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Den ganzen Weg gehen - Predigt zum Sonntag Estomihi von Pastor Martin Klatt

Den ganzen Weg gehen - Predigt zum Sonntag Estomihi von Pastor Martin Klatt

Den ganzen Weg gehen - Predigt zum Sonntag Estomihi von Pastor Martin Klatt

# D | Predigten

Den ganzen Weg gehen - Predigt zum Sonntag Estomihi von Pastor Martin Klatt

Predigttext: Lukasevangelium 8, 31-43  

Jesus nahm zu sich die Zwölf und sprach zu ihnen: Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und es wird alles vollendet werden, was geschrieben ist durch die Propheten von dem Menschensohn. Denn er wird überantwortet werden den Heiden, und er wird verspottet und misshandelt und angespien werden, und sie werden ihn geißeln und töten; und am dritten Tage wird er auferstehen. Sie aber verstanden nichts davon, und der Sinn der Rede war ihnen verborgen, und sie begriffen nicht, was damit gesagt war. 

Einen Weg sind sie gegangen miteinander. Ein Weg liegt vor ihnen. Jetzt sind sie hier und noch ist der Weg nicht zu Ende gegangen. Jesus sieht ihn vor sich. Ganz klar. Er sieht mehr, als seine Jünger sehen. Er sieht mehr, als sie sehen wollen. Er sieht das Leiden. Er sieht die Qual. Er sieht, dass sie unausweichlich sind. Niemand sieht das gerne an. 

Es sind auch Worte da, die schon darüber hinaussehen: Vollendung, Auferstehung. Niemand von ihnen kann so weit sehen. Niemand hat ein Bild dafür. Niemand kann das jetzt verstehen. Sie begreifen es nicht. Sie verdrängen. Sie blenden aus. Sie wollen nicht weiter darüber nachdenken. Sie verstehen nicht. Kein Vorwurf!

Kann man es denn verstehen? Warum muss das so sein? Warum muss das so sein? Welchen Sinn hat das? Wie ist das zusammenzubringen mit dem, was sie erlebt haben auf dem Weg zuvor?  

„Es gab kein Licht, nur den Mond auf dem Wasser, sehr weit hinten. Ich … schaute auf die weite Fläche bis zu dem schmalen Streifen, weit weg, wo das Glänzen des Wassers endete und das Dunkel des Himmels begann. All. Ich weiß nicht, ob ich den Namen schon kannte. Während ich schaute, begann die Tiefe des Himmels … zu wachsen. Ich kannte nichts von dem. … Ich … schaute, und hatte keine Ahnung, was eigentlich gerade geschah. In mir, ohne Konsonanten, ohne Vokale – mein Name. Die Welt trat nicht zurück, aber ich trat aus ihr hervor. Mitten aus der Nacht, weil mein Name in mir nachklang. Die ganze Zeit. In einer Weise, in der ich nicht sprach. Darin lag ein Ernst, liebevoll und gleichzeitig unbedingt. Kein Erwachsener hätte ein Kind je so angesehen. In dem Blick lag etwas, ich weiß nicht, wie man das beschreibt, etwas Aufrichtendes, was mir das Gefühl gab, mich selbst ernst nehmen zu müssen. Ein Wissen um mich, das ich nicht nachvollzog. Auffordernd und gleichzeitig zustimmend, gutheißend. Ich war so erstaunt, ich weiß nicht, wie lange ich dasaß. Und dann war ich mir auf einmal ziemlich sicher, und es platzte aus mir raus: « Ach, du bist Gott? » Das ist Gott? Das meinten die Erwachsenen, wenn sie von ihm sprachen?“ 

Esther  ist 5 oder 6 Jahre, als sie das erlebt. Am Abend, im Bett, sagt sie zu ihrer Schwester: « Ich glaub, Gott ist voll nett. » …  Sie schwieg erst. « Wieso? » « Der findet mich gut. Dich wahrscheinlich auch. Der ist voll nett, glaub ich. »  

Gotteserfahrung eines Kindes. Gott ist da. Gott ist bei mir. Gott ist liebevolle Zuwendung. Gott ist ein großes Ja. Moment einer alles umfassenden, nichts ausnehmenden Gewissheit. So wie für die Jünger oben auf dem Berg, als sie Jesus sehen im strahlenden Licht, in seinem göttlichen Wesen.

Unvergesslich. Aber auch: ein Moment, der sich nicht festhalten lässt. Nicht das Ende des Weges.

Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem ... Der Weg hinauf führt in die Tiefe. Er führt in die Tiefe eines grausamen Todes. Sie werden ihn ganz anders sehen. Sie werden nichts mehr verstehen.  

„ « Wir müssen euch etwas ganz, ganz, wir müssen euch », seine Augen und Stimme brachen in Tränen, und wir starrten ihn erschrocken an. Papa weinte nie, er schluchzte nie. … « Wir müssen euch etwas sehr Trauriges sagen », … dann sagte Papa, dass er bald sterben müsse. Dass der Arzt schlechte Nachrichten gehabt hätte und er unheilbaren Krebs hätte und nichts mehr für ihn getan werden könne.“  

Es geschah aber, als er in die Nähe von Jericho kam, da saß ein Blinder am Wege und bettelte. Als er aber die Menge hörte, die vorbeiging, forschte er, was das wäre. Da verkündeten sie ihm, Jesus von Nazareth gehe vorüber. Und er rief: Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner! Die aber vornean gingen, fuhren ihn an, er sollte schweigen. Er aber schrie noch viel mehr: Du Sohn Davids, erbarme dich meiner! Jesus aber blieb stehen und befahl, ihn zu sich zu führen. Als er aber näher kam, fragte er ihn: Was willst du, dass ich für dich tun soll? Er sprach: Herr, dass ich sehen kann.  

