen Wirklichkeit: Als Teil der Wirklichkeit der Liebe Gottes.
Diese Wirklichkeit entsteht durch die Taufe. Durch sie sind Menschen nicht mit allen Wassern gewaschen, aber eingetaucht und für immer umhüllt mit Gottes Liebe, was auch geschieht. Nach der Taufe sehen Menschen nicht anders aus. Durch die Taufe werden Menschen zu solchen, für die nun Christus das Zentrum ihres Lebens sein will. Mit der Taufe ändert sich nicht ihr ganzes Leben, aber dennoch verändert sich etwas - die Lebensgrundlage verändert sich.
Wer im Namen des dreieinigen Gottes mit Wasser getauft wird, wer so zu einem Teil des Leibes Christi wird, für den oder sie soll erfahrbar werden, dass Leib und Leben zu mehr gut sind als für Profitgier und Eigennutz. Über wem bei der Taufe das Kreuz Christi geschlagen wird, soll von nun an inmitten von Zerstörung und Krieg auf Liebe und Frieden setzen. Und wer aus der Taufe ins neue Leben gehoben ist, wer versiegelt ist mit dem Heiligen Geist, kann angesichts der eigenen Sterblichkeit getrost von Auferstehung und ewigem Leben singen.
„Zieht den neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit." Wer‘s glaubt, wird selig, mag man skeptisch abwägen und nach Spuren des neuen Menschen am alten Leib Ausschau halten. Wer's glaubt, wird selig, mag man skeptisch denken und das neue Leben, das man durch die Taufe wie ein Kleid überstreift, die neue Wirklichkeit, zu der alle Getauften gehören, für einen frommen Wunsch halten.
Aber genau so ist es: Wer glaubt, wer sein Vertrauen auf Christus allein setzt, legt den alten, auf die Liebe zu sich selbst fixierten Menschen ab und wird ein neuer, an Christus und seiner Liebe zum Nächsten orientierter Mensch. Und ja, wer so glaubt, wird selig.
Amen.
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