28/12/2025 0 Kommentare
Weihnachtsliedersingen - Predigt zum 1. Sonntag nach dem Christfest
Weihnachtsliedersingen - Predigt zum 1. Sonntag nach dem Christfest
# D | Predigten

Weihnachtsliedersingen - Predigt zum 1. Sonntag nach dem Christfest
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen!
Ein Abend, Ende November im Fußballstadion von Borussia Dortmund. Unaufhörlich füllt sich die Tribüne mit Menschen – heute Abend ist der Signal Iduna Park mal wieder mit mehr als 70.000 Tickets ausverkauft. Viele tragen Mützen und Schals, ein summendes Murmeln geht durch die Reihen, die vorfreudige Spannung ist spürbar. Kinder wippen aufgeregt hin und her, aber auch die Erwachsenen können ihre Vorfreude kaum zurückhalten. Endlich betreten die Akteure des Abends den Platz. In der Menge brandet Jubel auf. Aus den Lautsprechern ertönen die ersten Klänge – und fast augenblicklich stimmt das ganze Stadion ein: „O du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit …“
Liebe Gemeinde,
viele von Ihnen haben die hier beschriebene Veranstaltung sicher sofort erkannt: Das große BVB-Weihnachtsliedersingen, welches sich – präsentiert von „Schauinslandreisen“ – seit einigen Jahren großer Beliebtheit erfreut. Ein riesiges Event, bei dem Menschen zusammenkommen, um nicht nur, aber doch auffallend viele christliche Weihnachtslieder anzustimmen.
Solche Veranstaltungen erleben wir inzwischen an vielen Orten. In einem Land, in dem Singen meistens eher unter der Dusche verortet wird, versammeln sich im Advent plötzlich Tausende in Stadien. Und auch unsere Kirchen sind an den Sonntagen im Advent besser besucht, wenn „Macht hoch die Tür“ angestimmt wird. Weihnachten und die Adventszeit werden zu einem Anlass für gemeinsamen Gesang von Menschen unterschiedlicher Herkunft, unterschiedlicher Interessen. Aber was passiert hier eigentlich? Ist das einfach weihnachtlicher Kitsch, der neben Plätzchen backen und Weihnachtsmarktbesuch einfach dazu gehört?
Ich glaube, da steckt mehr drin und das sollten wir als Gemeinde wirklich ernst nehmen. Singen – das ist mehr als bloße Unterhaltung. Singen ist Ausdruck von Zusammenhalt. Viele einzelne Stimmen verbinden sich zu einer Einheit. Für einen Moment gilt: Ich bin nicht allein. Menschen, die dieselben Töne anstimmen, sind – wenigstens für diese Zeit – auf derselben Wellenlänge. Wie gut kann das tun, in Zeiten gesellschaftlicher Spaltung.
Und wenn wir Weihnachtslieder singen, dann verbinden wir uns nicht nur mit den Menschen neben uns auf der Tribüne oder in der Kirchenbank. Wir schaffen mit diesen Liedern einen Zugang für Menschen zur Musik, wo er sonst verloren gegangen ist. Ich denke, wir als Gemeinde sollten keine Möglichkeit auslassen, weiterhin solche Momente des gemeinsamen Singens zu fördern – auch außerhalb unserer Gottesdienste.
Auch unser heutiger Evangeliumstext hat mit Gesang zu tun. Er ist als der Lobgesang des Simeon in die Geschichte eingegangen – auch wenn der Evangelist Lukas selbst nur vom „Loben“ spricht. Doch die Form, die Worte, der feierliche Ton: All das hat etwas Liedhaftes. Simeon, heißt es, kommt vom Geist geführt in den Tempel. Er sieht Maria und Josef mit dem neugeborenen Kind – und erkennt in diesem Moment: Dieses Kind ist der Christus. Diese Erkenntnis löst etwas in ihm aus. Worte der ungebrochenen Freude und des Lobes für Gott: „Nun lässt du, Herr, deinen Diener in Frieden fahren …“ Mit anderen Worten: Nun kann ich sterben. Nun ist mein Leben vollendet. Was für eine Aussage!