Unmittelbar auf das eine folgt das andere. Auf die Ankündigung seines eigenen Leidens folgt die Begegnung mit einem Leidenden. Von seiner eigenen Hilflosigkeit hat Jesus gesprochen, nun soll er Helfer sein. Es ist die Spannung, in die das Leben uns manchmal führt. Einfach so. Ohne dass wir verstehen, warum.  

Was willst du, dass ich für dich tun soll? In dieser Frage Jesu begegnet es wieder: Gottes Da-Sein. Seine liebevolle Zuwendung. In dieser Frage liegt »ein Ernst, liebevoll und gleichzeitig unbedingt«. In seinem Anschauen liegt etwas Aufrichtendes, was einem Menschen das Gefühl gibt, sich selbst ernst nehmen zu müssen. Diese Frage macht aus dem blinden Bettler einen Menschen, der Würde hat. Die Würde angesehen zu sein. Die Würde, gefragt zu werden – gerade da, wo alles ganz klar zu sein scheint. Die Würde, selber entscheiden zu können. Die Würde, kein Objekt, sondern ein Mensch zu sein. Mit einem Namen – auch wenn er nicht genannt wird. Die Würde, Ich sagen zu dürfen. Auffordernd ist die Frage Jesu und gleichzeitig zustimmend, gutheißend. »Ach? So ist Gott?«

Was willst du, dass ich für dich tun soll?  

„Ich will Papa behalten, denke ich leise. … Der Satz spross hinter meiner Stirn und im Herzen, er öffnete sich in meinem Bauch, er zog in meine Füße, er wuchs aus meinen Fingernägeln, er verlängerte mein Haar und lag im Schweiß auf der Haut. … Dieses Gebet, oder wie man es nennen will, was da entstanden war, unterschied sich von allen anderen Hinwendungen, die ich bis dahin zu Gott getan hatte. Ich war das Gebet. Ganz. Ich wollte mit allem, was ich war, dass mein Vater überlebt. … « … Bitte mach Papa gesund.»  -  « Bitte mach ein Wunder, lieber Gott. …» - « Bitte mach, dass er nicht stirbt. »  

Herr, dass ich sehen kann. Mehr Worte braucht es nicht. Die Bitte um ein Wunder. Nicht dahingesagt. Keine spontane Eingebung, sondern Gebet, gewachsen in Tagen des Dunkels. Inniges Wünschen, geworden aus der Sehnsucht nach Leben und der Liebe zum Leben. Gebet eines Menschen, der sich selbst ernst nimmt – in diesem Moment.  

Und Jesus sprach zu ihm: Sei sehend! Dein Glaube hat dir geholfen. Und sogleich wurde er sehend und folgte ihm nach und pries Gott. Und alles Volk, das es sah, lobte Gott. 

In der biblischen Geschichte geschieht das Wunder. Es geschieht, ohne dass erzählt wird, wie es geschieht. Nur, dass der Blinde selbst beteiligt ist daran, dass nicht über seinen Kopf hinweg etwas mit ihm geschieht und er wieder nur Objekt ist. Welch eine Freude! Welch ein Glück! Alle, die dabei sind, werden davon erfasst.

Aber das Wunder geschieht nicht immer.  „Ein halbes Jahr später habe ich das Stockwerk des Krankenhauses zusammengeschrien und kurz vorm Wahnsinn gedacht, ich müsse mir die Haut vom Gesicht reißen, als ich meinen Vater tot im Bett liegen sah. Danach bin ich verstummt. Totenstille die ganze Welt. Still und kalt. Wie wenn Schnee gefallen ist. Ohne Gott. Ohne mich. Und keine Regung mehr. ... Und dann habe ich es dem Gott gesagt. Ins Dunkle hinein. Dass ich ihn hasse. … ich habe ihm geschworen, dass ich nie wieder mit ihm sprechen werde, dass ich ihn den Rest meines Lebens hasse dafür. … Ich habe ihm gesagt: « Ich glaube nicht mehr an dich. Du bist tot. Ich hasse dich. » Und dann war wieder Stille.“  

Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und es wird alles vollendet werden, was geschrieben ist durch die Propheten von dem Menschensohn. Es ist das Leiden des Menschensohns, dass die Menschen ihn hassen. Es ist das Leiden der Menschen, dass sie Gott nicht verstehen.  

Noch ist der ganze Weg nicht gegangen. Noch haben die Jünger nicht verstanden. Was werden sie am Ende verstehen? Von dem Blinden, der sehend geworden ist, heißt es, dass er Jesus folgt. Auch sein Weg ist noch nicht zu Ende. Es ist noch nicht zu sehen, was das mit ihm machen wird, was er sehen wird.  

Und wir? Wir gehen den Weg unseres Lebens. Wir schauen auf das, was sich uns erschlossen hat. Leben mit dem, was uns vielleicht immer unbegreiflich bleiben wird. Wir haben Gott gespürt. Haben wir? Und wie?

Haben zu Gott gerufen. Vernehmen, wie auch wir Gesehene sind und gefragt werden: Was willst du, dass ich für dich tun soll?  Wir sehen einen Weg vor uns. Verheißungsvoll. Beängstigend. Wir wissen um ein Ende. Aber sonst…  

Es heißt – für die Jünger, für den, der gesund wurde, und für den, der starb, für Esther und für uns: Seht, wir gehen hinauf. Das sagt er: Ihr geht nicht allein. Ihr geht nicht ohne mich. Das ist mein Weg.

Mein Weg – mein Weg mit euch – ist auch da nicht zu Ende, wo ihr am Ende seid.                     

AMEN.    

Lit.: Esther M. Magis, Gott braucht dich nicht – eine Bekehrung

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