
17/08/2025 0 Kommentare
Ein Tag, der alles verändert - Predigt von Pastor Martin Klatt zum 9. Sonntag nach Trinitatis
Ein Tag, der alles verändert - Predigt von Pastor Martin Klatt zum 9. Sonntag nach Trinitatis
# D | Predigten

Ein Tag, der alles verändert - Predigt von Pastor Martin Klatt zum 9. Sonntag nach Trinitatis
Predigttext: Philipperbrief 3, 4b-14
What a difference a day makes, 24 little hours…
Ein Tag nur, und die Welt ist plötzlich eine andere, dreht sich weiter wie vorher und ist doch nicht mehr dieselbe. Der Alltag ist immer noch Alltag, und mit einem Mal fühlt sich nichts mehr alltäglich an. Auch wenn die Menschen drumherum es vielleicht nicht einmal bemerken, gar keine Ahnung haben; für sie hat sich ja auch gar nichts verändert.
What a difference a day makes, 24 little hours… Oder vielleicht nicht einmal 24 Stunden, sondern nur drei und ein Spaziergang um den See.
Natürlich weiß sie noch, welches Jahr und dass es ein Montag war: der 234. Tag des Jahres, und es gab noch 131 Tage bis zum Jahresende. Und wir alle hier können vermutlich überhaupt nicht sagen, was wir an diesem Tag gemacht haben.
Ein Tag, mit dem die Welt – mindestens die eigene – sich wandelt und eine andere wird. Ob es Glückstage sind, die uns als erstes einfallen? Oder sind es andere, die unser Leben mit einem Mal vollkommen veränderten?
Für sie war es das Schönste, was sie sich vorstellen kann, schöner, als sie es sich je ausgemalt und noch gehofft hatte. Zu schön um wahr zu sein, dachte sie erst. Sie hat ihren Platz im Leben gefunden. Sie ist erfolgreich in ihrem Beruf. Eine Frau, die weiß, was sie kann und was sie will. Sie kann zufrieden auf ihr Leben blicken – und sie tut das auch. Partnerschaft gehört eben nicht dazu. Und dann diese eine Begegnung, die alles verändert. Alle Dinge erscheinen in einem anderen Licht, bekommen plötzlich eine neue, eine andere Bedeutung. Sie selbst fühlt sich vollkommen verwandelt.
What a difference a day makes, 24 little hours…
So hat er es erlebt. Am helllichten Tag. Mitten auf dem Weg. Nicht weit von Damaskus entfernt. Eine Begegnung, die er nicht gesucht hat. Mit ganz anderen Plänen ist er unterwegs und ist sich seiner Sache vollkommen sicher. Und dann ein Licht – wie nicht von dieser Welt. Um ihn herum, in ihm selbst. Es wirft ihn zu Boden. Bringt alles ins Wanken, was felsenfest und unabänderlich schien. Nicht nur dieses oder jenes in seinem Leben, sondern alles. Und was daraus werden soll, ist in dem Moment überhaupt nicht zu sehen. Ein paar Jahre später erzählt der Apostel Paulus davon so: aus dem Philipperbrief im 3. Kapitel:
Wenn sich also irgendjemand auf seine äußerlichen Vorzüge berufen will, könnte ich das erst recht. Ich wurde am achten Tag beschnitten. Ich gehöre zum Volk Israel, zum Stamm Benjamin. Ich bin ein Hebräer und stamme von Hebräern ab. Nach dem Maßstab des Gesetzes war ich ein Pharisäer. Nach dem Maßstab meines Einsatzes war ich ein Verfolger der Gemeinde. Nach dem Maßstab der Gerechtigkeit, die das Gesetz fordert, war ich untadelig. Aber alles, was mir damals als Vorteil erschien, sehe ich jetzt – von Christus her – als Nachteil. Ja wirklich: Ich betrachte es ausnahmslos als Nachteil. Dahinter steht die überwältigende Erkenntnis, dass Jesus Christus mein Herr ist! Verglichen mit ihm ist alles andere wertlos geworden, ja, in meinen Augen ist es nichts als Dreck! Mein Gewinn ist Christus. Zu ihm will ich gehören. Denn ich gelte nicht als gerecht, weil ich das Gesetz befolge, sondern weil ich an Christus glaube. Das ist die Gerechtigkeit, die von Gott kommt und deren Grundlage der Glaube ist. Ich möchte Christus