
31/08/2025 0 Kommentare
Jenseits von Bullerbü: Hiob, Ilon Wikland und die Fragen, auf die es keine Antworten gibt.
Jenseits von Bullerbü: Hiob, Ilon Wikland und die Fragen, auf die es keine Antworten gibt.
# D | Predigten

Jenseits von Bullerbü: Hiob, Ilon Wikland und die Fragen, auf die es keine Antworten gibt.
Predigt über Hiob 23, 1-17 am 11. Sonntag nach Trinitatis, 31. August 2025
Sie ist 14, als ihre Großmutter sie allein über das Meer schickt, liebe Gemeinde Das kleine Fischerboot trägt den Namen Meritäht, Meerstern. Es ist eines der letzten Boote, mit denen Menschen fliehen können. Im September 1944 verlässt das Mädchen das gelbe Holzhaus in Haapsalu. Ihre Großeltern wird es nie wiedersehen. Es wird später nicht einmal wagen, ihnen zu schreiben, aus Angst vor den sowjetischen Okkupatoren. Vier, fünf endlose Tage und Nächte ist sie dem Meer ausgeliefert. Steht Todesangst durch vor deutschen wie sowjetischen Booten, den Aggressoren, die Estland abwechselnd besetzten. Dann erreicht das kleine Boot Schweden. Jemand gibt dem Mädchen warmen Kakao und ein Käsebrot. Sie ist so dankbar, dass sie den Boden küssen möchte. Ilon Wikland, gerade 95 geworden, ist bis heute in Interviews abzuspüren, was dieser Moment auslöste in ihr.
Ilon hatte keine Bullerbü-Kindheit. Ihre früheste Erinnerung ist ein Schuss, den ein geistig verwirrter Verwandter auf sie abfeuert. Da ist sie drei Jahre alt. Ihre Eltern kümmern sich wenig, trennen sich bald. Sie zieht mehrfach um, kommt dann zu den Großeltern. Neun Jahre alt ist sie, als der Krieg beginnt. Wenig später erschießen Sowjetrussen ihren geliebten Hund und treuen Begleiter, Halt und Stütze ihrer Kindheit. Ihr bleiben die Großeltern, die wichtigsten Menschen ihres Lebens, wie sie später sagt. Ihr bleiben die freien Stunden mit anderen Kindern in dem kleinen Kurort am Meer, in Haapsalu. In den Ruinen der alten Bischofsburg spielen sie heimlich. Und ihr bleibt das Zeichnen, ihre Form, sich auszudrücken und Eindrücke zu verarbeiten. Wenn sie malt, hat sie ihre Ruhe. Viele starke Frauen ihrer Familie haben eine künstlerische Ader. Ihr Großvater ist Kantor in der orthodoxen Kirche gleich nebenan. Ob auch der Glaube, die Lieder, der Kirchenraum ihr Trost gaben und Zuflucht waren? Ob sie sich wiederfinden konnte in den Worten Hiobs, die heute Predigttext sind? In Hiobs Weigerung, Unrecht zu akzeptieren, seiner Suche nach Antworten, wo nur Schweigen ist? Beide haben Traumatisches erlebt. Beide ergeben sich nicht in Ohnmacht. Ilon malt. Hiob diskutiert, klagt, ringt. Gibt nicht klein bei. Hiob sagt: Auch heut bleib ich beim Widerspruch, das ist der ganze Inhalt meiner Klage. Seufze ich, liegt es an Gottes Hand, die mich noch immer niederdrückt. Ach, wenn ich doch nur wüsste, wo ich ihn finde. Dann ging ich hin zu seinem Richterthron. Ich würde meinen Rechtsfall vor ihn bringen und ihm die Gründe nennen, die mich entlasten. Dann wird er mir Rede und Antwort stehen. Ich möchte verstehen, was er mir zu sagen hat. Ob er mich dann mit Gewalt in die Schranken weist? Nein! Er wird bestimmt Rücksicht auf mich nehmen. Dann kann ich offen und ehrlich mit ihm streiten und dort mein Recht für immer durchsetzen. Doch wenn ich nach Osten gehe, ist Gott nicht da. Auch im Westen kann ich ihn nicht finden. Im Norden bekomme ich ihn nicht zu fassen, und auch im Süden seh’ ich ihn nicht.
