26/04/2026 0 Kommentare
Leben in Verbundenheit - Predigt über Johannes 15, 1-8 zum Sonntag "Jubilate"
Leben in Verbundenheit - Predigt über Johannes 15, 1-8 zum Sonntag "Jubilate"
# D | Predigten

Leben in Verbundenheit - Predigt über Johannes 15, 1-8 zum Sonntag "Jubilate"
Ein Bild ist ein Bild. Wir schauen es an. Es erzählt etwas. Vielleicht erzählt es eine ganze Geschichte. Ein Bild ist ein Bild. Es ist ein Ausschnitt. Es erzählt etwas. Es erzählt nie die ganze Geschichte. Zu jedem Bild gibt es auch ein Gegenbild.
Darum das Bilderverbot, das biblische Gebot, dass wir uns kein Bildnis machen sollen von Gott, der größer ist als unsere Gottesbilder, den kein Bild fassen kann.
Die Menschen, die vorbeikommen, bleiben stehen. Nicht alle, aber viele. Weil das Bild so schön ist. Sie heben die Köpfe und schauen nach oben. Ein Lächeln und ein Staunen auf ihrem Gesicht. Ein Radfahrer steigt ab und macht ein Foto mit dem Handy. Die Magnolie im Vorgarten des Pastorats in der Stresemannstraße blüht. Der ganze Baum steht in Blüte. Es ist eine Pracht: die alten dunklen Äste, gewachsen über viele Jahre, tragen die rosa-weißen Blüten, jede einzelne ein Kunstwerk und keine wie die andere; und im Hintergrund ein blauer Himmel.
Das Bild vor unseren Augen erzählt von der Schönheit des Frühlings, von einem Wunder der Natur, von Fülle, vom verschwenderischen Reichtum der Farben und Formen. Manchen ist es noch mehr: erzählt von einer großen Güte, der sich alles verdankt; von dem Gott, der ein Liebhaber des Lebens ist, verliebt in die Fülle, die er nicht für sich behält, sondern ausbreitet über die Welt in Freigiebigkeit.
Vor Jahren, als wir einzogen, sagte jemand: jede Blüte ist ein Gemeindeglied. Seitdem schaue ich noch einmal anders. Was für ein schönes Bild für Gemeinde, für Kirche. Jede und jeder schön für sich selbst – und zusammen eine Pracht. Voller Leben. Blühend und wachsend. Und eine Freude für alle, die es sehen. So ging es mir am letzten Sonntag, als fast 30 Jugendliche ihre Teamer:innencard hier im Gottesdienst erhielten. Blühendes Gemeindeleben.
Nach einem langen Winter hungern wir nach Frühling, nach Farben, nach Wärme, nach Blühen und dem Gesang der Vögel. Unsere Seele nährt sich am Schönen. Ein Foto, um etwas davon festzuhalten. Weil in dem Bild etwas aufleuchtet, was so nicht einfach immer vor Augen ist. Und weil es ein Gegenbild ist gegen die vielen anderen, in denen es keine Schönheit, kein Leben, kein Blühen gibt.
Ein Bild ist ein Ausschnitt. Es erzählt nicht das Ganze: Wer heute an dem Haus vorbeigeht, sieht viele Blütenblätter, die schon auf den Boden gefallen sind. Das Verblühen hat begonnen. Ein paar Tage noch, dann ist die Pracht vorbei.
Der Wunsch nach der Landschaft / diesseits der Tränengrenze / taugt nicht, / der Wunsch, den Blütenfrühling zu halten, / der Wunsch, verschont zu bleiben, / taugt nicht. Dichtet Hilde Domin (Bitte)
Im Ostchor sind sie jetzt zu sehen: Bilder von Geflüchteten auf der Insel Lesbos. Sie erzählen Geschichten. Sie halten vergangene Schrecken fest, die für die, die es erlebt haben, nicht einfach Vergangenheit sind: 2020 das verheerende Feuer in dem Flüchtlingslager Moria auf Lesbos. Mehr als 12.000 Menschen wurden in einer Nacht obdachlos. Bilder können sich in Seelen einbrennen.
Bilder von der Heimat, die sie zurückgelassen haben in Afghanistan, Syrien, Somalia. Bilder von der Sehnsucht nach Heimat. Menschen hinter einem großen Zaun: Alltagsbild in einem Flüchtlingslager.
Und Hoffnungsbilder. „Painted Hope“ – das ist der Titel der Ausstellung.
Was werden die Bilder uns erzählen? Was erzählen die Bilder über uns – die Menschen in Europa? Von Ohnmacht und Hilflosigkeit – vielleicht auch eigener, innerer in uns selbst?
Als Jesus Abschied nimmt von den Seinen (so erzählt es das Johannesevangelium) – und sie gar kein Bild haben davon, wie es denn sein wird ohne ihn – spricht Jesus zu ihnen in einem Bild:
Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater der Weingärtner. Eine jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, nimmt er weg; und eine jede, die Frucht bringt, reinigt er, dass sie mehr Frucht bringe. Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe. Bleibt in mir und ich in euch. Wie die Rebe keine Frucht bringen kann aus sich selbst, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht an mir bleibt. Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun. Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt, und man sammelt die Reben und wirft sie ins Feuer, und sie verbrennen. Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren. Darin wird mein Vater verherrlicht, dass ihr viel Frucht bringt und werdet meine Jünger.
