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Er gehört zu mir: Von der Jordantaufe und der Liebe. Predigt am 1. Sonntag nach Epiphanias

Er gehört zu mir: Von der Jordantaufe und der Liebe. Predigt am 1. Sonntag nach Epiphanias

Er gehört zu mir: Von der Jordantaufe und der Liebe. Predigt am 1. Sonntag nach Epiphanias

# D | Predigten

Er gehört zu mir: Von der Jordantaufe und der Liebe. Predigt am 1. Sonntag nach Epiphanias

Und plötzlich bekommt die Liebe eine Stimme, liebe Gemeinde. Vor 50 Jahren, Mitte der 70er Jahre. Da haben die 68er schon manchen Muff unter Talaren beklagt und verjagt. Haben demonstriert, proklamiert, die Gesellschaft verändert. Auch in Fragen der Liebe. Die „wilde Ehe“, das Zusammenleben ohne Trauschein, ist noch nicht normal, aber zumindest nicht mehr skandalös. In akademischen Milieus ist es akzeptiert, in ländlichen Gegenden, bei der älteren Generation dauert das noch. Homosexuelle Liebe ist endlich straffrei, bleibt aber häufig „Charakterschwäche“ oder „Privatsache, über die man nicht spricht“. Offene queere Paare sind im Alltag kaum sichtbar, aus Gründen: Arbeitsplatzverlust, Sorgerechtsentzug, Ausschluss aus Familien, wie viele haben das erlebt? Ich war damals gerade erst geboren, aber ich erinnere das Klima meiner frühen Kindheit: Wer zusammenlebt ohne Ehe, „spielt nur Familie“. Wer anders liebt, soll unsichtbar bleiben, „das gehört sich nicht.“ Wer auffällt, lernt schnell: Regeln und Gesetz haben sich bewegt, die Nachbarschafft nicht. Man darf mehr als früher, aber nicht offen. Liebe ist Privatsache, heißt es. Dann kommt dieses Lied, und die Liebe bekommt eine Stimme. „Er gehört zu mir, wie mein Name an der Tür.“ Kein Vielleicht. Kein Versteckspiel. Ein Satz, der in einer Zeit der halben Freiheiten fast schon ein Bekenntnis ist. Zugehörigkeit wird öffentlich. Liebe wird hörbar. „Er gehört zu mir. Und ich weiß: er bleibt hier!“

Ist es wahre Liebe? Das ist mehr als ein Schlager. Eine Frau dreht die Rollen um. Anmaßend, besitzergreifend, hieß es in den 70er Jahren. Männern stand das Frauen gegenüber zu. Die konnten sagen: Die gehört mir. Diese Frau aber ordnet sich nicht unter. Träumt nicht von Heirat und davon, den Namen eines Mannes anzunehmen. Sie steht frei zu ihrer Liebe. Bekennt: Du gehörst zu mir. So wie du bist. So wie ich bin. Komme was mag. „Nie vergess‘ ich unsern ersten Tag.“ Seit 50 Jahren ein Hit, bald nicht nur von Frauen, sondern auch Männern selbstbewusst gesungen. Da hatte auch queere Liebe eine Stimme, und das ist gut so.

Besitzergreifend oder befreiend, wie ist das, wenn die Liebe die Stimme ergreift? Wenn die Liebe eine Stimme hat aus heiterem Himmel? Als Jesus getauft war, stieg er alsbald herauf aus dem Wasser. Und siehe, da tat sich ihm der Himmel auf, und er sah den Geist Gottes wie eine Taube herabfahren und über sich kommen. Und siehe, eine Stimme aus dem Himmel sprach: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe. 

Zu der Zeit, in der Johannes Umkehr fordert und Veränderung, macht Gott seine Liebe öffentlich. Ist Gott Liebe. Hat die Liebe eine Stimme an einem entscheidenden Punkt ganz am Anfang. Jesus hat noch kein Wunder getan, keine Predigt gehalten, keinen Kranken geheilt, keine Jüngerin berufen. Bevor Jesus irgendeinen Erfolg vorweisen kann, sagt Gott: Du bist mein geliebtes Kind. Nicht: „Du wirst es sein, wenn du…“ Nicht: „Du bist es, weil…“ Sondern einfach: „Du bist es.“ Er gehört zu mir. Wie mein Name. Wir sind eins.

Manche Sätze verändern ein Leben. Ich liebe dich. Ich stehe zu dir. Oder: Du gehörst zu mir. So ein Satz fällt am Jordan in diesem Moment. Jesus lässt sich taufen, ziemlich unspektakulär eigentlich. Einer von vielen, mitten unter anderen Menschen. Kein Wunder, kein großer Auftritt. Nur Jesus und Johannes, das Wasser und ein paar Worte: Lass es jetzt zu. Da öffnet sich der Himmel, und die Stimme sagt: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe. Du bist mein geliebtes Kind. An dir habe ich Freude. Und damit ist die Liebe bekannt. Ab jetzt ist Jesus eine öffentliche Person. Von nun an wird er wahrgenommen.