Die 14jährige Ilon ist nicht nur übers Meer gen Norden geflohen, sondern auch vom Osten in den Westen. Als unbegleitetes minderjähriges Flüchtlingskind bringt sie traumatische Erfahrungen mit. Körper und Seele tragen Narben. Sucht sie nach Gott? Will sie verstehen? „Nu ska jag bli svenskt!“, sagt sie. Sie beschließt sie, von nun an Schwedisch zu sprechen und als Schwedin zu leben. Das besetzte Estland gilt in der neuen Heimat als Teil der Sowjetunion. Von dort erwartet man nur Schlimmes, unterstellt das auch den geflüchteten Menschen. Ilon malt. Das Zeichnen hilft ihr, schwierige Gefühle und traumatische Erfahrungen zu bewältigen. Die furchtbare Besatzungszeit aber kann sie lebenslang nicht ins Bild bringen. Wie Hiob hat sie schlimmste Dunkelheit erlebt, die sich nicht darstellen oder begreifen lässt. Es gibt Erfahrungen, die bleiben ohne Bild, ohne Antwort. Hiob und Ilon kennen tiefste Verlassenheit und Einsamkeit. Den Schmerz, nicht gewollt zu sein, kein Gehör zu finden. Sie teilen die Erfahrung, irgendwie überlebt zu haben – und auch darin Sinn zu suchen. Gott aber kennt den Weg, auf dem ich bin, sagt Hiob. Wenn er mich prüft, so bin ich rein wie Gold. Denn ich lenkte meine Schritte in seine Richtung. Ich blieb auf seinem Weg und bog nicht davon ab. Seine Gebote las ich ihm von den Lippen ab. Und alle seine Worte bewahrte ich im Herzen. „Båtresan med lyckligt slut visade mig att jag var en överlevare,“ so Ilon Wikland (Enno Tammers, Ett Konstnärsliv): Die Flucht mit glücklichem Ausgang zeigt, dass sie Überlebende ist. Bei Hiob: Hat Gott etwas beschlossen, kann’s keiner verhindern. Hat er sich dafür entschieden, führt er es aus. Auch mit mir tut er, was er sich vorgenommen. Und vieles mehr hat er noch im Sinn.
Ilon integriert sich mustergültig. Lernt die Sprache, erlernt einen Beruf, heiratet, bekommt Kinder, kann von ihren Illustrationen leben. Eines Tages begegnet sie Astrid Lindgren. Da treffen sich zwei Frauen, die beide die Angst und die Ohnmacht von Kindern kennen, die Sehnsucht nach Geborgenheit, die Zerrissenheit der Welt. Ausgerechnet „Mio, mein Mio“ ist das erste Buch von Astrid Lindgren, das Ilon Wikland illustriert. Jenes Buch, in dem Kinder auf sich gestellt gegen den grausamen Ritter Kato mit dem Herz aus Stein kämpfen müssen, der seine Späher überall hat. Kato und Tengil mit seinen Schergen, der später die Brüder Löwenherz und den Frieden der Welt im Kirsch- und im Heckenrosental bedroht, erinnern an den deutschen Diktator und den sowjetischen Machthaber. Und doch gelingt es Ilon Wikland, zum Unaussprechlichen in diesen Büchern Bilder, besonders Bilder von Kindern, zu zeichnen, die Generationen prägen, weltweit. Sie kennen sie alle, die Kinder aus Bullerbü, aus der Krachmacherstraße, von der Ferieninsel Saltkrokan und aus dem Mattiswald, in dem Ronja Räubertochter umherstreift. Ilon Wikland verarbeitet in ihnen ihre Sehnsucht nach Geborgenheit. Schafft sich und uns diese Bullerbü-Kindheit, wild, geborgen und frei. Keiner von uns hat dort gelebt und doch sehnen wir uns danach und finden uns darin wieder. Ihr Werk ist geprägt vom Wunsch nach einer freien, zuhörenden, kindzentrierten Welt. Ein Gegenbild zu der Welt ihrer eigenen Kindheit unter der Okkupation – und zu den Bedrohungen unserer Zeit. Angst, Verlust, das Bedürfnis nach Sicherheit, hat sie in Interviews gesagt, genau diese Gefühle wollte sie „immer malen“. Ich kann mir vorstellen, dass sie wie Hiob fühlt: Darum erschrecke ich vor seinem Angesicht. Wenn ich nur daran denke, macht es mir Angst. Gott hat mir alle Zuversicht genommen, der Allmächtige hat mich in Schrecken versetzt. Doch die Finsternis reicht nicht aus, um mich zum Schweigen zu bringen. Auch wenn vor mir alles im Dunkeln liegt, hält mich das nicht zurück.