erkennen und die Kraft seiner Auferstehung erfahren. An seinem Leiden möchte ich teilhaben – bis dahin, dass ich ihm im Tod gleich werde. Das alles geschieht in der Hoffnung, auch zur Auferstehung von den Toten zu gelangen. Ich möchte nicht behaupten, dass ich das alles schon erreicht habe oder bereits am Ziel bin. Aber ich laufe auf das Ziel zu, um es zu ergreifen. Denn ich bin ja auch von Christus Jesus ergriffen. Brüder und Schwestern, ich bilde mir wirklich nicht ein, dass ich es schon geschafft habe. Aber ich tue eines: Ich vergesse, was hinter mir liegt. Und ich strecke mich nach dem aus, was vor mir liegt. Ich laufe auf das Ziel zu, um den Siegespreis zu gewinnen: die Teilhabe an der himmlischen Welt, zu der Gott uns durch Christus Jesus berufen hat. (Übersetzung BasisBibel)
Eine Liebesgeschichte und eine Gottesgeschichte. Eine Verwandlungs- und eine Bekehrungsgeschichte. Passt das zusammen? Sind das nicht zwei vollkommen verschiedene Dinge?
Es sind beides persönliche Geschichten. Sie sind nicht verallgemeinerbar. Was die eine erlebt, erlebt ein anderer so nicht. Das gilt für alle Liebesgeschichten. Es gilt für alle Glaubensgeschichten. Sie sind individuell. Einmalig. Die Liebe sucht sich ihre Wege selbst, ihre Zeit, ihren Ort. Gott ist mit uns auf dem Weg, mit jeder und jedem auf ganz eigene Weise. Wie eine Liebe uns berührt hat, wie Gott in unserem Leben vorkommt, an welcher Stelle unser Leben dadurch vielleicht eine andere Richtung nahm, weil uns etwas aufging, davon können wir alle unsere eigenen Geschichten erzählen. Keine von ihnen ist wie die andere. Keine ist mehr wert als die andere. Man kann sich darüber austauschen, aber sie sind nicht austauschbar.
Was die beiden Geschichten verbindet: Es sind Liebesgeschichten - beide. Wo uns der Gott Jesu begegnet, werden wir hineingezogen in die große Liebesgeschichte, die Gott mit den Menschen verbindet.
Das ist ja die umwerfende Erfahrung, die Paulus macht. Darum sagt er: Verglichen mit ihm ist alles andere wertlos geworden. … Mein Gewinn ist Christus. Zu ihm will ich gehören. Denn ich gelte nicht als gerecht, weil ich das Gesetz befolge, sondern weil ich an Christus glaube.
Gerecht sein – das heißt: anerkannt sein; gesehen sein, angesehen sein als der, der ich bin. Angenommen ganz und gar – und ohne, dass etwas ausgenommen bleibt. Geliebt. Ich bin von Christus Jesus ergriffen. Das ist die Sprache der Liebe: Ergriffen sein. In aller Freiheit nicht anders können und nicht anders wollen. Auch wenn dadurch vieles aus dem Gleichgewicht kommt, sich neu finden muss, sich neu finden kann.
Paulus ist einer, der mit seinem Leben vollkommen zufrieden ist. Eins mit sich selbst. Gott hat seinen Platz darin. Nach dem Maßstab der Gerechtigkeit, die das Gesetz fordert, war ich untadelig. Da blickt einer mit Stolz auf sich selbst und sein Leben, seine Lebensleistung. Er leidet nicht daran, dass er nicht Schritt halten könnte mit anderen, mit ihren oder seinen eigenen Ansprüchen. Im Gegenteil, in seinen Augen hat er alle überholt. Er findet sich perfekt. Das alles wird ihm nun mit einem Mal komplett bedeutungslos. Mehr noch: Er betrachtet es als Nachteil, als Dreck. Ich vergesse, was hinter mir liegt.
Was er erlebt habt, verändert seine Sicht auf sich selbst und auf seine Vergangenheit grundlegend. Die Gottesliebe, der er begegnet, bekehrt ihn von einem Unantastbaren hin zu einem, der sagen kann: Ich möchte nicht behaupten, dass ich das alles schon erreicht habe oder bereits am Ziel bin. Aber ich laufe auf das Ziel zu, um es zu ergreifen ... Ich bilde mir wirklich nicht ein, dass ich es schon geschafft habe.