Er gehört zu mir. Das war damals skandalös. Das ist es im Grunde immer noch, denn es steht quer zur herrschenden Meinung. Die ganze Geschichte mit Jesus und Gott, dieser Weg von der Taufe bis schließlich zum Tod, zum Kreuz, ist ein Skandalon, schreibt Paulus. Ein Gott, der Mensch wird? Der nicht allmächtig herrscht, sondern freiwillig auf Heu und Stroh liegt? Der sich taufen lässt und später beleidigen und schlagen, der schließlich elend verreckt am Kreuz? Lächerlich, irrwitzig, absurd, für eine Gottheit undenkbar. Wir aber berufen uns ausgerechnet auf ihn. Auf das Kreuz. Auf ein Zeichen der Schande, mit dem in der Römerzeit Verbrecher brutal hingerichtet wurden. Das ist eine „Torheit“ für Menschen damals und ein schlechter Witz für viele bis heute. Menschen brauchen Sicherheit, wollen besitzen, stark sein, ihr Leben im Griff haben. Dieser Jesus aber stellt sich auf die Seite der Schwachen. Geht zu denen, die sich nach Umkehr sehnen. Nach einer anderen Welt. Nach Liebe und Freiheit und Gerechtigkeit. Die trifft er zum ersten Mal dort am Jordan, wo sie fasziniert sind vom Täufer Johannes. Damit wird es öffentlich. Zu der Zeit kam Jesus aus Galiläa an den Jordan zu Johannes, dass er sich von ihm taufen ließe. Aber Johannes wehrte ihm und sprach: Ich bedarf dessen, dass ich von dir getauft werde, und du kommst zu mir? Jesus aber antwortete und sprach zu ihm: Lass es jetzt zu! Denn so gebührt es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen.

Johannes ruft zur Buße. Jesus ruft von nun an Menschen in die Nachfolge. Jesus selber braucht keine Umkehr. Aber er setzt sich so radikal mit denen gleich, die sie brauchen, dass er sich taufen lässt. Für alle, die sich schuldig fühlen, die leiden am Zustand der Welt, die Erneuerung suchen, bringt er nun Gerechtigkeit. Bringt die gerechte Gesellschaft, um die besonders Matthäus in seinem Evangelium ringt. In diesem Moment zwischen den beiden Männern im Fluss erfüllt sich nicht nur die Gerechtigkeit für alle, sondern alle Gerechtigkeit. Wortwörtlich. Hier, in der Taufe, wird das plötzlich wirklich und wahr.

In den wenigen Worten steckt also unfassbar viel: Jesus identifiziert sich mit den suchenden, verletzlichen, schuldbeladenen Menschen. Und Gott identifiziert sich mit seinem Sohn. Mein Kind. Er gehört zu mir. Wir sind eins. Diese Zusage in der Taufe steht wie ein großes Ausrufezeichen ganz am Anfang. Sie rahmt das Matthäusevangelium. Am Anfang steht die Taufe im Jordan, am Ende der Auftrag zur Taufe, den Jesus seinen Vertrauten gibt: Geht hin in alle Welt und tauft die Menschen auf meinen Namen. Erzählt allen von dem, was ich euch gesagt habe. Macht die Menschen frei von aller Verstrickung. Der Taufauftrag ist das zweite Ausrufezeichen am Ende. Bei jeder Taufe hier im Dom und überall sonst wird daran erinnert, wenn wir den Namen eines Taufkindes in einem Atemzug nennen mit dem Namen des dreieinigen Gottes. Da scheint himmlische Gerechtigkeit auf. Eröffnet neues Leben. Eröffnet neue Perspektiven. Entdecke die Möglichkeiten. Siehe, ich mache alles neu!

Alles neu? Alle Möglichkeiten? Die Logik der Welt funktioniert meistens anders. Anerkennung gibt es für Leistung. Zugehörigkeit für Anpassung. Liebe besser auf Probe, und Nächstenliebe hat kaum Konjunktur. Gott aber durchbricht dieses System. Am Jordan wird klar: Der Wert eines Menschen steht nicht am Ende, sondern am Anfang. Vor allem anderen. Egal, was du leistest. Egal, wen du liebst. Egal, wie du lebst. Du gehörst zu mir, sagt Gott. Wie dein Name an der Tür. Wie mein Name, auf den du getauft bist. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein. Zärtlich, stolz und selbstverständlich steht das über der Taufe, über jedem Christenleben. Nicht versteckt. Nicht heimlich. Nicht zögerlich. Die Liebe sagt laut und öffentlich: Dieser Mensch gehört zu mir. Bei mir bist du sicher. Darfst du zu Hause sein. Heißt für jedes Taufkind, ob groß oder klein: Du gehörst dazu. Du kannst leben und lieben aus dieser Liebe in aller Freiheit. Hier ist wahre Liebe, die niemals vergeht.

Jesus geht übrigens nach der Taufe in die Wüste. Die Zusage bewahrt ihn nicht vor Prüfungen. Aber sie trägt ihn hindurch. Die Worte „Du bist mein liebes Kind“ nehmen nicht jede Angst. Aber sie geben Grund unter die Füße. Wer sich geliebt weiß, muss sich nicht ständig beweisen. Wer dazugehört, braucht nicht ausgrenzen. Wer einen Namen bei Gott hat, kann frei werden, auch anderen ihren Namen zu lassen und ihre Würde. Kann ein Lied davon singen, was es heißt, geliebt zu werden. Kann selbstbewusst und frei der Liebe ihre und seine Stimme geben.

Amen

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