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Lassen wir uns überraschen... Predigt am 2. Sonntag nach Epiphanias von Vikar Olsen

Lassen wir uns überraschen... Predigt am 2. Sonntag nach Epiphanias von Vikar Olsen

Lassen wir uns überraschen... Predigt am 2. Sonntag nach Epiphanias von Vikar Olsen

# D | Predigten

Lassen wir uns überraschen... Predigt am 2. Sonntag nach Epiphanias von Vikar Olsen

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus!

Liebe Gemeinde,

Sprichwörtlich heißt es ja, dass so mancher Wasser predigt und selbst Wein trinkt. An einem Sonntag wie diesem möchte ich ganz offen sagen: Ich predige gern Wein! Denn die Texte für den heutigen Sonntag, der Wochenspruch, auch das Evangelium geben uns doch gute biblische Gründe dafür! Da begegnet uns Jesus als einer, der selbst kein Kind von Traurigkeit zu sein scheint. Er sitzt mitten unter den Menschen, feiert mit ihnen, teilt ihre Freude – und greift, nach einer kurzen Diskussion mit seiner Mutter, sogar aktiv in das Geschehen ein, indem er das Fest durch noch besseren Wein rettet. Der Evangelist Johannes beschreibt mit dieser Geschichte Jesu erstes öffentliches Wirken ganz bewusst so: Jesus steht mit beiden Beinen im Leben und er zeigt sich großzügig. Er wendet sich nicht von der Welt ab, sondern begibt sich mitten unter die Menschen – auch und gerade in ihren schönen, leichten, festlichen Momenten. Einer, von dem Johannes der Täufer schon vorher gesagt hat: Bei ihm ist die Fülle.

Von so einem Gott erzähle ich gern. Und vielleicht geht es einigen ja ähnlich. Ist das nicht eine große Chance, von einem Gott zu sprechen, der nicht nur streng, bieder oder moralisch erhoben daherkommt? Von einem Gott, der Freude und Heiterkeit kennt und sie uns gönnt? Gerade weil Christen in der öffentlichen Wahrnehmung manchmal fälschlicherweise als Spaßbremsen gelten, tut es doch gut, dieses andere Bild mal stark zu machen. Denn Menschen wollen doch Spaß! Sie sehnen sich nach Freude, nach Leichtigkeit, nach Momenten, in denen sie aufatmen und das Leben genießen können. Nicht immer nur ernste Miene, nicht immer nur Pflicht und Anstrengung. Und genau das scheint dieser Jesus ihnen zuzutrauen – ja, zu gönnen.

Wein predigen und Wein trinken – das ist doch mal was! Umso ernüchternder fällt dann jedoch der Blick auf den Predigttext für den heutigen Sonntag aus, der wiederum eine ganz andere Tonlage anschlägt. Denn in unseren Gottesdiensten predigen wir eben nicht nur die Texte, die uns gefallen und ein Gottesbild präsentieren, dass wir für vorzeigbar halten. Wir sind – durch das Kirchenjahr bestimmt – angehalten, die ganze Bibel in ihrer Vielgestalt zu verkündigen und darin liegt so manches Mal die Herausforderung für uns Predigende. Ich lese aus dem Buch des Propheten Jeremia:

1Dies ist das Wort, das der Herr zu Jeremia sagte über die große Dürre: 2Juda liegt jämmerlich da, seine Städte verschmachten. Sie sinken trauernd zu Boden, und Jerusalems Wehklage steigt empor. 3Die Großen schicken ihre Diener nach Wasser; aber wenn sie zum Brunnen kommen, finden sie kein Wasser und bringen ihre Gefäße leer zurück. Sie sind traurig und betrübt und verhüllen ihre Häupter. 4Die Erde ist rissig, weil es nicht regnet auf das Land. Darum sind die Ackerleute traurig und verhüllen ihre Häupter. […] 7Ach, Herr, wenn unsre Sünden uns verklagen, so hilf doch um deines Namens willen! Denn unser Ungehorsam ist groß, womit wir wider dich gesündigt haben. 8Du bist der Trost Israels und sein Nothelfer. Warum stellst du dich, als wärst du ein Fremdling im Lande und ein Wanderer, der nur über Nacht bleibt? 9Warum bist du wie einer, der verzagt ist, und wie ein Held, der nicht helfen kann? Du bist ja doch unter uns, Herr, und wir heißen nach deinem Namen; verlass uns nicht!

Was für ein Text, der auf den ersten Blick eher bremst als beflügelt! Keine fröhliche Feierlaune sondern echtes Trübsal. Jeremia beschreibt die Dürre, das ausgetrocknetem Land, die Menschen, die mit gesenktem Kopf durch die Gegend laufen, weil sie kein Wasser finden. Er schildert ihre Trauer und Erschöpfung, Angst und Überforderung angesichts ihrer widrigen Umstände. Er verweist auf die Menschen in Verantwortung, die überfordert wirken, weil sie auf die Probleme der Zeit keine Antworten haben. Er beschreibt hart arbeitende Menschen, die ihre wirtschaftliche Existenz bedroht sehen und nicht mehr weiter wissen.

Und mitten in all beschreibt er dieses Gefühl von Schuld. Die Frage, ob man selbst Anteil an dem Unglück hat. Ob man hätte anders handeln müssen. Oder ob man schlicht sprachlos vor einer Welt steht, die in ihren Konflikten, ihrer Gewalt und Ungerechtigkeit manchmal geradezu gottlos wirkt. Erstaunlich ist, wie bildhaft und zeitlos Jeremia das beschreibt. Als hätte er nicht vor über zweitausend Jahren geschrieben, sondern als würde er unsere Nachrichtenlage kommentieren. Und Jeremia belässt es nicht bei einer Beschreibung. Er ringt mit Gott. Er fragt ihn direkt und unverblümt: Warum verhältst du dich wie ein Fremder? Warum greifst du nicht ein? Warum wirkst du selbst ratlos?

