26/12/2025 0 Kommentare
Der schweigsame Josef. Predigt zum 2. Weihnachtstag
Der schweigsame Josef. Predigt zum 2. Weihnachtstag
# D | Predigten

Der schweigsame Josef. Predigt zum 2. Weihnachtstag
Es ist zum Davonlaufen, liebe Gemeinde. Wie reagiert man da? Also Mann mit Doppel-N: Wie reagiert ein Mann da? Schlägt er zu? Er könnte mit Gewalt zeigen, wer Herr im Haus ist. Geht gar nicht! Schlägt er sich heulend die Nacht um die Ohren? Er kann in Anklage und Selbstmitleid versinken. Oder verschlägt es ihm die Sprache? Er könnte sie zur Rede stellen, schließlich hat sie ihm das alles eingebrockt. Nennen wir die Dinge beim Namen. Sie ist schwanger, aber nicht von ihm. Maria war mit Josef verlobt. Sie hatten noch nicht miteinander geschlafen. Da stellte sich heraus, dass Maria schwanger war – aus dem Heiligen Geist. Ihr Mann Josef lebte nach Gottes Willen, aber er wollte Maria nicht bloßstellen. Deshalb wollte er sich von ihr trennen, ohne Aufsehen zu erregen. Dazu war er entschlossen.
Zum Davonlaufen, jawohl. Heimlich, still und leise. Um sie nicht in Schwierigkeiten zu bringen. Heißt es. Oder um selber unbeschadet aus der Affäre zu kommen. Sie wird den Babybauch ja nicht verstecken können. Ohne ein Wort will er weg. Doch da ergreift jemand für ihn das Wort. Im Traum. »Josef, du Nachkomme Davids, fürchte dich nicht, Maria als deine Frau zu dir zu nehmen. Denn das Kind, das sie erwartet, ist aus dem Heiligen Geist. Sie wird einen Sohn zur Welt bringen. Dem sollst du den Namen Jesus geben. Denn er wird sein Volk retten: Er befreit es von aller Schuld.« Wenn die himmlische Samenspende das erste Wunder der Weihnachtsgeschichte ist, dann folgt hier gleich das zweite: Josef bleibt. Josef schlägt nicht um sich. Nicht mit Worten, nicht mit Fäusten. Josef läuft nicht weg. Er sagt nicht: Ich zuerst. Er kehrt nicht seine Stärke heraus, seine Überlegenheit, seine verletzte Ehre, sein angekratztes Ego. Josef bleibt. Und Josef schweigt. Unmännlich? Zum Davonlaufen? Unverständlich bestimmt zu seiner Zeit und in seiner Umgebung, unter seinen Männerfreunden.
Josefs Rolle in dieser entstehenden Patchworkfamilie ist erstaunlich. Überhaupt dieser Josef in der biblischen Tradition. In der ganzen Bibel sagt Josef kein einziges Wort. Josef schwingt keine Rede. Hat keinen großen Auftritt. Keinen Anspruch auf Sichtbarkeit. Und doch trägt er Verantwortung in einer Situation, die existenzieller kaum sein könnte. Ein Kind ist unterwegs, das nicht von ihm ist. Eine Frau, in ihrer Situation gesellschaftlich schutzlos, ist angewiesen auf ihn. Eine Lage, die seinen Ruf, seine Zukunft, sein Leben gefährdet. Josef hätte Macht gehabt – die Macht des Gesetzes, die Macht der öffentlichen Bloßstellung, die Macht des Rückzugs. Er nutzt sie nicht.
Josef hält den Mund. Er bleibt wörtlich im Passiv. Um ihn herum ist bald alles in Aufregung. Im Verlauf der Weihnachtsgeschichten reden und jubeln alle durcheinander. Maria sagt fromme Worte, Engel singen, Kaiser befehlen, Könige und Hirten beschenken das Kind – und Josef ist einfach nur da. Weil er still bleibt und nur indirekt handelt, übersieht man ihn leicht. Weil er nichts sagt, hält man ihn für einen, der nichts zu sagen hat und gerade gut genug ist zum Wasserholen und Essenkochen. Josef braucht keine Worte. Er tut, was er kann. Was nötig ist. Es gibt alte Bilder von Josef, da sitzt er neben dem Bett mit seiner Frau und dem Kind und kocht Brei in einem großen Topf. Josef, der erste Mann am Herd.
Josef läuft nicht davon. Aber was kommt da auf ihn zu? Was ändert sich alles mit der Geburt? Sein ganzes Leben und Marias, das wird ihm klar. Aber was ist mit dem Rest der Welt? Die Welt, in der Leute wie Herodes Kinder töten lassen. Die Welt, in der Menschen auf der Flucht sind und kein Dach über dem Kopf haben. Eine Welt, in der viel zu vieles nicht ist, wie es sein sollte.