Vor zwei Wochen war ich in Haapsalu. Bin durch Kopfsteinpflasterstraßen mit blühenden Gärten und bunten Holzhäusern gelaufen, die mir eigentümlich vertraut waren aus Kindheitsbüchern. Habe die Ruine der Bischofsburg besucht, fast eine Mattisburg. Im Ilon-Museum gibt es Bücher und Bilder von Ilon Wikland, die ihre Fluchterfahrung beschreiben, leider bei uns nicht zu bekommen. Ich habe in den Tagen in Estland Freundinnen getroffen, die ich seit Anfang der 90er Jahre kenne. Damals war Estland mit der singenden Revolution eben unabhängig, die Sowjetunion zerfiel. Estland startete durch, nicht nur digital. „Es ging uns jedes Jahr besser“, sagen die Freundinnen. Aber jetzt ist in allen Gesprächen die Angst zu spüren vor Aggressionen des östlichen Nachbarn. Vor Hiobsbotschaften. Alle bereiten sich vor. „Wenn die Ukraine fällt, sind wir die nächsten“, sagen. Doch lähmen lassen sie sich nicht von der Furcht. Viele machen Kurse. Eine Freundin, die eine Uni-Professur hat und zwei Kinder, hat schießen gelernt, und was man braucht im Ernstfall. Wir plaudern darüber beim Kaffee an einem sonnigen Ferientag. In was für einer Welt leben wir? Wie wachsen unsere Kinder da auf?
Vielleicht brauchen nicht nur Kinder in diesen Zeiten Bilder wie die von Ilon Wikland und Worte wie die von Hiob, in denen die Ängste nicht ausgespart werden. Bilder, die Mut machen und das in den Blick nehmen, was stark macht. Phantasie. Freundschaft. Gemeinschaft am Tisch. Immer wieder, in allen Büchern, sitzen bei Ilon Wikland Menschen zusammen am Tisch. Bunt durcheinander, wie das Leben so ist. Selten in aufgeräumten Räumen, immer voller Wärme gezeichnet. Große und Kleine teilen das, was sie haben. Pfannkuchen mit Marmelade. Oder das Brot, das den Hunger stillt, und Wein. Wasser aus der Quelle, der allen Durst stillt. Um gestärkt zu sein für den Weg und das Leben. Um mit Hiob sagen zu können: Wir erschrecken nicht. Auch wenn wir an das denken, was uns Angst macht. Wir lassen uns nicht die Zuversicht rauben, wo Gott und die Welt uns in Schrecken versetzen. Die Finsternis reicht nicht aus, um mich zum Schweigen zu bringen. Auch wenn vor mir alles im Dunkeln liegt, hält mich das nicht zurück. Wir lassen uns Mut, Hoffnung, Glauben nicht nehmen. Wir halten zusammen. Um Gottes willen!
Amen
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