Unvollkommen zu sein, auf dem Weg zu sein, bedürftig zu sein, hat für Paulus seinen Schrecken verloren. Es ist ihm jetzt zu dem eigentlich Erstrebenswerten geworden: Ich strecke mich nach dem aus, was vor mir liegt.
Sprache der Liebe, die sich danach sehnt, gelebt zu werden und ganz und gar auf die Zukunft freut. Paulus' Worten ist das Glück abzuspüren darüber, Gott gefunden zu haben – oder besser: von Gott gefunden zu sein. Von dieser Liebe Gottes ergriffen zu sein, die sich im Kreuz Jesu hingibt, um ganz und gar Gott-mit-uns zu sein. Alles andere wird im Vergleich dazu bedeutungslos. Aber: Muss es Dreck sein?
Ich möchte der Entschiedenheit des Paulus nicht ausweichen. Liebe ist auch Entschiedenheit. Hinwendung, Zuwendung und Abwendung von dem, was nicht Liebe ist. Sonst bleibt es etwas Halbes. Aber ich höre die Frau sagen: „Mit dieser Liebe ist alles neu geworden. Aber dazu gehört auch das, was war. Was ich erreicht habe – und sogar das Scheitern, die unglücklichen Liebesgeschichten. Ich sehe es so: Es hat mich erst zu dem Menschen werden lassen, der ich jetzt bin. Es gehört zu mir. Ich schaue darauf ohne Groll.“
Und was nun werden soll…
Paulus sagt: Ich möchte Christus erkennen und die Kraft seiner Auferstehung erfahren. An seinem Leiden möchte ich teilhaben – bis dahin, dass ich ihm im Tod gleich werde. Das alles geschieht in der Hoffnung, auch zur Auferstehung von den Toten zu gelangen. Auf dem Weg sein. Auf dem Christus-Weg gehen. Aus dem Christenverfolger Paulus wird einer, der selber zu den Verfolgten gehört. Seinen Brief an die Gemeinde in Philippi schreibt er aus dem Gefängnis.
Christlicher Glaube heißt einen – seinen – Liebesweg weitergehen. Er führt nie an den Opfern vorbei; er führt immer zu ihnen hin. Gottes Kraft erfahren, die in den Schwachen mächtig ist. Wissen: das Erlebte ist noch nicht das Ganze. Die Kraft der Liebe, die Kraft der Auferstehung – sie sind spürbar, und sie sind uns auch voraus.
What a difference a day makes, 24 little hours… Aus dem einen, besonderen Tag, der alles veränderte, sind viele Tage geworden. Schritte aufeinander zu. Sich streiten. Vertrauen wachsen lassen und sich einlassen auf die Lebenswirklichkeit des anderen, all die Eigenheiten.
'Alle eure Dinge lasst in der Liebe geschehen.' (1. Kor 16, 14) Dieses Paulus-Wort ist ihr Trauspruch geworden. Weil Lieben das Ganze meint – das Fühlen und auch das Denken; das Wollen; das Handeln, alles Tun und Lassen. Das Bemühen darum. Nicht immer ist es einfach leicht, aber nichts soll ausgenommen bleiben von der Liebe.
Ich bilde mir wirklich nicht ein, dass ich es schon geschafft habe. Aber ich tue eines: Ich vergesse, was hinter mir liegt. Und ich strecke mich nach dem aus, was vor mir liegt. Ich laufe auf das Ziel zu…: die Teilhabe an der himmlischen Welt, zu der Gott uns durch Christus Jesus berufen hat. Entschieden auf dem Weg sein.
Mit Worten von Martin Luther: 'Dieses Leben ist kein Fromm-Sein, sondern ein Fromm-Werden. Keine Gesundheit, sondern ein Gesund-Werden. Kein Wesen, sondern ein Werden. Keine Ruhe, sondern ein Üben. Wir sind es noch nicht, werden es aber. Es ist noch nicht getan und geschehen; es ist aber in Gange und im Schwange. Es ist nicht das Ende; es ist aber der Weg.'
Und auf ihm werden alle Tage sich verändern. AMEN.
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