Dieser Lobgesang eines alten Mannes am Ende seines Lebens ist für Christen über die Jahrhunderte so bedeutsam geworden, dass er in viele Abendgebete aufgenommen wurde – im englischen Evensong ebenso wie in mancher lutherischen Abendmahlsliturgie. Menschen haben sich diese Worte am Ende eines Tages und manchmal am Ende eines Lebens zu eigen gemacht: „Meine Augen haben deinen Heiland gesehen, das Heil, das du bereitet hast vor allen Völkern, ein Licht zur Erleuchtung der Heiden und zum Preis deines Volkes Israel.“
Singen ist dabei nicht nur Ausdruck von Freude. Singen bewahrt Hoffnungen und Gewissheiten. Im Singen halten wir etwas fest, das nicht verloren gehen soll. Simeon greift in seinem Lob sehr alte Verheißungen des Propheten Jesaja. Hoffnungen, die schon lange durchgetragen wurden. Später bedienen sich auch die Reformatoren bewusst der Musik. Martin Luther dichtet Lieder – teils angelehnt an bekannte Volksweisen –, damit Menschen das Vaterunser, die Zehn Gebote, reformatorische Erkenntnisse nicht nur hören, sondern auch verinnerlichen.
Wenn wir also Weihnachts-Lieder singen, dann tun wir das nicht nur mit dem Ziel, altbekanntes zu bewahren. Wir tragen etwas von der Weihnachtshoffnung weiter bis sie sich einmal vollständig erfüllt: Die Sehnsucht nach einer helleren Welt, das Vertrauen darauf, dass Gott selbst in diese Welt kommt, Teil von ihr wird und alle Menschen Heilung erfahren. Und diese Hoffnung endet nicht mit Weihnachten. Mit Blick auf das neue Jahr frage ich mich: Welches Potential steckt noch in unseren anderen – alten und neuen – Kirchenliedern, über Weihnachten hinaus, die uns durch das Jahr begleiten werden?
Ein weiterer Blick auf den Text: Maria und Josef stimmen nicht mit ein in den Jubel. Sie singen nicht. Sie „wundern sich“, heißt es. Und Simeon erklärt seinen Jubel. Er schaut nicht nur zurück. Er blickt nach vorne:
„Siehe, dieser ist gesetzt zum Fall und Aufstehen vieler in Israel und zu einem Zeichen, dem widersprochen wird […]“
Auch das gehört zum Singen dazu: Kein Lied fällt einem einfach zu. Man muss es sich aneignen, einen Zugang finden – oder eher einen Umgang. Dieser Jesus wird nicht nur Zustimmung finden. Er wird Hoffnungen erfüllen – und zugleich Konflikte auslösen. Simeon singt, weil er in diesem Kind die Erfüllung sieht. aber gleichzeitig schon weiß: Dieser Weg Jesu wird schmerzhaft sein. Singen ist deshalb immer auch eine vorsichtige – manchmal sehr unmittelbare – Annäherung an das, was das Leben in dieser Welt – über eine schöne Weihnachtsgeschichte hinaus – bedeuten kann.
Die Geschehnisse der Christnacht – aber auch vieles, was wir in dieser Welt sehen und hören – stehen nicht für sich. Sie wollen gedeutet werden. Und jede und jeder darf einen eigenen Zugang finden. Lieder helfen dabei, Worte zu finden, wo man sonst sprachlos bleibt. Sie machen Mut. Sie geben Gefühlen eine Stimme – auch denen, die man sonst kaum aussprechen kann. „Damit die Gedanken vieler Herzen offenbar werden“, so beschreibt es Simeon.
Wenn wir also Lieder singen – ob an Weihnachten oder einem anderen Tag in unserem Leben – dann darf darin auch Platz haben für das, was uns selbst bewegt. Für Hoffnung und Zweifel. Für Dankbarkeit und Müdigkeit. Für das, was wir sonst nicht in Worte fassen können. Paul Gerhardt schrieb seine heute bekanntesten Kirchenlieder unter den Eindrücken eines 30-jährigen Krieges. Hören wir das heute noch, wenn wir sie singen? Und hören wir, wenn andere Menschen ihre Lieder singen, aus denen manchmal eben auch Trauer oder Angst spricht? Ich glaube, dass wir als singende Gemeinde auch genau hinhören sollten, was Menschen außerhalb unserer Mauern singen.
Zurück ins Stadion von Borussia Dortmund: Der stimmungsvolle Abend endet tatsächlich nach 90 Minuten nicht mit einem klassischen christlichen Weihnachtshymnus, sondern mit einem aus der Popkultur, das sich beim genauen Hinhören aber auch hier seinen Platz haben könnte. Da singen 70.000 Menschen nicht von dem Kind in der Krippe, sondern von sich selbst und ihrer eigenen Gotteskindschaft: Wir können nicht weitermachen, als würde jeden Tag jemand irgendwo bald etwas verändern. Wir sind alle Teil von Gottes großer Familie, und die Wahrheit ist, dass die Liebe alles ist, was wir Menschen brauchen. „We are the world. We are the children […]” Amen.
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