Das Bild erzählt etwas von ihm, das Bild erzählt etwas von uns. Leben gibt es nur in Verbundenheit. Alles hängt zusammen. Nichts besteht für sich allein. Gott, Christus und wir, seine Gemeinde – wir sind miteinander verbunden. Innige Nähe ist da. Äußerlich und vor allem innerlich. Das ist ein Lebenszusammenhang. Christus lebt in seiner Gemeinde. Er durchdringt ihr Dasein, auch wenn wir das vielleicht gar nicht immer spüren. Verborgen ist seine Gegenwart, aber verlässlicher als alles Sichtbare, Äußerliche, woran wir uns vielleicht festzuhalten und zu klammern versuchen. An Christus haben wir Halt. Seine Kraft ist längst in uns lebendig. Seine Liebe belebt uns. Schöne Früchte gehen daraus hervor. Und ich selber bin eine davon. Wie der Mensch neben mir. Und ein anderer, von dem ich das nie gedacht hätte. Und Gott selbst ist am Werk an uns, immer schon und immer weiter. Beharrlich und geduldig.
Und lässt sich das Bild vom Weinstock nicht auch betrachten im Blick auf das eigene Leben? Christus lebt in mir. Er ist da, durchdringt mein Dasein, tiefer und inniger als mir bewusst. Verborgen, aber verlässlicher als alles, was ich von mir selber weiß, ist er da. An Christus habe ich Halt. Seine Kraft ist auch in mir lebendig. Seine Liebe belebt mich. Schöne Früchte gehen daraus hervor. Mein Leben wird reich dadurch, dass der Glaube mich verändert, mich mutiger macht, großzügiger, entschiedener, heiterer, gelassener, meinem Leben Weite gibt. Und Gott arbeitet an mir. Er formt mich – in Liebe und durch Liebe. Ich bin nicht fertig. Ich bin ihm alle Mühe wert.
Dieses Bild möchte ich festhalten, weil es Gegenbild ist zu: Jeder steht für sich allein. Jeder ist für sich das Maß aller Dinge. Jeder kämpft für sich allein. Weil es befreit von dem ständigen Druck nachzuweisen zu müssen, wer man ist – als Gemeinde, oder als Mensch. Liebevoll ist ein Menschenbild, das damit rechnet, dass Menschen sich entwickeln können, wachsen und reifen. Das braucht Zeit. Das darf seine Zeit haben.
Frucht bringen – was für ein schönes Bild für das, was aus uns werden kann: reich und schön für sich selbst und für andere; denn es leben immer andere von der Frucht. Ein Bild, in dem Raum ist dafür, einer von vielen zu sein. Welch eine Befreiung aus der Daueranstrengung, die die eigene Bedeutsamkeit immer selber herstellen muss. Gelassen sein. Und ganz gelassen auch manches sein lassen können – in dem Wissen: Du bist du, bist wer du bist, weil Christus in dir lebt. Du, Gemeinde, und Du, Christenmensch, bist eine Rebe an dem Weinstock Christus.
Zu dem Bild des fruchttragenden Weinstocks gehört auch das Gegenbild: eine verdorrte Rebe. Vertrocknet, ohne Frucht, abgeschnitten, auf einen Haufen geworfen und verbrannt. Ein Bild, das uns vor Augen führt, was nicht sein soll – und was doch sein kann: dass wir das Leben vertun; dass wir fruchtlos leben – sei es als Gemeinde, sei es als Einzelne.
An dieser Stelle hat das Bild vom Weinstock ja eine Grenze: Eine Rebe kann sich nicht eigenmächtig vom Weinstock lösen. … Wir müssen nicht bleiben. (W. Grusnick) Darum die Aufforderung: Bleibt in mir. Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun. Es gibt kein Christsein, gelöst von Christus. An ihn sind wir gebunden.
Ohne mich könnt ihr nichts tun – ist ein provozierender Satz. Kränkend für ein menschliches Selbstbewusstsein, das den Anspruch erhebt, die Dinge in der Hand und im Griff zu haben – und tun können, was wir wollen.
Wir wollen frei sein. Wir sollen frei sein. Und vielleicht rückt der sperrige Satz ins Bild, wie wir an uns selbst gebunden sein können. Nicht so frei sind, wie wir gerne glauben. Gebunden an unsere Geschichte; an unsere Erfolge und Niederlagen; an unsere Wünsche und an unsere Ängste; an die Erwartungen anderer. So vieles hat Macht über uns und wir leben in vielerlei Abhängigkeiten – als Einzelne, als Gemeinde. Wir merken das gerade angesichts der Weltpolitik.
Leben gibt es nur in Verbundenheit. Das gilt für christliches Leben. Für die eine Kirche in all ihren Konfessionen. Das gilt politisch. Es gilt für uns als Menschen in der einen Welt. Es gilt ökologisch – für alles, was lebt.
Mein Lieblingsbild in der Ausstellung: drei Jungs, die auf der Lagerstraße gehen. Sie gehen Hand in Hand – miteinander verbunden. Sie gehen uns Betrachtenden voraus. Das macht es zu einem Hoffnungsbild – painted hope.
Fest verbunden mit den Ästen, mit dem Stamm, mit den Wurzeln in der Erde: die Blütenpracht der Magnolie. Das Herunterfallen der Blüten, das Verblühen ist kein Argument gegen das Blühen.
Der Wunsch, den Blütenfrühling zu halten, / der Wunsch, verschont zu bleiben, / taugt nicht. / Es taugt die Bitte, … / dass die Frucht so bunt wie die Blüte sei, / dass noch die Blätter (der Rose) am Boden / eine leuchtende Krone bilden. (aus: Hilde Domin, Bitte)
Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren. Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben.
AMEN.
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