14/02/2026 0 Kommentare
100. Geburtstag von Ingeborg Bukor: Der besondere Griff
100. Geburtstag von Ingeborg Bukor: Der besondere Griff
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100. Geburtstag von Ingeborg Bukor: Der besondere Griff
Kunst, Menschlichkeit und Kirche. Sie hätte in diesem Monat ihren 100. Geburtstag gefeiert: Ingeborg Bukor (geb. 10. Januar 1926 – 1986)
Umrundet man St. Marien zu Lübeck, so kommt man am Portal der Briefkapelle mit den Türgriffen „Menschengruppe mit Regenschirmen“ von Ingeborg Bukor vorbei. Haben Sie die schon einmal gesehen? Ansonsten…
Es war der erste Auftrag für Lübeck 1976, den Ingeborg Bukor erhielt. Sie entwarf diese bronzenen Türgriffe, die anschließend von einem Kunstgießer im Wachsausschmelzverfahren ausgeführt wurde (ein Glockenguss verläuft im Prinzip ebenso - auch wenn die Urform nicht aus Gips besteht.
Zu sehen sind zwei Gruppen von Menschen. Eng zusammen gedrängt sind Männer, Frauen und Kinder, die aussehen, als ob sie Schutz suchten. Schutz nicht nur vor dem Regen, sondern auch in der Kirche? - Die rechte Gruppe – so sieht es aus – will in die Kirche hinein, die linke ist im Aufbruch nach draußen begriffen (man spannt den Schirm wieder auf). Es scheint nicht nur zu regnen, sondern auch windig und kalt zu sein, denn das Mädchen (2. Figur von li. beim linken Türgriff) hält den Kragen ihres Mantels hoch und zu. - Vom vielen Anfassen der Türgriffe sind die Schirme ganz blank geworden. Wie schön, wenn „Kunst am Bau“ Geschichte(n) erzählt …
Zum Leben von Ingeborg Bukor
Ingeborg Bukor wurde am 10. Januar 1926 in Wien als Tochter des Bildhauers Hans Bukor geboren. Nach dem 2. Weltkrieg arbeitete sie bei Ihrem Vater in der Werkstatt in Lohr am Main. Sie absolvierte von 1948 bis 1953 ein Bildhauerstudium an der Folkwang-Werkschule in Essen. Nach dem Abschluss ihres Studiums arbeitete sie freiberuflich in Essen und stellte Plastiken und Skulpturen für Firmen, Behörden und Privatpersonen her. Die Jahre von 1972 bis zu Ihren Tod am 19. Januar 1986 verbrachte sie in Lübeck. Sie lebte in einem spätgotischen Haus in der Str. Annenstraße Nr. 7 und bildete mit einer Restauratorin eine Ateliergemeinschaft. So war sie in den Jahren 1975, 1976 und 1977 auch an der Restaurierung der Triumphkreuzgruppe im Lübecker Dom beteiligt.
Außer Stein war der Modellierton ein von ihr sehr geschätztes Material. Mit einer Abbindezeit von 20-60 Minuten musste schnell und konzentriert gearbeitet werden, um das gewünschte Ergebnis zu erzielen.
Ein seltenes bzw. einzigartiges Werk in ihrem Spektrum sind die Fenster für die Kirche St. Matthias in Leverkusen-Fettehenne. 1968 von Ingeborg Bukor entworfen und von der Firma Otto Peters in Bottrop ausgeführt. Ingeborg Bukor gestaltete mit Ihren Skulpturen und Plastiken den Raum - mit der Glasmalerei gestaltete sie den Raum ebenso - mit Licht und Farbe.
Sie nahm an verschiedenen Gruppenausstellungen teil. Ihre erste Einzelausstellung wurde zusammen mit Dr. Jens-Uwe Brinkmann (Autor und Kunsthistoriker) kuratiert und im Städtischen Museum Göttingen aufgebaut. Sie vermittelte einen Überblick über das Werk Bukors bis 1975.
In Lübeck gibt es ein weiteres Steinwerk von ihr. „Der Spitz“ für die Schule in der Wilhelmshöhe (1986). Ihr letztes Werk?
Ingeborg Bukor hätte in diesem Jahr ihren 100. Geburtstag gefeiert.
‚Hören’ wir noch einmal ihre ‚geschriebene‘ Stimme:
„Ich mache große Federzeichnungen, kleine Bronzen, große Steinskulpturen. In den abstrakten Arbeiten kann ich viel deutlicher werden als in den figürlichen. Aber Figuren sind - wenigstens inhaltlich vordergründig - für weniger geschulte Menschen vergnüglich. Daß einer dicken Steinfigur ein oft schwieriges Bildhauerproblem innesitzt, muß ja auf den ersten und zweiten Blick nicht zu sehen sein. Die abstrakten Arbeiten sollten beim Betrachter zu Überlegungen anregen, auf deren Weg die Objekte weisen. Sie umschließen etwas, geben etwas frei. Bronzegüsse haben Wandstärken, die aus technischen Bedingungen resultieren. Sockel oder aus Kästen entwickelte Formen setze ich gern gegen weichfließende, gewellte, gefaserte, auch bauchige, rundliche. Nicht alle Arbeiten sind freundlich; es ist nicht einzusehen, warum Empfindungen und Gefühle beim Herstellen so persönlicher Produkte ausgeklammert werden sollten. Stolz mischt sich mit Trauer, Angst und Zurückhaltung, Bescheidenheit. Technische Raffinesse interessiert mich sehr, aber ich verstecke diese Tatsache gern, genauso wie mich selbst.“
So heißt es in ‚Dokumentation Düsseldorfer Künstlerinnen e.V.‘ 1986
Annette Gahn

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