
01/08/2025 0 Kommentare
Hermann, Jesus und das Brot des Lebens. Predigt am 3. August im Dom
Hermann, Jesus und das Brot des Lebens. Predigt am 3. August im Dom
# D | Predigten

Hermann, Jesus und das Brot des Lebens. Predigt am 3. August im Dom
Hermann ist wieder da, liebe Gemeinde. Hermann ist hip. Wird Hermann gefüttert, wächst Hermann und vermehrt sich. Dann kann man Hermann teilen, backen, verschenken. Die Älteren erinnern sich: Hermann ist ein Sauerteig. In den 80er Jahren war Hermann ein beliebtes Mitbringsel. Heute ist Hermann ein Hit bei Jüngeren. Weil alles jederzeit an jedem Ort mit einem Klick zu haben ist, werden alte Techniken, Handwerk und der Hände Werk wiederentdeckt. Brotbacken zum Beispiel. Das entschleunigt, macht achtsam, tut gut. Fotos von selbstgebackenen Brot bekommen garantiert viele Likes.
In Lübeck gibt es an jeder Ecke eine Bäckerei und in jedem Supermarkt, jeder Tanke, jedem Bahnhof einen Backshop. Roggenmischbrot, Dinkelkruste, Baguette, Ciabatta – mehr als 3000 Brotspezialitäten sind im Deutschen Brotregister erfasst. Wahrscheinlich noch mehr, zählt man regionale Sorten mit. Holsteiner Brot, Hamburger Rundstück, Lübecker Jung signalisieren: Brot ist Heimat. Brot schmeckt nach guter alter Zeit. Wann wird es wieder so, wie es früher nie war? Umfragen zeigen: Nur 14 von 100 Menschen essen mehrmals täglich Brot, also zum Frühstück und Abendbrot. Rund ein Drittel langt immerhin einmal täglich zu. Der größte Teil aber greift nur ein-, zwei, dreimal in der Woche noch zu Brot. Essgewohnheiten ändern sich. Brot, jahrhundertelang Hauptmahlzeit, ist jetzt ein Snack. Stulle auf die Hand, Brötchen to go mit Belag. Brot ist nicht mehr Mittelpunkt. Es ist bestenfalls noch Beilage. Unser täglich Brot gib uns heute? Für manche ist es verzichtbar. Ob Hermann eine Trendwende bringt?
Von 3000 Brotsorten konnten die 5000 Menschen vor 2000 Jahren nicht einmal träumen. Fünf Gerstenfladen und ein bisschen Fisch für tausende, die von der Hand in den Mund lebten. Die meist hungrig einschlafen mussten und nicht wussten, ob das tägliche Brot am nächsten Tag für alle wohl reicht. Einmal so satt werden, dass noch sackweise Reste bleiben, das muss der Traum dieser vielen Menschen gewesen sein, Traum aller Hungernden heute. Die wundersame Brotvermehrung am Kinneret, am See Genezareth, endet nicht nur damit, dass alle Anwesenden satt werden. Hier ist plötzlich der nächste Tag, das Morgen, die Zukunft im Blick. Zwölf Körbe voll Brot bleiben übrig. So viel sammeln die zwölf engsten Vertrauten von Jesus ein. Staunende Augenzeug:innen befragen Jesus: Was tust du für ein Zeichen, auf dass wir sehen und dir glauben? Was wirkst du? Unsre Väter haben Manna gegessen in der Wüste, wie geschrieben steht: »Brot vom Himmel gab er ihnen zu essen.«
Brot ist Heimat. In der Zeit der Vertreibung, der Flucht von Ägypten ins gelobte Land, gibt es kein Brot. Mit Manna aber – o Wunder! – bleibt Gottes Volk am Leben und erreicht sein Ziel. Wohin geht die Reise jetzt, fragen die 5000, die sich unverhofft satt essen können. Da sagt Jesus zu ihnen: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Nicht Mose hat euch das Brot vom Himmel gegeben, sondern mein Vater gibt euch das wahre Brot vom Himmel. Denn dies ist das Brot Gottes, das vom Himmel kommt und gibt der Welt das Leben. Da sprachen sie zu ihm: Herr, gib uns allezeit solches Brot. Nie wieder hungrige Kinder trösten. Nie wieder weite Wege, um Essbares aufzutreiben, wie ungenießbar es sei. Keine Hungertoten begraben. Sie sind es so leid und so satt. Sie wären gern jeden Tag glücklich gesättigt. Genug für jeden Tag, nicht mehr und nicht weniger, das ist ihre Hoffnung. Soviel du brauchst, wie damals in der Wüste mit Manna und Wachteln. Die Not schreit zum Himmel, aber jetzt sind sie satt. Das wollen sie bleiben. Für immer und ewig. Jesus aber sagt zu ihnen: Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern; und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten.
