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Entschiedene Nachfolge - Predigt zum Sonntag Okuli von Pastor Martin Klatt

Entschiedene Nachfolge - Predigt zum Sonntag Okuli von Pastor Martin Klatt

Entschiedene Nachfolge - Predigt zum Sonntag Okuli von Pastor Martin Klatt

# D | Predigten

Entschiedene Nachfolge - Predigt zum Sonntag Okuli von Pastor Martin Klatt

Und als sie auf dem Wege waren, sprach einer zu ihm: Ich will dir folgen, wohin du gehst. Und Jesus sprach zu ihm: Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege. Und er sprach zu einem andern: Folge mir nach! Der sprach aber: Herr, erlaube mir, dass ich zuvor hingehe und meinen Vater begrabe. Er aber sprach zu ihm: Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes! Und ein andrer sprach: Herr, ich will dir nachfolgen; aber erlaube mir zuvor, dass ich Abschied nehme von denen, die in meinem Hause sind. Jesus aber sprach zu ihm: Wer die Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.  (Lukasevangelium 9, 57-62)

Sie sind zusammen unterwegs. Sie gehen den Weg gemeinsam, und auf dem Weg entstehen die Fragen: Wohin führt der Weg? Welchen Weg will ich gehen? Mit wem will ich unterwegs sein? Wohin denn sollen wir gehen? Auf wen denn sollen wir sehen? Auf wen sollen wir trauen, auf wen bauen? 

In dem Lied, das wir gesungen haben (EG 611), ist der Weg von der Frage zur Antwort ein ganz kurzer: Du bist es.

Wenn wir heute eine Konfirmation feiern – nach einem Weg, der anders verlief als ursprünglich einmal gedacht – dann ist das ja auch eine Entscheidung darüber, welchen Weg Du gehen willst. Nachher werde ich dich das ausdrücklich fragen: Willst Du deinen Weg mit Gott gehen?

Und wir alle spüren dabei vielleicht wieder neu: Wege entstehen beim Gehen, aber es ist auch eine Sache der Entscheidung, welche Wege wir einschlagen wollen und welche nicht.

Wohin denn sollen wir gehen? Auf wen denn sollen wir sehen? Auf wen sollen wir trauen, auf wen bauen? Das sind Lebensfragen. Sie warten auf eine Antwort – unsere eigene Antwort. Ein für alle Mal und immer wieder neu. Die Begegnungen Jesu mit Menschen, die nach ihrem Weg und ihrem Weg mit Gott fragen, erzählen davon: So leicht, so selbstverständlich, so einfach ist das mit den Antworten vielleicht doch nicht. Grund genug, für einen Augenblick bei den Fragen zu bleiben.

Wo geht es hin mit der Welt? Ein neuer Krieg, einer mehr, wo doch schon so viele toben. Und kein Ende in Sicht. Welcher Zukunft gehen wir entgegen – im ganz Persönlichen, als Gesellschaft in diesem Land, als Menschheit? Oder auch als Kirche?

Fragen wie diese sind gerade mit Ohnmachtsgefühlen verbunden. Da ist das Gefühl, dass das eigene Handeln gar keinen Unterschied (mehr) macht. Weil die Probleme, Krisen, Anforderungen zu groß sind und die eigenen Kräfte zu gering. Das Gefühl, dass Entwicklungen zu schnell und zu mächtig sind, um standhalten oder gar mit eigenen Wertvorstellungen auf all das Einfluss nehmen zu können. Von Rechtsruck bis Klimakatastrophe, von Sozialstaat-Krise bis KI-Revolution, von Trump-Welt bis Putin-Krieg.  

Wohin denn sollen wir gehen? Auf wen denn sollen wir sehen? Auf wen sollen wir trauen, auf wen bauen? So zu fragen, ist schon ein Stück Selbstermächtigung. Es bedeutet einen Schritt heraus aus einem komplett fremdgesteuerten Leben. An dem Ort, wo ich lebe, entscheide ich selber, wie ich leben will. Es soll am eigenen Leben ablesbar sein, auf wen ich sehe, auf wen ich mein Vertrauen setze und baue, welches Ziel ich vor Augen habe, wenn ich meine Schritte gehe. Herr und Meister, Herr und Gott, wir bleiben ganz bei dir. Das trotzige Dennoch des Glaubens ist eine Gegenkraft gegen die Versuchung hoffnungslos zu werden im Blick auf uns selbst und auf die Welt, in der wir leben.  

