23/03/2026 0 Kommentare
Funken des Lichts in unruhigen Zeiten - Predigt von Landespastor Heiko Naß zum Sonntag Judika
Funken des Lichts in unruhigen Zeiten - Predigt von Landespastor Heiko Naß zum Sonntag Judika
# D | Predigten

Funken des Lichts in unruhigen Zeiten - Predigt von Landespastor Heiko Naß zum Sonntag Judika
Gnade sei mit euch und Friede von Gott und dem Herrn Jesus Christus.
Liebe Gemeinde
Es sind unruhige Zeiten. Wohin führen die Wege? Jeden Tag blättern wir nur eine Seite im Kalender um und müssen eine neue Standortbestimmung vornehmen. Sind wir selbst noch die eigenen Lenker unseres Geschehens? Oder stellen wir nicht das Radio morgens ein und müssen feststellen, dass wir wieder überraschend woanders sind, als wohin wir eigentlich wollen. Viele fühlen sich überfordert, sind der Veränderungen müde, erschöpft, ziehen sich zurück oder suchen sich andere, nicht immer gute Ventile.
Vor zwei Wochen habe ich eine Perspektivschule in einem Stadtteil mit vielen Herausforderungen besucht. Ich erfahre von praxisbezogenem Unterricht. Beim Bauen von Hochbeeten errechnen die Schülerinnen und Schüler über Dreisatz die erforderlichen Kubikmeter Erde. Mathematik anschaulich gemacht. In den Vergleichsarbeiten liegt die Schule über dem Durchschnitt. Tolles Engagement von Lehrkräften, Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern, der Eltern, Schülerinnen und Schüler. Aber ich erfahre auch, dass 15 der 700 Schüler jeden Tag mit Ordnungsdienst zur Schule gebracht werden. Sie haben in den vergangenen Monaten vollständig die Bindung und das Selbstvertrauen verloren. Im täglichen Austausch mit ihnen geht es zunächst um Schutz und Bewahren vor weiterem Absturz und dann die Frage: wie stiftet man neue Motivation, neues Vertrauen, neue Kraft?
Ich schlage die Bibel auf und lese den Predigttext für den heutigen Sonntag. Er steht so ziemlich am Ende der Bibel in einem Brief, der aufgrund seiner vielen Bezüge zum Alten Testament, der Brief an die Hebräer genannt wird.
Dort lesen wir im 13. Kapitel: Jesus hat, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor. So lasst uns nun zu ihm hinausgehen vor das Lager und seine Schmach tragen. Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.
Mit seinen Zeilen versucht der Autor, Verzweifelte zu trösten, Kraftlose zu stärken und müden Seelen Mut zu machen. Die Sprache wirkt alt und die Bilder fremd. Aber die Worte werden seit zweitausend Jahren überliefert und gelesen, und das, weil Menschen in ihnen Funken des Lichtes gesehen haben, die ihnen einen Weg aus der Dunkelheit gezeigt haben.
Ich möchte versuchen, auch solche Funken des Lichtes zu finden. Das Wort „suchen“ regt etwas in mir an. Suchen ist eine Unruhe, die zur Bewegung treibt. Wer sucht, der vermisst etwas oder hat etwas verloren. Wer sucht, der hat nicht aufgegeben, bei der oder dem ist noch eine Kraft, die geweckt werden kann.
Wieder kommen mir Geschichten von Jugendlichen in den Sinn. Eine Schulsozialarbeiterin aus einer Gemeinschaftsschule erzählt von ihrer Arbeit, wie sie den schulmüden Jungen und Mädchen, die immer noch mit den Folgen der Coronapandemie zu kämpfen haben, nachgeht. Sie sucht die kleinen Erfolge, die manchmal wenigen Möglichkeiten, Anerkennung zu geben und dadurch Ermutigungen zu stärken. Wenn ein Schüler trotz Verspätung doch noch am Unterricht teilnimmt, dann zählt für sie, das mit Anerkennung zu würdigen. Kleine Schritte machen zusammen einen ganzen Weg, sagt sie.
Und mir kommt bei diesem Beispiel das Gleichnis Jesu von der Hausfrau in den Sinn, die zehn Silbergroschen hat und einen Groschen verliert. Sie steckt nicht auf, sondern scheut keine Mühe, um das Verlorene zu finden, zündet ein Licht an, sucht mit Fleiß, kehrt in jeder Ecke des Hauses fegt, und als sie ihn findet, ruft sie ihre Nachbarn, Freundinnen und Freunde zusammen und ihnen zu: freut euch mit mir, denn ich habe gefunden, was ich verloren habe.
