01/03/2026 0 Kommentare
"Ich habe keine neue Heimat gefunden hier in Deutschland, sondern meine erste wirkliche Heimat." Predigt am Sonntag Reminiszere
"Ich habe keine neue Heimat gefunden hier in Deutschland, sondern meine erste wirkliche Heimat." Predigt am Sonntag Reminiszere
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"Ich habe keine neue Heimat gefunden hier in Deutschland, sondern meine erste wirkliche Heimat." Predigt am Sonntag Reminiszere
Seit vielen Jahren ruft die EKD am Sonntag Reminiszere, dem 2. Sonntag der Passionszeit, Kirchen und Gemeinden auf, in Gottesdiensten und Gebeten in besonderer Weise auf die Leidenserfahrungen von Christen in anderen Ländern aufmerksam zu machen und Anteil zu nehmen. Der Sonntag Reminiszere verdankt seinen Namen einer Bitte aus dem sechsten Vers von Psalm 25: „Gedenke (lateinisch: Reminiscere), Herr, an deine Barmherzigkeit“. 2026 steht zum zweiten Mal Syrien im Fokus.
Dazu hat Pastorin Margrit Wegner mit einer syrischen Familie Folgendes gepredigt:
Ich weiß nicht, was es heißt, alles hinter mir zurückzulassen, liebe Gemeinde. Ich weiß nicht, was es heißt, zum letzten Mal meine Mutter zu umarmen oder mein Haus zu sehen. Ich wurde nie schikaniert, musste mich nie verstecken mit meinem Glauben. Früher hat manchmal jemand schräg geguckt. Dann gab es eine Zeit freundlichen Desinteresses. Christin, soso. Hast Du das nötig? In den letzten Jahren nicht einmal mehr das. Offenbar sind Christenmenschen im Deutschland der 20er Jahre des 21. Jahrhunderts eher so etwas wie possierliche, etwas skurrile Wesen einer aussterbenden Art: Echt, euch gibt’s noch? Wie rührend. Inzwischen kann die Mehrheit der Menschen hier ganz gut ohne Gott und Kirche, ohne Gemeinde und ohne Kreuz auskommen. Sind Gnade, Gerechtigkeit, Glaube unverständlich geworden? Oder unwichtig? Oder fehlt uns die Erfahrung existenzieller Bedrängnis, um Sehnsucht zu haben nach Tiefe, nach Trost, nach mehr als sofortiger Bedürfnisbefriedigung?
Not lehrt beten, Sie wissen schon. Ich weiß es nicht. Ich habe nie wirkliche Not erfahren müssen, zum Glück. Trotzdem will ich versuchen, mich dem Leid und dem Kreuz zu stellen und den komplizierten Gedanken von Paulus dazu. Paulus, der in Damaskus vom Saulus zum Paulus wurde. Der von Antiochien aus seine Reisen startete in die Gemeinden rund um das Mittelmeer. In Antiochien wurden die Anhänger der neuen Religion zum ersten Mal „Christianoi“ genannt. Es war damals Teil der römischen Provinz Syria. Das ganze Gebiet des heutigen Syrien ist christliches Ursprungsland. Und Paulus wusste, wovon er schrieb. Er hat für sich in schlaflosen Nächten, mit leerem Magen und auf einsamen Wegstrecken zwischen zerstrittenen Gemeinden verstanden: Weil wir aufgrund des Glaubens gerecht sind, haben wir Frieden, der auch bei Gott gilt. Das verdanken wir unserem Herrn Jesus Christus. Durch den Glauben hat er uns den Zugang zur Gnade Gottes ermöglicht. Sie ist der Grund, auf dem wir stehen. Und wir dürfen stolz sein auf die sichere Hoffnung, zur Herrlichkeit Gottes zu gelangen. Aber nicht nur das. Wir dürfen auch auf das stolz sein, was wir gegenwärtig erleiden müssen. Denn wir wissen: Das Leid lehrt, standhaft zu bleiben. Die Standhaftigkeit lehrt, sich zu bewähren. Die Bewährung lehrt zu hoffen. Aber die Hoffnung macht uns nicht zum Gespött.