Du geh hin und verkündige das Reich Gottes! Es ist das, was Jesus tut. Es ist der Auftrag, den Jesus den Seinen gibt. Gottes Reich, Himmelreich. Nahe herbeigekommen, greifbar nahe. Seine Zeichen, Erkennungszeichen, sind Güte, Erbarmen, Vergebung. Erste werden Letzte und Letzte werden Erste sein. Aufatmen können alle Bedrückten. Selig sind darum die, die Frieden stiften, die Sanftmütigen, die Barmherzigen. Eine Zukunft kommt auf uns zu, die anders ist als das, was man realistisch erwarten kann. Himmelreich – da ist die Stadt des Friedens für alle Menschen, der Tisch, um den alle sich versammeln – von Osten und Westen, von Norden und Süden.

Wenn von Gottes Reich die Rede ist, dann bergen sich darin die Träume von einer anderen Art zu leben. Wer sich davon berühren lässt, wird in der Welt immer ein Stück heimatlos sein. Nicht angekommen, immer noch auf dem Weg. Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege, sagt Jesus. Wer den Traum von der Stadt des Friedens im Herzen trägt, kann nicht seinen Frieden machen mit der Welt, wie sie ist: zerrissen von Gewalt an so vielen Stellen. Der wird auch mit sich selber wohl immer ein stückweit im Unfrieden sein – angesichts der eigenen Friedlosigkeit. Es sind ja nicht immer nur die anderen, die dem Frieden im Wege stehen.

Nicht ganz zuhause zu sein in dem, was ist, nicht einmal in sich selbst – es ist anstrengend, so zu leben, aber es bewahrt auch davor, sich aufzugeben, nur zu tun, was alle machen – und sich am Ende gleichgültig zu werden. Auf dem Weg sein mit Gott, das ist mit einer Sehnsucht leben, mit einem Versprechen von Glück, das noch nicht eingelöst ist. Und dieses Glück ist das eigene – und ist nie nur das eigene. Schon gar nicht das auf Kosten anderer. Es verliert die Mitmenschen nicht aus dem Blick.  

Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes! Das Begraben des Vaters ist für die Menschen zur Zeit Jesu eine heilige Pflicht. Sich von der Familie zu verabschieden – ist das nicht das mindeste, wenn man weggeht? Die Radikalität der Worte Jesu ist verstörend, vielleicht sogar ärgerlich. Die Kompromisslosigkeit kann Angst machen. Aber sie hat ihre Wurzeln in seiner Liebe zum Leben. Sie erinnert jedenfalls daran: ein richtiges Leben gibt es nicht ohne eine Trennung von einem falschen Leben. Auch der, der nur den Erwartungen anderer folgt, verliert sich selbst und wird sich selber gleichgültig. Darum kein Kompromiss an dieser Stelle, weil das Leben kostbar ist.  

Er steht da in aller Öffentlichkeit. Er zieht die Kleider aus, die er von seinem Vater hat, und wirft sie ihm zu Füßen. Nackt und schutzlos steht er da. Was er tut, ist eine Geste der entschiedenen Trennung – und eines Neuanfangs. Er bricht mit seiner Vergangenheit. Er setzt sein bisheriges Leben nicht fort. Er erfüllt die Erwartungen seines Vaters nicht. Er tritt nicht in den Tuchhandel ein, wozu er durch seine Herkunft und durch das Geschäft seines Vaters vorherbestimmt ist. Er entscheidet sich, dass sein Leben ein anderes sein soll. Franz von Assisi – der heiligen Franziskus – ist dieser Mann. Bis zu seinem Tod hält er sein entschiedenes Nein durch: Nein zum Besitz, Nein zu den Waffen, Nein zu allen äußeren Ehren! Dieses konsequente Nein ist die Rückseite seines ebenso entschiedenen Ja: Ja zur Versöhnung – mit den Mitmenschen, mit der Natur, mit Gott. Ein Ja, das seine Quelle in dem großen Ja Gottes hat – und das darum von sich selber absehen kann.  