Keine falschen Versprechungen. Jesus kann nicht jeden Tag 5000 Menschen durchfüttern. Wenn sich das herumspricht, kommen womöglich am nächsten Tag doppelt so viele, wo soll das enden? Gegen den Hunger in der Welt müssen Menschen selbst angehen. Aber den Hunger nach Liebe, nach Sinn, nach Gemeinschaft, den stillt er. Keine billige Vertröstung. Jesus Christus ist nicht ein weiteres Zeichen. Er ist der, auf den alle Zeichen hinweisen. Seine Gegenwart macht satt, weil hier Leben in Fülle spürbar wird. Später werden Frauen und dann Männer, die es erleben, davon berichten. Wer mit Jesus Christus am Tisch zusammenkommt, findet Erfüllung all seiner, all ihrer Sehnsucht. Für einen seligen Augenblick ist zu ahnen: Alle werden hier satt. Das ist keine utopische Ansage, sondern ein echtes Versprechen. Die zwölf Menschen am Tisch, die das mit ihm erleben, die zwölf Körbe voll Brot, die übrigbleiben, sind die Grundlage, das Fundament, auf das sich bauen lässt. Das für die Zukunft trägt. Brot ist Heimat. Heißt: Hier bist du richtig. Hier sind alle willkommen. Es ist genug für alle da.
Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern; und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten. Von 3000 Brotsorten können die Menschen in Gaza nur träumen. Die Menschen im Jemen. Im Sudan. An so vielen Orten. Am Kinneret, am Ort der biblischen Brotvermehrung leben Menschen in Angst vor Angriffen. Bangen um ihre Geiseln, um Brüder, Geliebte, Freundinnen, von denen niemand weiß, ob sie noch leben. So kompliziert ist die Situation, dass niemand sie lösen kann. Brot vom Himmel schickt die Bundesregierung für die entsetzlich hungernden Menschen im Gazastreifen. Per Luftbrücke Pakete aus Flugzeugen, für Vertriebene, die in der Schuttwüste zwischen den Trümmern keine Heimat mehr finden. Mehl und Öl an Fallschirmen, damit einige Familien sich ein paar Tage lang sattessen können. Sie werden weiter ihre Toten begraben, durch den Hunger geschwächt. Auf der anderen Seite der Grenze wächst die Angst vor dem Vergessen. Manche hält nur noch ihr Glaube am Leben. Die Hoffnung, dass Gott im Himmel, dass Allah, dass Jesus sie rettet.
Mich macht es hilflos und wütend. Wie kann es sein, dass Menschen heute immer noch hungern, sich gegenseitig aushungern, einander auf beiden, auf allen Seiten in Alpträume zwingen? Womöglich im Namen missbrauchten Glaubens?
Ich musste in meinem Leben nie hungern. Die meisten von uns kennen Not nur aus Andeutungen der Eltern, Großeltern, nur aus Nachrichten. Aber wir kennen den, der sagt: Ich bin das Brot des Lebens. Bei mir werden alle satt. Es ist genug für alle da. Dafür müsst ihr nicht zwischen 3000 Brotsorten wählen. Sucht ihr im Alltag Snacks oder Sättigung? Scrollt ihr durch Feeds oder sehnt ihr euch nach tiefer Gemeinschaft? Ersetzt ihr Begegnung durch Beschäftigung, vergebt Likes, statt euch um eure Nächsten zu kümmern? Vielleicht ist die Renaissance von Hermann ein Zeichen, dass es anders geht. Es gibt Menschen, die sich nach dem Eigentlichen, dem Echten, dem Eigenhändigen sehnen in dieser verrückt schnelllebigen und unfassbar unfairen Welt. Nicht weil sich die Bilder vom frischen, selbstgebackenen Brot bei Insta so gut machen, sondern weil Sauerteig für mehr steht. Das Rezept ist uralt. „Sauerteig ist kinderleicht. Er braucht nur Mehl, Wasser, Wärme und etwas Zeit. Dann wird er ein treuer Begleiter“, verspricht ein einschlägiges Forum. Wenn man nun Hermann durch Jesus ersetzt, den treuen Begleiter? Jesus aber sagte ihnen ein Gleichnis: Das Himmelreich gleicht einem Sauerteig, den eine Frau nahm und unter drei Scheffel Mehl mengte, bis es ganz durchsäuert war. In einem Satz alles gesagt: Brot ist Ankommen. Bei Jesus am Tisch sind alle zu Hause. Himmel auf Erden. Und das hat Folgen.
Brot, ob nun mit Hefe oder mit Sauerteig, ist mehr als Sattwerden. Die 5000 Hungrigen, die endlich Brot in den Händen halten, spüren die Notwendigkeit, dass alle Menschen genug zu Essen und einen Platz am Tisch haben. In Jesus ist das Brot nicht mehr bloß Nahrung, sondern Beziehung. Sein Brot, sein Leib wird gebrochen, damit wir heil werden. Er teilt sich selbst aus – für alle, die kommen. Das Brot des Lebens ist nicht zum Anschauen da, nicht zum Posten oder Bewundern, nicht zum Reden in der Theorie. Es ist da, um geteilt zu werden. Um weiter zu wirken. Christus will in unser Leben hineinwirken, tagtäglich. Nicht als Snack, sondern als Mitte. Damit der himmlische Sauerteig alles durchsetzt und weiterwirkt. Damit Menschen sich verschenken. Damit Gerechtigkeit und Frieden sich küssen und sich Himmel und Erde berühren. Damit alle sattwerden. Für immer.
Amen
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