Sei stolz auf deine Hoffnung. Sei stolz auf dein Leiden. Wie hört das Menschen, deren Heimat in Trümmern liegt? Deren Land Krieg und Bürgerkrieg hinter sich hat? Die neu anfangen in einem Land mit komplizierter Sprache, fremden Gewohnheiten und merkwürdigem Essen? Hasan und Hussein, die jetzt Mitte 30 sind und vor zehn Jahren nach Deutschland kamen, erzählen von dem, was viele Menschen aus Syrien kennen: Sehnsucht nach der Vergangenheit. Erinnerungen an die Jugend, denn „wir sind alle im Krieg aufgewachsen.“ Stolz auf die Erfahrung von Leid? Nein. Das ist keine Auszeichnung. Das sucht sich niemand aus. Darum geht es nicht. Da ist an erster Stelle Sehnsucht nach den alten Freunden aus Nachbarschaft und Schulzeit und vor allem nach der Familie, nach Wärme und Geborgenheit. Was sie sich wünschen? „Sicherheit, Sicherheit, Sicherheit.“ Nicht nur materielle Stabilität, sondern seelische. Paulus schreibt: Wir wissen, dass Bedrängnis Geduld bringt, Geduld aber Bewährung, Bewährung aber Hoffnung, Hoffnung aber lässt nicht zuschanden werden; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsre Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist. Hasan, der mit Anfang 20 seine Heimat und seine Familie verlassen hat, hat vor allem diese Hoffnung: Er wünscht sich „ein Gefühl der Zugehörigkeit“ und „nicht ständig das Gefühl, fremd zu sein.“ Was er braucht, ist „emotionale Unterstützung“. Menschen, die zuhören und verstehen, ohne zu urteilen. „Ehrliche Freunde“, sagt er. „Menschen, die die Einsamkeit in der Fremde erleichtern.“ In biblischen Worten: Menschen, die etwas von Gottes Liebe erfahren haben und diese Liebe weiterschenken können. Im Namen dessen, der gesagt hat: Ich war fremd, und ihr habt mich aufgenommen. Um Himmels willen. Hören Sie selbst, was das heißt:
Guten Morgen liebe Gemeinde,
mein Name ist Nour, ich bin in Latakia in Syrien geboren, das liegt am Mittelmeer. Ich bin 2023 nach Deutschland gekommen mit einem Visum zur Anerkennung meines Medizinstudiums. In Latakia habe ich die Spezialisierung zur Frauenärztin erhalten und ehrenamtlich in einer Praxis gearbeitet.
Ich bin im Dezember in Hamburg angekommen, ich erinnere mich noch daran, es war sehr kalt und so dunkel. Ich kannte keinen und im Winter waren keine Menschen auf den Straßen. Das kannte ich so aus Syrien nicht. In Latakia wird es auch mal kalt, aber nur so 10 C°, die Menschen gehen trotzdem raus.
Die ersten Monate war ich so glücklich in Sicherheit zu sein. Es war ein unglaubliches Gefühl in Deutschland angekommen zu sein. Hier bin ich sicher und habe Freiheiten die ich vorher nie hatte.
Ich konnte lange nicht glauben, dass ich wirklich in Deutschland bin. Erst als ich mich getraut habe auf Menschen zu zugehen, wurde mir bewusst – ich bin wirklich hier!
Beim Sonntagsdialog habe ich viele freundliche Menschen kennen gelernt. Sie haben mir Deutsch beigebracht, medizinische Fachworte erklärt und mir eine eigene Wohnung gefunden. In Deutschland habe ich viele Sachen gefunden, die ich vorher nie hatte. Meinem Mann, der noch in Syrien war, habe ich viele schöne Bilder geschickt.
Ich habe keine neue Heimat gefunden hier in Deutschland, sondern meine erste wirkliche Heimat…….
Nachdem meine Mutter vor 2 Jahren gestorben ist, hat mir eine Frau vom Sonntagsdialog den Dom gezeigt. Hier habe ich mich sofort wohl gefühlt und konnte trauern.
In unserer Kirche in Syrien haben wir jeden Sonntag Gottesdienst gefeiert. In der Passionszeit sogar jeden Tag. Wir feiern Ostern ganz groß. Viele fasten 48 Tage lang und leben in der Zeit vegan. Unser Gottesdienst und unsere Kirche sind genauso wie hier. Wir feiern Abendmahl, lesen die gleichen Bibelstellen und singen gemeinsam Lieder. Es gibt viele Kirchen mit Türmen, alten Bildern (Gemälden) und Buntglasfenster. In Latakia gibt es eine besondere Kirche, sie ist unter der Erde gebaut, weil Christen verfolgt werden und sie sich so schützen wollten.
Die Kirche ist eine wichtige Gemeinschaft für uns. Im Krieg und auch in der Corona Zeit haben wir Essen verteilt und Menschen in Not geholfen. Gemeindeleben ist für uns lebenswichtig.
Wir sind froh hier im Dom eine neue Gemeinde gefunden zu haben.
Christen in Syrien haben es sehr schwer ihren Glauben zu folgen. Sie werden getötet und viele sind geflohen. Es bleiben leider nur wenige übrig. In Syrien muss man dafür Kämpfen Christ sein zu dürfen.
Wir wünschen uns, dass sie nicht vergessen werden. Beten Sie für sie, dass sie in Zukunft frei glauben dürfen.
Ich wünsche mir, dass unsere Kinder hier in Frieden in diesem schönen Land leben und eine Brücke der Kommunikation und Liebe zwischen dem Land ihrer Väter und dem Land, in dem sie geboren wurden, bilden und diesem Land etwas zurückgeben. Was mir Hoffnung gibt, ist das Gebet unseres Vaters im Himmel, und hier erlauben Sie mir, es auf Arabisch zu lesen, ich und mein Mann, wie unsere Väter es vor Hunderten von Jahren gebetet haben, und danach sprechen wir alle zusammen: Amen.
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