Unsere Situation ist nicht einfach vergleichbar mit der der Jünger damals und auch nicht mit der von Franz von Assisi. Aber nicht nur Trennung von der Familie ist eine Trennung. Eine Trennung ist auch, wenn wir unsere geläufigen Überzeugungen in Frage stellen; wenn wir uns von  Feindbildern verabschieden; wenn wir beginnen, nicht mehr in den einfachen Rastern gut – böse, Freund – Feind zu denken; wenn wir aufhören zu hoffen, dass die Bösen besiegt werden, sondern dass einmal der Zwang zu siegen ein Ende findet; wenn wir versuchen, das Unerbittliche in unserer Art zu denken und zu reden überwinden; wenn wir uns einsetzen für eine gerechtere Verteilung der Güter und Lebenschancen, auch wenn davon zunächst andere profitieren.  

Ich will dir nachfolgen. Das ist eine Entscheidung. Mit ihr beginnt ein Weg. Wenn wir ihn gehen, gehen wir ihn Schritt für Schritt. Es ist ein anspruchsvoller Weg, manchmal mühsam. Wir werden Widerständen begegnen – auch in uns selbst.

Aber du, Herr, wollest deine Barmherzigkeit nicht von mir wenden; lass deine Güte und Treue allewege mich behüten. Dieser Vers aus dem 40. Psalm, den Du Dir als Konfirmationsspruch ausgesucht hast, ist gutes Wort für den eigenen Weg – gerade dann, wenn wir ihn entschieden gehen wollen. Barmherzigkeit, die immer wieder neu ist, die uns wegen unserer Halbheiten nicht verdammt, die uns Freiheit gibt wieder umzukehren, wenn wir uns verlaufen haben. Güte und Treue sind Schutzmächte gegen das, was Leben zerstört.  

Wohin denn sollen wir gehen? Auf wen denn sollen wir sehen? Auf wen sollen wir trauen, auf wen bauen? Der Weg unseres Lebens ist ein eigener. Wir gehen ihn selbst. Niemand nimmt uns das ab. Dringlich und wichtig bleibt es, dass jede/jeder für sich sich darum bemüht, den Spuren Jesu zu folgen. Aber für sich alleine wird es schwer sein. In Gemeinschaft mit anderen geht es leichter. Wir gehen den Weg Jesu gemeinsam – das ist Kirche.   

Wer die Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes. Wir wenden den Blick nach vorne. Wir strecken uns aus nach dem, was werden soll. Wir bauen mit an der Stadt des Friedens – da wo wir sind, mit der Kraft, die uns gegeben ist.  Wie? Vielleicht so:

Ein Mann hatte zwei Söhne und als er starb, bekamen beide die Hälfte seines Landes. Der eine Sohn war reich, aber er hatte keine Kinder, der andere hatte sieben Söhne und war arm. In dieser Nacht konnte der reiche Sohn nicht schlafen. Mein Vater hat geirrt, dachte er, denn ich bin reich, aber mein Bruder ist arm und hat kein Land für so viele Söhne. Und er stand auf und machte sich auf den Weg, um noch vor dem Morgengrauen die Grenzpfähle zu versetzen. Auch der arme Sohn lag in dieser Nacht wach. Mein Vater hat sich geirrt, dachte er, denn ich habe meine sieben Söhne, aber mein Bruder ist einsam  -  und er stand auf und machte sich auf den Weg, um noch vor dem Morgengrauen, die Grenzpfähle zu versetzen. Als der Tag anbrach, begegneten sie einander. 

Ich sage euch, an dieser Stelle wird die Stadt des Friedens entstehen. (H. Oosterhuis)

Amen.

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