Nun scheint es so, dass der Hebräerbrief, unser Predigttext, nicht in kleinen Maßstäben denkt: Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir. Eine ganze Stadt suchen – gemeint ist das künftige Jerusalem als Ort, wo Gott bei den Menschen wohnt, wo die Tränen getrocknet und Leid getröstet wird, wo es Ruhe gibt für die erschöpfte Seele - die Stadt auf dem Berg mit ihren Lichtern und glänzenden Türmen.
Da ist ein Leuchten, das von dieser Verheißung ausgeht, das auf die Gegenwart fällt, um die Gegenwart nicht als festgeschrieben zu nehmen, sondern die Gegenwart in einem anderen Licht zu sehen, auch wenn sie noch so dunkel und noch so schwer erscheint. Sehen wir dieses Licht?
Haben wir ein Gespür die Worte, die über unsere Gegebenheiten hinausweisen und uns zeigen, wie Gott unser Leben ansieht, unsere Wirklichkeit interpretiert? Wir fragen uns: wer bin ich? Wer hilft beim Unterscheiden zwischen dem, was das Leben festschreibt und dem, was von Gott vielleicht noch ungesagt, noch offengeblieben ist?
Die Zeilen unseres Predigttextes rufen am Anfang das Leiden Jesu, seinen Tod auf Golgatha, draußen vor dem Tor in das Gedächtnis. Der Weg Jesu endet für alle, die auf das Sichtbare sehen, am Kreuz. Aber in dieser Geschichte ist nicht das, was unseren menschlichen Maßstäben vor Augen steht, das Bleibende, das Endgültige. Im Leiden hört die Beziehung Gottes nicht auf. Sondern Gott nimmt das Leiden auf sich, nimmt den Tod auf sich, um nicht die Menschen dem Tod zu überlassen, sondern aus dem den Tod aufzunehmen in das Leben. Gott will nicht, dass das Volk verdirbt. Er will, dass durch diesen einen, durch Jesus, die Menschen sein Eigen, Kinder Gottes werden, in eine Beziehung zu Gott gebracht werden.
Auf die Gegenwart fällt ein anderes Licht. Über die eine Wirklichkeit schiebt sich eine zweite, die auf das Geschehen mit anderen Augen blickt. Wir sollen, so diese eindringliche Botschaft der Worte, das Vordergründige nicht für endgültig nehmen. Gott müssen wir die Freiheit seines eigenen Blickes auf die Geschichte lassen. Da gibt es dieses andere, das eine Zukunft erschließt.
Wie wichtig ist es, diesen Blick zu lernen, wenn es um unser eigenes Leben geht. Wenn an uns der Selbstzweifel nagt, wir uns glanzlos fühlen, verbraucht. Vielleicht erinnern wir dann, dass Gott sich in Jesus den Menschen ganz und gar solidarisch gezeigt hat. Und dass sich daraus auch eine Richtung ableiten lässt, die uns in Solidarität mit anderen weist.
Vor einiger Zeit haben wir im Diakonischen Werk zusammen mit der Hochschule für angewandte Wissenschaften in Kiel eine Studie aufgelegt, um die Lebenssituation von armutsbetroffenen Menschen wissenschaftlich zu untersuchen. Das geschah methodisch über Interviews, die geführt und analysiert wurden. Personen kamen zu Wort, die mit wenig Geld auskommen müssen. Sie erzählten, wie sie ihre Lebenssituation erfahren, wie viel Kummer oft die Reaktion ihrer Mitbürger oder auch der Ämter auslöst und mit welchen eigenen Strategien der Bewältigung sie versuchen, sich nicht unterkriegen zu lassen.
Viele Menschen, die ihren Alltag mit wenig Geld bewältigen, fühlen sich nicht arm. Sie spüren aber, dass andere sie für arm halten. Einige der in Armut lebenden Menschen fühlen sich nicht als gleichwertige Mitglieder der Gesellschaft. Erzählt werden Beispiel, wie andere sie die Armut haben spüren lassen: durch verächtliche Blicke, die Wahrnehmung, dass mehr Security vor Geschäften steht, der Hinweis auf Übergewicht als persönliches Fehlverhalten.