Wie geht es uns mit Situationen wie dieser? Natürlich würden wir, würde ich in solchen Zeiten lieber Wein predigen. Lieber von einem Gott erzählen, in dessen Fülle Freude geweckt und der das Leben leicht wird. Aber die Welt, wie sie sich uns gerade zeigt, gibt das eben auch nicht immer her. Es wäre zynisch, Menschen, die um ihre wirtschaftliche Existenz bangen, einfach zur Feierlaune aufzurufen. Es wäre unangemessen, denen, die in der Ukraine frieren, romantische Bilder eines Hochzeitsfestes vor Augen zu malen. Und es wäre billig, Menschen, die im Iran Gewalt und Unterdrückung erleben, nur von ungetrübter Lebensfreude zu erzählen.

Gott ist in dieser Welt – damals wie heute. Und Menschen wie Jeremia ringen darum, wie Gott in dieser Welt erfahrbar wird. Auch Jesus wird später nicht nur der sein, der für gute Stimmung sorgt. Schon bald wird er anecken, provozieren, irritieren. Ihn allein auf das Wunder von Kana zu reduzieren, würde ihm nicht gerecht. Gerade die Epiphaniaszeit – der Zeit der „Erscheinung des Herrn“ – macht deutlich: Gott zeigt sich vielgestaltig. Mal großzügig und schön, mal rätselhaft und herausfordernd, manchmal sogar anstößig. All das gehört zu einem Glauben, der das Leben ernst nimmt – und nicht nur Spaß und gute Laune propagiert.

Was also bleibt uns bei diesem Text? Was sagt er über Gott – und über uns? Besonders wichtig erscheint mir das, was Jeremia so nüchtern und ehrlich ausspricht: „Zahlreich sind unsere Treulosigkeiten, gegen dich haben wir gesündigt.“ Ich möchte an dieser Stelle gar nicht diese Treulosigkeiten ausbuchstabieren – das tut Jeremia auch nicht. Mir geht es vielmehr um das Lebensgefühl dahinter, welches er formuliert: das Gefühl, überfordert zu sein, den Anforderungen dieser Welt nicht gerecht zu werden, zu oft zu schweigen, wo Handeln nötig wäre, und selbst dann unsicher zu sein, ob man das Richtige tut. Das Gefühl, Gott und dem Nächsten manchmal so fern zu sein. Jeremia kennt dieses Gefühl. Er verschweigt es nicht. Und genau das dürfen auch wir. Gerade in einer Gesellschaft, die dazu neigt, Unbehagen mit Unterhaltung oder Ablenkung zu überdecken, tut es gut, solche Worte auszusprechen.  

Ich bin mir sicher, dass Menschen am Ende doch mehr als nur Spaß suchen und nicht selten tun sie das auch bei uns als Kirche. Das wurde auch Heiligabend auch neben all der Feststimmung deutlich. Alle Menschen suchen in diesen Zeiten Halt, Orientierung und Hoffnung. Eine Hoffnung, die trägt, wenn einem das Lachen vergeht. Dann können wir als Gemeinde nicht nur Wein predigen. Dann erzählen wir von einem Gott, der in diese Welt kommt, wie sie ist. Mit Dürrezeiten, mit Planlosigkeit, mit Schuldgefühlen, mit offenen Fragen. Von einem Gott, der mitten unter uns ist und sich in Jesus Christus immer wieder neu zeigt. Von einem Gott, mit dem man ringen darf, den man fragen darf: Warum? Und den man bitten darf: Bleib doch bei uns.

Jeremia holt am Ende zwar nicht den Wein raus. Aber er erinnert an etwas Entscheidendes: „Handle um deines Namens willen.“ Das ist kein letzter Rettungsversuch, sondern eine tiefe Gewissheit, die grundlegender ist als all das, was er jetzt in dieser Dürre wahrnimmt.  Wir kennen sie aus Psalm 23: „Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen.“ Jeremia bittet Gott: Handle so, wie du bist. So, wie wir dich schon kennenlernen durften. Nicht, weil wir es verdient hätten. Nicht, weil wir alles richtig gemacht haben. Sondern, weil du dir selbst treu bleibst.

Jeremia beschreibt viel Leid. Doch am Ende steht eine Gewissheit, die nie verloren gegangen ist: Du bist doch in unserer Mitte, HERR, und über uns ist dein Name ausgerufen. Wenn wir auch heute noch diese Gewissheit mitnehmen, für uns selbst und füreinander, dann kann Hoffnung wachsen. Dann dürfen wir ringen – und zugleich hoffen. Dann dürfen wir uns auch wieder überraschen lassen, so wie die Menschen damals überrascht wurden, als Jesus plötzlich ausgerechnet auf einem Hochzeitsfest Fülle schenkte. Wir dürfen hoffen und wir dürfen gespannt sein, womit Gott uns das nächste Mal überrascht, stärkt und Freude schenkt. Das kann Wein sein. Muss es aber nicht. Denn Gott schenkt Fülle auf viele Weise: als Stärkung, als Trost, als neuen Mut, als Hoffnung mitten in der Dürre. Lassen wir uns überraschen, wie Gott sich uns zeigt.

Amen.

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