Josef, der zuhört und zupackt, traut dem Trubel nicht. Er bleibt, weil er eben auch ein Träumer ist. Im Traum war da der Engel und hat ihm gesagt: „Lauf nicht weg. Auch wenn du es nicht begreifen kannst: Lauf nicht weg. Du wirst gebraucht.“
Josef, der still bleibt, der nicht mitsingt und nicht in den Jubel einstimmt, dieser träumende Realist ist vielleicht der erste, der spürt: Da verändert sich etwas in dieser Welt, in der viele vor sich selbst davonlaufen. Josef, der stille Beobachter, sieht: Da sind die Menschen nicht plötzlich wie ausgetauscht. Die Welt ist nicht mit einem Schlag anders. Aber da singen Menschen gegen ihre eigene Angst an und erleben darin einen tiefen Frieden. Mitten in der Dunkelheit scheint ein Licht auf in vielen Herzen. Es bleibt noch viel zu tun, aber nun tragen die Menschen eine Freude in sich, die ihnen niemand nehmen kann.
Die Bibel überliefert kein einziges Wort von Josef. Aber sie überliefert sein Handeln. Sie nennt die Dinge beim Namen, denn Josef nennt das Kind beim Namen. Jesus, Gott rettet. Immanuel, Gott mit uns. Josef, der verzweifelt einen Ausweg sucht für sich und für Maria in dieser verfahrenen Situation, erkennt Gottes rettendes Handeln in der Ausweglosigkeit. So entscheidet er sich gegen die eigene Kränkung. Er schützt, statt zu entlarven. Er hört zu – nicht den Stimmen der Angst oder der Ehre, sondern dem leisen Wort Gottes im Traum. Und dann steht er auf und tut, was nötig ist. Er übernimmt Verantwortung für ein Leben, das ihm nicht gehört. Er bleibt im Hintergrund, damit andere leben können.
Was für ein Kontrast zu dem Männerbild, das sich viele gerade wünschen in unserer Zeit. Da wird geredet, bevor gedacht wird. Da wird Stärke gezeigt, indem man andere klein macht. Da gilt Nachgeben als Schwäche und Zuhören als Verlust. Da wird Verantwortung delegiert, Schuld verschoben, Menschlichkeit zur Nebensache erklärt. Die Bühne ist groß, das Ego größer, das Vertrauen klein. Zum Davonlaufen, echt!
Josef zeigt eine andere Art von Macht und von Männlichkeit: die Freiheit der Selbstbegrenzung. Die Stärke, nicht alles auszuschöpfen, was einem möglich wäre. Das Vertrauen, sich führen zu lassen. Die Gabe, Verantwortung zu übernehmen, ohne Applaus zu erwarten. Er dominiert nicht – er dient. Er setzt sich nicht durch – er setzt sich aus. Und gerade darin wird er stark. Josef ist kein Held nach den Maßstäben der Schlagzeilen. Aber er ist ein Mann, auf den Menschen sich in ihrem Leben verlassen können. Einer, der nicht fragt: Was bringt mir das?, sondern: Was wird gebraucht? Einer, der nicht im Mittelpunkt stehen muss, um wirksam zu sein. Einer, der weiß: Wahre Größe zeigt sich nicht im Durchsetzen, sondern im Durchhalten; nicht im Besiegen, sondern im Bewahren.
Und es ist Josef, der später die Stimme wieder hört. Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter und flieh nach Ägypten. Bleib in dieser unmenschlichen Welt nicht da, wo du bist. Ändere deinen Standort. Geh los. Geh neue Wege. Das ist eigentlich die Kurzfassung der Weihnachtsgeschichte. Eine Kurzfassung in vier Worten, gerichtet an den schweigsamen Josef: „Nimm das Kind mit.“ Du wirst gebraucht. Steh auf!
Die Hirten kehren wieder um. Sie haben sich gewärmt im Stall, sie haben gestaunt, und sie überlassen das Kind wieder der Mutter. Die Weisen kehren um in ihr fernes Land. Sie haben ihre Geschenke gebracht und nehmen einen anderen Weg. Die Engel verschweben und sind nicht mehr zu sehen. Nur das Kind bleibt. Das Kind und der Glanz, der von ihm ausgeht. „Nimm das Kind mit.“ Das hört Josef und weicht nicht zurück. Er ist mutig, und er macht anderen Mut. Josef tut, was er hört. Er flieht, um zu retten. Mit Frau und Kind macht er sich auf, allen Gefahren zum Trotz.
„Nimm das Kind mit“ – das hört Josef und das hören wir. Wenn es gut geht, dann tun wir genau das. Dann ändern wir unseren Weg und unsere Richtung. Das ist kein bequemer Weg. Aber ein guter. So können wir Weihnachten feiern mit dem Schein dieses Lichtes im Herzen. Mutig und ohne große Worte. Josef wusste, was zu tun ist gegen die Kälte im Stall und gegen den Hunger im Bauch. Er ahnte, wie die Lieder die Welt ein wenig wärmer und wohnlicher machen. Er tat, was nötig war, ohne viel Reden. Ich wünsche mir mehr Männer wie Josef. Mehr Menschen wie er. Die nicht abhauen, sondern Verantwortung übernehmen. Die anderen Mut machen und die Welt dadurch verändern. Nehmt das Kind mit. Tragt den Glanz weiter. Gott ist da. Allen Gefahren zum Trotz.
Amen
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