Da sagt eine 60jährige Frau: „Und je mehr ich das durchdrungen habe, desto mehr ist mir die strukturelle Bedingtheit von Altersarmut aufgefallen und deutlich geworden. Das habe ich vorher so nicht gesehen. Ich war der Meinung, ich bin meines Glückes Schmied. Ich habe mein Unglück geschmiedet. Ich bin selber schuld. Und in diesen sechs Jahren habe ich mich informiert. Ich habe mich belesen und ich bin JETZT der Meinung (.), nicht jeder ist seines Glückes Schmied. Das ist gelogen. Es gibt strukturelle Bedingungen, die Menschen arm machen.“ So weit der Ausschnitt aus einem Interview.
Leid ist oft versteckt vorhanden. Wir sprechen von verschämter Armut. Menschen versuchen so weit wie möglich ihre Armut zu verbergen, weil sie eine Ansprache darauf sie mit Schuld erfüllen kann. Aber ich stelle auch eine Art Zuschauersyndrom fest, wenn wir z.B. über Kinderarmut in diesem Land sprechen. 20 % der Kinder im Land sind armutsgefährdet. Das wissen wir seit Jahren. Es gibt kein Erkenntnisproblem, sondern ein mangelndes Umsetzungsproblem.
Auch die Brutalität der Urteile über andere, wie wir sie im Augenblick in der Weltpolitik hören, ist nicht nur erbärmlich, sondern erbarmungslos. Aber eben nicht nur in der Weltpolitik, sondern auch in populistischen Formulierungen hier im Land. Grenzüberschreitungen kommen zunächst subversiv. Sie testen die Spielräume des Unnennbaren aus. Nach und nach machen sie Ungeheuerlichkeiten hoffähig, steigern sich zu rassistischen, menschenverachtenden Parolen.
Gerade durch die Blickschärfe, dadurch dass wir, wie es der Hebräerbrief in seinen eigentümlichen Worten sagt, mit hinausgehen sollen vor die Tore der Stadt, aus unseren eigenen Mauern der Sicherheit und Bequemlichkeit, um die Schmach mittragen, modern gesprochen: Empathie zeigen, lernen wir in anderen mehr zu sehen, als das, was vor Augen liegt.
Es gibt eine Erzählung Gottes mit uns, die über den Augenschein hinaus geht. Gott gibt sich nicht mit dem Vordergründigen zufrieden. Er führt hinaus über das, was bindet. Auf die Geschichte fällt ein anderes Licht. Es ist ein Leuchten, das auch die Umwege des Lebens erhellt. Gott sagt: Du bist ein Kind Gottes. Das ist das Geheimnis in dem Weg Jesu, dass er jedem Menschen, unbedingt einem jedem, die Wahrheit anträgt: Du bist ein Kind Gottes.
Ich habe vor Weihnachten eine Wohngruppe für junge Menschen besucht, die aus verschiedenen Gründen nicht mehr zu Hause leben konnten oder sollten. Sie hatten gemeinsam mit den Erzieherinnen und Erziehern gebacken und festlich gedeckt. Wir saßen lange zusammen – hinter hörte ich von der Leitung, dass es völlig ungewöhnlich war, dass alle so lange gemeinsam zusammen aushielten. Viele waren sehr offen, erzählten von ihrer Unruhe, davon, dass sie alle Kraft brauchten, erst einmal zu sich selbst zu kommen. Ein junger Mann war dort nun schon seit vier Jahren. Nach einer langen Zeit des Rückzuges hatte er geschafft, seine Schule abzuschließen und war schon im zweiten Jahr seiner Lehre. Die Wohngruppe, das Gespräch mit den Betreuungskräften gaben ihm den Rückhalt und die Kraft, die ihm diese Schritte in eine neue Zukunft ermöglicht hatten.
Ich denke zurück an die 15 Schülerinnen und Schüler, die täglich vom Ordnungsdienst zur Schule gebracht werden. Ich wünsche ihnen Menschen, die ihnen Mut zusprechen, und Erfahrungen eröffnen, das Leuchten zu sehen, den Glanz, der auch auf ihr Leben fällt, das Licht, das schon da ist und sie den Weg erkennen, der weiter führt.
Ihnen und allen, die sich in ihrem Herzen anrühren lassen, wünsche ich den Frieden Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, dass er uns bewahre in Christus Jesus, unseren Herrn. Amen.
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